Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Mit gerade einmal 23 Jahren legte Benedict Wells 2008 seinen Debütroman Becks letzter Sommer vor. Wells wurde damals als Ausnahmetalent gefeiert, das Debüt ein Erfolg und mittlerweile auch verfilmt. Zwei weitere Romane folgten. Nun erschien sein viertes Werk mit dem klangvollen Titel Vom Ende der Einsamkeit (Diogenes). Nach eigenen Aussagen schrieb Wells sieben Jahre an diesem Roman. Solch eine Zeitspanne lässt Großes und vor allem ausgereifte Gedankengänge erwarten. Letzteres trifft auf Vom Ende der Einsamkeit zu. Das Gefühl, beim Lesen etwas Einzigartiges in den Händen zu halten, blieb jedoch aus.

Wells Vom Ende der Einsamkeit

Schade eigentlich, denn der Roman beginnt doch sehr vielversprechend. In der Anfangsszene liegt der Protagonist Jules nach einem Motorradunfall im Krankenhaus und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers erfahren wir in chronologischer Reihenfolge, wie es zu diesem Motorradunfall kommen konnte, welche Hürden er in seinem Leben meistern musste. Jules und seine zwei älteren Geschwister Liz und Marty wuchsen behütet in München auf. Das Leben der drei nimmt eine plötzliche Wendung, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Jules, seine Schwester und sein Bruder kommen auf ein Internat und gehen für einige Jahre getrennte Wege. Auch Jules Wesen verändert sich. War er vorher ein aufgeweckter, mutiger Junge, fristet er im Internat ein Dasein als schüchterner, in sich versunkener Außenseiter. Nur die rothaarige Alva, ein geheimnisvolles Mädchen, freundet sich mit ihm an und macht ihm die Zeit des Gefangenseins im Internat erträglicher. Jules verliebt sich schließlich in Alva. Doch wieder passiert etwas Unvorhergesehenes, wieder entfernt sich eine Bezugsperson aus Jules’ Leben – dieses Mal allerdings nicht für immer. Jules’ Geschwister packen ihr Leben währenddessen auf ganz unterschiedliche Weise an. Marty ist strebsam, verfolgt strikt seine Karriere und leidet unter einigen Zwangsneurosen. Liz dagegen lebt den Moment, feiert das Vergessen, gibt sich Alkohol und Drogen hin. Erst als sie am Boden liegt, finden die Geschwister wieder zueinander. Auch Jules und Alva kommen sich wieder näher, als der Protagonist einige Zeit mit ihr und ihrem Mann, dem alternden Schriftsteller Alexander Nikolaj Romanow, in der Schweiz verbringt. Hier setzt die Liebesgeschichte der beiden ein, die doch schon so viel früher hätte beginnen können. Zusammen schaffen es Alva und Jules, sich selbst zu finden, aber auch die Vergangenheit zu deuten und ein Stück weit zu bewältigen.

Wells Vom Ende der Einsamkeit

Die Geschichte von Jules und seinen Geschwistern wird in der Rückblende sehr stringent erzählt, wobei immer wieder Leerstellen in der Handlung auftreten, die später im Plot ausgefüllt werden. Vage Andeutungen verweisen häufig auf verborgene Geschehnisse, die im weiteren Verlauf erklärt werden. Dies erzeugt bis zur Hälfte des Buches durchaus Spannung. Aber zum Ende hin wirkt diese Technik sehr ermüdend und einfallslos. Es ist ein Spiel mit dem Lesepublikum, das nach der fünften Runde, vorzugsweise am Ende eines Kapitelabschnitts, irgendwann langweilig wird. Zudem sind diese Cliffhanger so emotional aufgeladen, dass sie fast schon affektiert wirken:

Es war ein monotoner, fast bizarrer Alltag, und bald wurde mir bewusst, dass wir hier gestrandet waren und alle auf etwas warteten. Und als ich erkannte, was das war, erschrak ich.

Muss dieser thrillerartige Nachsatz denn wirklich sein? Allgemein lässt die Leselust zum Ende des Buches immer mehr nach. Wells widmet sich großen Themen wie Verlust, Einsamkeit und Selbstentfremdung. Diesen Sujets geht er mithilfe kluger Fragestellungen nach:

Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?

Durch diese Sätze schimmert eine philosophische Anmutung. Wells spielt die Beantwortung dieser Frage an seinen Figuren durch und eröffnet einen philosophischen Diskurs, der großes Anknüpfungspotential hat. Leider verliert er sich insgesamt in Beschreibungen, die gut sind, aber keine spezielle Autorenstimme durchklingen lassen. Wells beweist, dass er durchaus gut schreiben kann, wenn er das Zusammentreffen der Geschwister nach vielen Jahren in ein sprachliches Bild verpackt:

Und nun saßen wir am Tisch wie drei Schauspieler, die nach langer Zeit wieder zusammentrafen und sich nicht mehr an den Text ihres berühmtesten Stücks erinnerten.

Solche stilistischen Feinheiten kommen allerdings viel zu selten vor. Ebenso scheint die Figurenzeichnung an einigen Stellen unstimmig. Sollte ein alternder, gebildeter Schriftsteller wirklich so sehr die Fassung verlieren, dass er die Wörter bumsen und ficken verwendet? Das erscheint unglaubwürdig und passt nicht zur restlichen, eher gewählten Sprechweise Romanows. Auch ergeht sich Vom Ende der Einsamkeit nach und nach in Wiederholungen. Immer wieder blickt Jules zurück auf dieselben Ereignisse, mit demselben sentimentalen Blick. Nun ist Sentimentalität nicht unbedingt ein Merkmal schlechter Literatur. Schaukelt sich diese allerdings hoch zu einem vehementen Pathos, dann wird das Lesen zunehmend unerträglich. Während der erste Teil des Romans einem klugen Plot folgt und gesellschaftlich bedeutende Fragen aufwirft, fühle ich mich im hinteren nur noch gelangweilt von so viel Gefühlsduselei.

Der Autor hat viel vorgehabt, viel gewollt mit seinem Roman. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, um einen guten Plot zu konstruieren. Das ist Wells gelungen: Die Handlung ist stimmig, der Stil leider nicht. So bleibt Vom Ende der Einsamkeit ein rührseliger Roman, dem es jedoch an literarischer Tiefe und Einzigartigkeit fehlt.

 

Wells Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

Diogenes

ISBN: 978-3-257-06958-7

im März 2016 erschienen

5 Kommentare

  1. Eine schöne Rezension, der ich vollkommen zustimme. Ich mag nicht wissen, wie die Roman gewesen wäre, wenn Wells ihn noch einmal überarbeitet und gekürzt hätte…

  2. Janine2610

    Hallo liebe Juliane,

    ich habe „Vom Ende der Einsamkeit“ auch erst gelesen und vorhin rezensiert und ich hoffe, es ist für dich okay, dass ich deine Rezension (obwohl unsere Meinung ja etwas auseinander geht) in meiner unter der Überschrift “Weitere Rezensionen zu vorgestelltem Buch” verlinkt habe? Falls nicht, melde dich einfach kurz bei mir und ich lösche dich wieder raus, ja? 😉 Hier der Link: Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

    Alles Liebe ♥,
    Janine

    • Liebe Janine,
      ich freue mich natürlich, wenn du mich verlinkst. Link darf und soll also unbedingt drin bleiben! Dankeschön, ich fühle mich geehrt und werde gleich mal in deine Rezension reinlesen.
      Liebe Grüße <3
      Juliane

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