Finn-Ole Heinrich: Gestern war auch schon ein Tag

Herbst, das ist die Sommerernte. Im Herbst sitzen, Beine auf dem Tisch und den Gaumen voll Spätsommer. – Sie hat den Herbst gewonnen

So und nicht anders stelle ich mir die perfekte Kulisse für die Lektüre des 2009 im mairisch Verlag erschienenen Erzählungsbandes von Finn-Ole Heinrich vor. Der Autor versammelt darin acht wunderbare Kurzgeschichten, die mal länger, mal kürzer, aber immer äußerst intensiv gestaltet sind. Intensiv in verschiedener Hinsicht. Da gibt es beispielsweise Susan in der ersten Geschichte des Bandes, die den Titel Zeit der Witze trägt. Susan hat ein Bein verloren. Sie scheint damit klarzukommen, ihr Freund nicht — und so erlebt der Leser mit, wie sich zwei Menschen aufgrund einer veränderten Äußerlichkeit emotional voneinander entfernen. Diese Distanz, die Susans Freund als Ich-Erzähler aufbaut, ist schockierend und doch irgendwie nachvollziehbar.

Ihr Körper ist nicht mehr der Körper, den ich noch im Balkonsommer unbedingt haben wollte. Ich will den neuen nicht. Ich will kein Mensch sein, der vor einer Behinderung flieht. Ich mag so einen Menschen nicht. Ich bin so ein Mensch. –Zeit der Witze

Genau diese Ambivalenz hat mich noch lange zum Nachdenken angeregt, vor allem zur Reflexion meines eigenen Verhaltens. Finn-Ole Heinrich gelingt es, mit einer erschreckend klaren und alltagsnahen Sprache, die kleinen Zwischenmenschlichkeiten unserer Zeit abzuzeichnen. Immer wieder zeigt der Autor ohne großen Pathos, wie leicht ein Mensch aus der Bahn geworfen werden kann und wie dieser wieder in die Spur findet oder manchmal eben auch nicht. Besonders die längste Geschichte des Buches mit dem schlichten Titel Marta hat mich beeindruckt. Die Protagonistin dieser Erzählung ist krank, so krank, dass jeder es ihr sofort von außen ansieht. Paul lernt Marta zufällig kennen. Er ist fasziniert von ihrer Gelassenheit, von ihrer ständig präsenten Freiheit, die sie um jeden Preis auslebt. Beide tun sich gegenseitig gut, Paul kann sich erfolgreich mit Martas Hilfe vom Schreiben seiner Abschlussarbeit ablenken und lernt wohl zum ersten Mal in seinem Leben, was es heißt, sich treiben zu lassen. Paul wiederum bietet Marta ein gewisses Maß an Stabilität und gibt ihrem haltlosen Lebensstil einen Rahmen. Die Story der beiden lehrt mich vor allem eins: dass es nicht nötig ist, Beziehungen zwischen zwei Menschen immer kategorisieren zu müssen. Sicherlich ist da zwischen den beiden so etwas wie Liebe, aber eben auch ganz viel Freundschaft und noch eine andere undefinierbare Verbundenheit, die stets mit einem Gefühl von Melancholie unterlegt wird.

Marta schlief noch. Ich weiß nicht, wie lange ich ihr dabei zugesehen habe. Wie sie dalag und zuckte, ein unregelmäßiges, fast musikalisch wirkendes Zucken. […] So lag sie vor mir, wie das Ende einer Geschichte, deren schönste Momente ich längst verpasst hatte. – Marta

In der letzten Geschichte des Bandes, Wenn man gesungen sagt, zeigt sich, dass der Tod eines lieben Menschen auch eine Art Befreiung sein kann. Elli hat sich jahrelang um ihren behinderten Bruder als auch um ihre mehr und mehr in Demenz versinkende Großmutter gekümmert. Nun ist die Großmutter gestorben, was dazu führt, dass Ellis großer Bruder Willem nach langer Zeit in das Haus seiner Kindheit zurückkehrt. An ihre Oma denkt die Protagonistin mit gemischten Gefühlen zurück. Sie und auch ihre Geschwister verdanken ihr sehr viel. Die Eltern der Kinder kamen bei einem Autounfall ums Leben, die Großmutter nahm die drei danach bei sich auf. Dennoch schwingt mit dem Tod der alten Frau auch ein Hauch Erleichterung in Elli mit.

Großmutter war eine verknitterte Erinnerung an die Frau, die Tom und mich und für eine Zeit lang auch Willem damals aufgenommen hatte. […] Als sie das erste Mal morgens in der Küche saß, mit leerem Gesicht und Einkaufstüte auf dem Kopf, habe ich noch gelacht und gehofft, das sei Humor. […] Zum Schluss hat man es auch von außen gesehen […] und ich dachte: Wie schnell das alles ging, und wie wenig übrig geblieben ist. – Wenn man gesungen sagt

Finn-Ole Heinrich bringt damit das scheinbar Unaussprechliche zur Sprache und verpackt es so geschickt, dass es plötzlich legitim scheint, gesellschaftlich tabuisierte Gedanken offen zu legen. Gestern war auch schon ein Tag ist ein wertvoller Erzählungsband, über dem stetig ein Hauch von Melancholie zu schweben scheint. Die acht Kurzgeschichten erzeugen jeweils unterschiedliche Welten, in die es sich lohnt, einzutauchen — nicht nur an Herbsttagen.

 

Finn-Ole Heinrich Gestern war auch schon ein TagFinn-Ole Heinrich Gestern war auch schon ein Tag

Finn-Ole Heinrich
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Erzählunge
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mairisch Verlag

ISBN 978-3-938539-14-9
Oktober 2009

Kategorie Blog, Indiebooks
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

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