Erich Kästner: Besuch vom Lande

Ja ja, dieses wilde Berlin. Das kann so manchen Menschen schon mal erschlagen mit all seinen Geräuschen, Lichtern und dem Verkehr. Erich Kästner beschreibt in seinem Gedicht Besuch vom Lande, wie es sich wohl anfühlen muss, aus der ländlichen Umgebung kommend, zum ersten Mal die Hauptstadt zu besuchen.

Erich Kästner

Besuch vom Lande (Auszug)

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts.
Ein Fräulein sagt heiser: „Komm mit, mein Schatz!“
Und zeigt entsetzlich viel Haut.

Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.

Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.

[…]

Aber Berlin kann auch ganz anders. Das habe ich vor Kurzem bei einem Spaziergang durch den Volkspark Wilmersdorf wieder einmal gesehen. Eben war ich noch von Baustellen und lauten Autos umgeben, also genau dem, was Kästner in seinem Gedicht beschreibt. Und schwups – hundert Meter weiter stehe ich an einem niedlichen See und bin umgeben von (leider noch sehr kahlen) Bäumen. Im Frühling wird der Park gewiss noch tausendmal schöner aussehen und riechen, aber der kleine Spaziergang hat mir schon gereicht, um den Winterblues ein wenig zu vertreiben.

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Erich Kästners Berlin-Gedicht habe ich in der Lyrikanthologie Berlin, du bist die Stadt gefunden. Mehr zu der Anthologie und meinem lyrischen Erkundungsvorhaben hier.

Erich Kästner Besuch vom LandeMichael Speier (Hg.)

Berlin, du bist die Stadt. Gedichte

Reclam

ISBN: 978-3-15-020233-3

2011 erschienen

Kategorie Blog, Lyrisches
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

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