Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Wenn man mich fragt, welche Autoren ich in meiner frühen Jugend geliebt habe, würde auf jeden Fall der Name Benjamin von Stuckrad-Barre fallen. Ich habe Soloalbum verschlungen und geliebt, den Roman als auch die Verfilmung. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir in der Schule mit einer Freundin stets Zitate aus dem Film zugerufen habe. Uuuuh, ist das nostalgisch-schön! Umso aufgeregter war ich, als ich nun, mehr als zehn Jahre später, Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz (Kiepenheuer & Witsch) in die Hand nahm.

Benjamin von Stuckrad-Barre Panikherz

Ich hatte im Vorhinein bereits viel gehört und gelesen über das neue Buch des einstigen Medienstars Benjamin von Stuckrad-Barre. Vor allem die Besprechung im Literarischen Quartett hat mich umso neugieriger auf das Buch gemacht. Allerdings hatte ich auch einige Bedenken: Stuckrad-Barre war mein Autoren-Held der Jugend. Trotz aller Arroganz, die er ausstrahlt, ich fand ihn toll. Vielleicht gerade deswegen. Sollte mir diese schonungslose Biographie vielleicht meine Jugendillusionen nehmen? Oder noch viel schlimmer: Schreibt Stuckrad-Barre jetzt anders als früher? Ich erinnere mich, dass vor allem sein ironischer und lapidarer Schreibstil mich in seinen frühen Werken so beeindruckt hat. Das war eben Popliteratur, frech und hingerotzt, oberflächlich und blasiert. Ich fand das genial.

Na gut, ich traute mich also heran an diesen 576 Seiten dicken Wälzer und war vor allem gespannt auf die angekündigten Eskapaden und Drogensuchtszenarien des Autors. Doch zunächst beginnt das Buch ganz brav chronologisch mit der Kindheit von Stuckrad-Barre. Der Autor kommt aus einer gut situierten „Öko-Familie“, Vater Pastor, Stuckrad-Barre das jüngste von vier Geschwistern. Seine Kindheit verbringt er zwischen Hamburg und Bremen, seine Jugend dann in Göttingen. Sein Antrieb war schon immer die Popmusik und irgendwie schaffte er es, genau in diesem Bereich ordentlich mitzumischen. Schon während der Schulzeit in Göttingen wie auch im späteren Verlauf seines Berufslebens ist Stuckrad-Barre zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nach dem Abitur verlässt Stuckrad-Barre Göttingen. Sein Weg führt ihn hinaus in die große Welt der Medien. Er arbeitet beim Rolling Stone, für die Harald Schmidt Show, in einer Plattenfirma und schreibt seine ersten Romane. Die Erfolgskurve geht steil nach oben und ich bin wirklich erstaunt, wie dieser Mensch das alles vor allem mit einer gigantischen Portion Frechheit und Dreistigkeit erreicht hat. Er lernt so ziemlich jedes seiner Jugendidole kennen und lebt in Hamburg, Berlin und Zürich.

Doch dann kommt der große Absturz. Als Autor und Entertainer, der ständig im Rampenlicht steht, fängt Stuckrad-Barre an, sich für diese Branche zu fett zu fühlen. Er wird bulimisch. Als der Autor bemerkt, dass Kokain den Hunger ganz wunderbar unterdrückt, kommt eine weitere Sucht hinzu: die Kokainabhängigkeit. Vier Jahre lang geht das so. Drei Entzüge macht der Autor und wird jedes Mal kurz darauf rückfällig. Nach dem vierten, da ist er mittlerweile schon 31 Jahre alt, schafft er es schließlich und ist bis heute clean. Bei allem steht ihm, sei es physisch anwesend oder durch seine Songtexte, sein großes Idol seit Kindheitstagen zur Seite: Udo Lindenberg.

Ausführlich beschreibt der Autor, wie es ihm in den Jahren der Sucht erging. Diese Beschreibungen sind unglaublich detailliert und erschütternd, aber kommen ganz ohne bereuenden Pathos aus. Hier kommt dem Schriftsteller sein wohl größtes Talent zu Gute, das ich schon in seinen früheren Romanen so bewunderte: Er beherrscht Ironie sowie Sarkasmus und webt beides ganz leicht in die Handlung ein. Stuckrad-Barre nimmt sich selbst nicht zu ernst und kann mir als Leserin selbst in der erbärmlichsten Szene noch ein Schmunzeln abgewinnen:

Ich wusste gar nicht, wie das geht: wohnen. Das merkte man zum Beispiel daran, dass ich noch immer keine Lampen hatte. […] Das war nun schlecht, weil ich ja im Kokain-Jetlag lebte, tagsüber vor mich hindämmernd, nachts aber immer wach. Also nahm ich die Stehlampe mit von Zimmer zu Zimmer, ich besaß nur diese eine, die Wohnung aber hatte drei Zimmer, und die Hauptbeschäftigung eines Drogenabhängigen ist es nun mal, beständig im Kreis zu gehen […].

