Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

Ich habe immer geglaubt, dass manche Orte Magnete sind und dass man angezogen wird, sobald man in ihre Nähe kommt. Und zwar auf unmerkliche Weise, ohne dass man etwas ahnt. Eine abschüssige Straße kann schon genügen […]. Oder ein Regenschauer. Und das führt einen dann genau zu dem Punkt, wo man stranden musste. Mir scheint, das Condé besaß […] diese magnetische Kraft […].

Patrick Modiano Im Café der verlorenen Jugend

Als im letzten Jahr der Literaturnobelpreis an Patrick Modiano verliehen wurde, war mir der französische Autor noch kein Begriff. Das sollte sich schnell ändern, als ein Freund mir im vergangenen Dezember Modianos Im Café der verlorenen Jugend schenkte. Dass ich dieses Büchlein so lieb gewinnen würde, wusste ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht.

Modiano wurde für sein schriftstellerisches Werk, in dem er immer wieder die konträren Sujets des Erinnerns und Vergessens thematisiert, ausgezeichnet. Im Café der verlorenen Jugend greift diese beiden Themen, die jeden Menschen früher oder später berühren, auf und geht dabei noch weiter. Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die junge, geheimnisvolle Jacqueline. Sie kehrt regelmäßig im „Café Condé“ ein und erhält dort den Namen „Louki“, mit welchem sie sich schnell anfreundet. Beschrieben und erlebt wird Louki aus verschiedenen Erzählperspektiven, die allesamt durch das junge Mädchen miteinander verknüpft sind und sich rückblickend erinnern. Doch werden auch die Einzelschicksale der jeweiligen Erzähler in den Fokus gerückt. Ein stiller, anonymer Beobachter im „Condé“ eröffnet den Roman und beschreibt den zentralen Ort als eine Art Enklave der Pariser Bohème, in der er selbst, als Student der Bergakademie, keinen Platz findet.

Ich war ein sehr unauffälliger Gast im Condé und hielt mich immer ein wenig abseits, begnügte mich mit Zuhören. Und mehr brauchte ich nicht. Ich fühlte mich wohl unter ihnen. Le Condé war für mich ein Hort gegen alles, was ich auf mich zukommen sah vom Grau-in-Grau des Lebens. Einen Teil meiner selbst — den besten — würde ich dort eines Tages zurücklassen müssen.

So genügt es ihm, die Besucher des Condé tagtäglich zu beobachten — vor allem die hübsche Louki. Durch seine Beobachtungen und Vermutungen über die Unbekannte schafft er sich Bezugspunkte in seinem Leben und versucht so der drückenden Anonymität der Großstadt Paris zu entrinnen. In der Mitte des Romans kommt dann Louki selbst zu Wort und erinnert sich an Schlüsselszenen aus ihrem Leben. Es wird deutlich, warum das „Condé“ für sie zu einem Sehnsuchtsort geworden ist und wie sie vor langer Zeit ihre Jugend verlor. Patrick Modiano arbeitet in seinem Werk mit der Retrospektive, er lässt seine Figuren zurückblicken. Doch am Ende konnte ich nur erahnen, wie Loukis Leben aussieht — sie bleibt eine Person, die ich nur aus der Distanz betrachten kann. Schemenhaft entrinnt sie meiner Vorstellungskraft immer dann, wenn ich gerade das Gefühl habe, sie ansatzweise zu erfassen. So geht es auch Roland, einem Schriftsteller, der Louki liebt und mit dem sie eine Weile in verschiedenen Pariser Wohnungen lebt. Rückblickend erklärt er:

Noch heute passiert es mir, dass ich abends eine Stimme höre, die meinen Vornamen ruft, auf der Straße. Eine heisere Stimme. […] und ich erkenne sie sofort: Loukis Stimme. Ich drehe mich um, aber da ist niemand.

Patrick Modiano Im Café der verlorenen Jugend

Stilistisch verzaubert Im Café der verlorenen Jugend durch eine einzigartige Sprachwelt, die verträumt und schwerelos, auf der anderen Seite auch lakonisch anmutet. Bei aller Leichtigkeit schwingt im Text stets ein Hauch von Traurigkeit und Weltschmerz mit. Diese Gegensätze und die besondere Perspektivstruktur machen diesen Roman zu etwas Besonderem. Im Café der verlorenen Jugend zeigt mir, dass Erinnerungen verblassen, Details verschwinden und das Vergessen unaufhaltsam ist. Dennoch zählt am Ende das Gefühl, das ein Mensch mit einem anderen Menschen gedanklich verbindet. Und Loukis Geschichte macht noch mehr mit mir: Beim Lesen zeichnet sich das Paris der Sechzigerjahre ganz klar vor meinen Augen ab und ich bekomme plötzlich furchtbare Reiselust, möchte die Orte aus dem Roman besuchen, erkunden und dabei die französische Hauptstadt noch einmal von einer ganz neuen Seite erleben. Modianos Buch ist ein wunderbar atmosphärischer und aufreibender Roman über eine Frau, die ganz unfreiwillig in den Mittelpunkt der Handlung rückt und ein Paris, das es so heute (leider) nicht mehr gibt.

Patrick Modiano Im Café der verlorenen Jugend

Patrick Modiano

Im Café der verlorenen Jugend

dtv

ISBN: 978-3-423-14274-8

erstmals 2007 erschienen

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

6 Kommentare

  1. Liebe Juliane, nun bin ich auch auf Deinen Blog aufmerksam geworden und entdecke einige Parallelen zu meinem Lesegeschmack.

    Das gilt auch für Modiano. Als ob wir uns beim Bloggen abgesprochen hätten 🙂

    LG
    Stefan

    • Lieber Stefan,
      ja, ich habe vor einigen Tagen auch deinen Blog durchstöbert. Gefällt mir ebenfalls sehr gut! 🙂
      (Mein Blogpartner Stefan (noch ein Zufall!) findet das übrigens auch.)
      Ich muss ja zugeben, dass ich beim Betrachten eines neuen Blogs als allererstes auf die Titelauswahl achte und da war ich bei deinem Blog sofort überzeugt…natürlich, weil sie meinem Geschmack sehr ähnlich ist.

      Modiano ist auch einfach wunderbar, muss bald mal wieder ein Buch von ihm lesen. Hast du ein Lieblingsbuch von ihm oder ist das vielleicht sogar das „Café“? Na, ich bin gespannt, welche Rezensionsparallelen zwischen unseren Blogs in Zukunft noch so auftreten.

      Liebe Grüße
      Juliane

  2. Liebe Juliane,
    das Café ist tatsächlich mein Lieblingsbuch von Modiano. Nirgends sonst überkam mich diese Art von Sehnsucht genießerischer Melancholie. Wie schaut es da bei Dir aus? Andere Favoriten?

    Liebe Grüße
    Stefan

    • So ist es bei mir auch, aber ich habe auch viel Gutes schon über „Die kleine Bijou“ gehört, weshalb das wohl mein nächstes Modiano-Buch wird. 🙂

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