Lyrisches Berlin

Zugegeben, die Lyrikanthologie Berlin, du bist die Stadt (Reclam) ist rein äußerlich kein besonderer Augenschmaus. Einschlägige Fashion- und LifestylebloggerInnen würden sich wohl kaum mit diesem kleinen Bändchen gedankenverloren ablichten lassen. Aber zum Glück schreibe ich ja über Literatur. Natürlich freut es mich immer besonders, liebevoll und ausgefallen gestaltete Bücher in meinen Händen zu halten, aber manchmal kommt es eben auf die inneren Werte an — und zumindest das Kirchner-Gemälde auf dem Cover macht was her, das muss ich zugeben.

Berlin, du bist die Stadt

Berlin, du bist die Stadt, herausgegeben von Michael Speier, versammelt  130 Gedichte. All diese Texte beschäftigen sich — nicht schwer zu erraten — mit Berlin. Von Durs Grünbein, über Erich Kästner und Gottfried Benn bis hin zu Sarah Kirsch und Monika Rinck — sie alle lassen die Hauptstadt lyrisch lebendig werden. Dabei gruppiert Speier einzelne Gedichte und fasst sie unter verschiedene Themenblöcke zusammen. Geschichtlich als auch atmosphärisch kommen hier berlininteressierte und -verliebte LeserInnen auf ihre Kosten. Und weil ich selbst erst vor ein paar Monaten in diese Stadt gezogen bin, werde ich ab jetzt regelmäßig ein Gedicht aus der Anthologie aussuchen und auf meinem Blog veröffentlichen. Das wird dann mein persönlicher Versuch, diese riesige und vielfältige Stadt auf literarischem Wege greifbarer zu machen.

Für diesen ersten Beitrag habe ich Über Berlin von Dirk von Petersdorff ausgesucht. Das lyrische Ich sitzt im Zug, welcher durch Berlin fährt und vielleicht auch an ein paar Stationen Halt macht. Das Gedicht zeigt, welche Eindrücke durchreisende Menschen von dieser Stadt bekommen können. Kräne werden beschrieben, Berlin als unfertige Stadt, die stetig im Wandel ist. Doch vom ganzen Trubel, von der Hektik einer Großstadt ist im Morgennebel nichts zu spüren. Das lyrische Ich erhascht nur einen kurzen Blick auf die Stadt und erkennt trotzdem, wie sehr diese durch das Vergangene geprägt ist. Für einen ersten, flüchtigen Blick auf Berlin erscheint mir von Petersdorffs Gedicht perfekt.

Dirk von Petersdorff

Über Berlin

Als der Zug durch die Stadt fuhr,
war das die Szene:
Nebel am Morgen, daraus
ragten Kräne.
Alle Farben und Größen, Berlin
ist ein Bauplatz geworden —
zeigen wie Finger
nach Westen
und Norden,
auch ostwärts.
Einer dreht sich im Kreis,
zweimal vor, dann zurück,
weiß
nicht wohin —
dreht nach rechts,
schöner Schwung,
ein Mädchen muss kichern.
Die schwingende Nadel,
unter dem Himmel,
über der weißen Decke,
Berlin. Dann bog
der Zug um die Ecke.

Berlin, du bist die StadtMichael Speier (Hg.)

Berlin, du bist die Stadt. Gedichte

Reclam

ISBN: 978-3-15-020233-3

2011 erschienen

1 Kommentare

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