Neben diesen sehr ehrlichen Ausführungen ist Panikherz übersät von Udo-Song-Zitaten. Für Stuckrad-Barre sehr wichtig, für Udo-Fans sicherlich interessant, für mich als Nicht-Udo-Fan (Jetzt ist es raus!) oft nervig und leseflusshemmend. Aber gut, das sei ihm verziehen, schließlich ist dies Stuckrad-Barres persönliche Geschichte und kein fiktiver Roman.

Was ich ihm allerdings nicht verzeihen kann, ist die sprachliche Umsetzung seiner Lebensgeschichte. Beim Lesen der ersten Kapitel stellte sich bei mir ein Wohlfühlmoment ein: Sprachlich ist Panikherz immer noch sehr nah an Soloalbum dran. Doch nach der Hälfte des Buches verfliegen die verklärenden Nostalgieanwandlungen und bestimmte Stilelemente fangen an, mich zu langweilen. Über die extrem hohe Verwendung von Ellipsen, langen Schachtelsätzen und scheinbar wahllos in Versalien gedruckten Wörtern (Gibt es da ein System?!) sehe ich einmal hinweg.

Die Angewohnheit des Autors, witzige Komposita zu bilden, wird spätestens nach der Hälfte des Buches zu einer einfallslosen Masche. Die Wörter bestehen dann aus mindestens drei Komponenten: Handlungsreisendentistesse, Staatsbürgertrivialitäten, Glamoursimulationsverrenkungen. Diese Komposita sind an sich schon schwer zu erfassen, aber so richtig kompliziert wird es erst, wenn diese Mammutwörter an ungünstigen Stellen getrennt werden: Minibarerd-nussfatalismus oder Bühnenener-giezauberer musste ich dreimal lesen, bevor sich mir eine Bedeutung erschloss.

Auch der Satzbau des Autors ist oft nur schwer zu begreifen:

Als ich verzweifelt in meinem Kulturbeutel rumrührte auf der Suche nach irgendwas, das wirkt, egal wie und was, Hauptsache stark, da fiel mir auf, dass ich mein Antidepressivum zu Hause vergessen hatte, weil natürlich meine Abreise wie immer nicht anders als überstürzt hatte genannt werden können.

Nicht, dass der Satz sowieso schon ziemlich verworren ist durch die zahllosen Teilsätze, nein, am Ende benutzt Stuckrad-Barre auch noch vier (!) Verbformen hintereinander. Komplizierter und steifer ging es wohl nicht. Versucht der Autor hier seine Sprache künstlich aufzublasen oder schafft er es einfach nicht, den Gedanken in einen verständlichen Satz zu packen? Erstere Vermutung scheint bestätigt, wenn ich mir die teilweise sinnlosen Wortwiederholungen im Buch anschaue:

Es ist die schönste Zeit, hier entlangzufahren, Abendsonne, die Palmen am Straßenrand, wirklich Palmen!, man vergisst das immer, Palmen also, die so besonders gut aussehen […].

Zweimal Palmen hätte hier wirklich ausgereicht. So wirkt der Satz zwar voller, vielleicht auch näher an der Alltagssprache, aber eben auch redundant. Mich hat diese Technik aufgeregt beim Lesen, weil sie die Handlung künstlich aufhält.

Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn Stuckrad-Barre eine von Harald Schmidt erzählte Geschichte nacherzählt – eine Story aus zweiter Hand sozusagen. Das ist genauso, als würde meine Mutter mir ein Erlebnis ihrer Nachbarin erzählen. Da ist die Distanz zum Erlebten so groß, dass mich solche Beschreibungen anöden. Der einzige Unterschied zwischen der Nachbarin und Harald Schmidt ist der allgemeine Bekanntheitsgrad, welcher wohl die einzige Berechtigung für eine solche Nacherzählung darstellt.

Sprachlich erinnert Panikherz immer noch an Stuckrad-Barres erste Romane, die ich als Jugendliche so verehrte. Doch anscheinend bin ich wohl älter geworden. Stilistisch überzeugt mich Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie nämlich nur gering. Davon abgesehen ist Panikherz ein wilder und ironisch-komischer Ritt durch das Leben des Autors und Entertainers, aber auch durch die deutsche Musik- und Medienlandschaft der letzten dreißig Jahre. Wer also auf Namedropping und ungehemmten Sarkasmus steht, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Weitere Besprechungen findet ihr u. a. auf Kulturgeschwätz und Buchrevier.

Benjamin_von_Stuckrad-Barre Panikherz CoverBenjamin von Stuckrad-Barre

Panikherz

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-31575-2

am 10.03.2016 erschienen

3 Kommentare

  1. Herrlich kritisch! Ich habe es sehr genossen deine Meinung zu dem Buch zu lesen. Und trotzdem möchte ich mir unbedingt noch meine eigene Meinung bilden. Meine Wunschliste hast du mal wieder gefüttert 🙂

    • Hach wunderbar, ich liebe es, deine Wunschliste zu füttern! 😉 Auf vielen anderen Blogs wurde das Buch sehr positiv besprochen. Es kann dir also vielleicht auch besser gefallen als mir! Bin gespannt, was du dann dazu zu sagen hast! 🙂 :-*

  2. Pingback: Selbstentblößung? – buchlese

Kommentar verfassen