Fiston Mwanza Mujila: Tram 83

Dunkler Kern in bunter Hülle: Fiston Mwanza Mujila zeichnet in seinem 2014er Debütroman Tram 83 das düstere Bild eines fiktiven mittelafrikanischen Landes in den Wirren eines endlosen Bürgerkriegs. Im Juli 2016 erschien die Übersetzung aus dem Französischen bei Zsolnay.

MujilaTram83

Ein kurzer Schwenk durch die Handlung: Lucien, Historiker und Schriftsteller, kommt aus der Provinz in die Stadt zu seinem Kindergartenfreund Requiem. Der stadtbekannte Kriminelle nimmt ihn zähneknirschend bei sich auf. Lucien schnorrt sich durch und lernt schließlich bei einem Trinkgelage den Verleger Malingeau kennen, der sein ebenso verworrenes wie hochpolitisches Historienstück nach großem Hin und Her gegen den anfänglichen Widerstand Requiems veröffentlicht. Dass dieses am Ende einen Aufstand der Stadtbevölkerung gegen die Militärjunta auslöst, ist zu Anfang kaum vorstellbar.

Klingt wenig? Ist es auch. Natürlich passiert noch mehr als in diesem kurzen Abriss dargestellt, doch kann die Handlung getrost als Vehikel bezeichnet werden, das die Lesenden durch das fiktive mittelafrikanische Land führt. Nicht mehr, nicht weniger. Und dieses Land hat es in sich.

Mujila zeichnet mit groben Strichen die Dystopie eines zerfetzten Staates, der sich in das Hinterland und die Hauptstadt, einfach Stadtland genannt, teilt. Stadtland ist der Moloch, dessen nächtliches Herz das Tram 83 ist, eine Spelunke, in der alles zusammenkommt, was die Gesellschaft auszeichnet: verrohte Grubenarbeiter, streikende Studenten, Kriminelle und „gewinnorientierte“ Touristen, Ausländer, die nicht allein zum Spaß im Land sind.

Dass ich bei den Bezeichnungen nicht gegendert habe, hat seine Richtigkeit: Frauen werden bis auf wenige Ausnahmen nur in drei (Alters-)Klassen unterteilt: Küken (<16), Single-Mamis (>16) und Frauen-ohne-Alter (=41). Wie auch bei den männlichen Berufsgruppen heiligt bei den Frauen der Zweck die Mittel. Der Zweck, das ist das Überleben. Das Mittel dazu ist Geld, welches nur die Männer mal mehr, mal weniger legal verdienen können – was liegt da näher, als den eigenen Körper zu verkaufen? Westliche Konzepte von Gleichberechtigung, Kindheit, Unschuld oder gar Liebe haben dabei keine Relevanz.

Überhaupt zeichnet eine allgemeine Verrohung die Gesellschaft aus: entfesselte neoliberale Konkurrenz, postkoloniale wirtschaftliche Desorganisation und offene Korruption sowie ungehemmte, allgegenwärtige Sexualisierung sind die Pfeiler, auf denen Mujilas Konstrukt fußt. Raub ist das Hauptmotiv: Die Grubenarbeiter entreißen der Erde die knapp gewordenen Rohstoffe unter immer höheren Risiken, um sie für stetig schrumpfende Beträge an „Touristen“ mit Gewinnorientierung, ausländische Investoren und Händler, zu verkaufen. Die Kriminellen rauben wiederum die bettelarme Bevölkerung aus, auch wenn Touristen bevorzugte Ziele sind. Die Frauen betreiben zu guter – eher schlechter – Letzt Raubbau an ihren eigenen Körpern. Die Todesspirale eines zerrütteten Landes.

Geschildert wird all dies in einem betont derben, übersexualisierten Ton, dem Sound von Stadtland. Der Erzähler steigert sich dabei von einem eher zurückhaltenden, in vielen Wiederholungen leicht rhythmischen Tonfall am Anfang des Romans bis hin zu einem pathetischen Ton am Ende, der ihn immer wieder in das Wir wechseln lässt und sich damit als so etwas wie eine kollektive Stimme von Stadtland zu erkennen gibt (und nein, er ist nicht das Volk).

Alle Küken aus dem Tram 83 träumten von ihm. Sie liebten ihn, wollten mit ihm flirten, verehrten ihn, himmelten ihn an … Sie behaupteten, dass er der netteste Mann auf Erden sei. Sie lagen ihm zu Füßen, bettelten: »Nimm uns mit ins Bett, wir haben noch nie mit einem Intellektuellen gebumst, schon gar nicht mit einem Schriftsteller!« Aber Lucien, der keinerlei Schamgefühl besaß, flüchtete sich in seine Zettelsammlung, verschanzte sich in seiner Literatur, verließ das Tram schon vor 22 Uhr, weigerte sich, mit der Aushilfskellnerin mit den dicken Lippen zu tanzen, die ihn nicht mehr aus den Augen ließ, während wir anderen von derartiger Beliebtheit beim weiblichen Geschlecht nur träumen konnten. All diese Unschicklichkeiten verärgerten Requiem, für den Lucien, wir zitieren, »eine Beleidigung für die Männlichkeit« war.

Die vielbeschworene Musikalität der Sprache, die an den Sound von John Coltrane erinnern soll, wie kein Werbetext müde wird zu betonen, habe ich dabei aber nicht so ganz erkennen können. Rau ist die Sprache, ja, derb vor allem, und durch viele, immer wieder in den Erzählfluss eingesprengte Wiederholungen wird auch eine Rhythmik erzeugt, ja. Auch die meist kurzen Sätze tragen dazu bei. Aber ist das Jazz? Vielleicht kann der lesende Autor ihn aus dem Text kitzeln, mir ging die Musikalität beim Lesen ab. Die ständigen Aufzählungen und Wiederholungen wirken auf mich mit zunehmender Dauer vielmehr unmotiviert, manchmal nervtötend. Das folgende Zitat ist das erste Drittel einer der Aufzählungen, die aber in dieser Länge nur ein paar Mal vorkommen:

Schrottkarren im Straßengraben, Tiefkühlkost von den Galapagosinseln, Plunder, Ventilatoren, Ölwechsel, Schafe, Sarkasmen, Leichenwagen auf der Suche nach Frischfleisch, melaninverseuchte Eier, Reliquien, Minarette, so weit das Auge reicht, Kneipen, Bäckerei-Miederwaren-Fleischerei-Sägewerk-Fischläden, Telefonkabinen, Internetcafés, Vorstrafenregister, stehende Pfützen, hart umkämpfte Abfalleimer, herrenlose Hunde, Straßensperren, Müllberge, Schwarzmarkt für Ware und ihre Derivate […]

Entscheidender aber ist für mich am Ende die Frage, was der Roman sagen will. Konkret: Wozu das alles? Wozu die Darstellung des verrohten Mikrokosmos rund um das Tram 83, der vollkommenen Verdinglichung der Frauen, der postkolonialen Verwahrlosung?

Wichtig ist das Ende (SPOILERALARM!), der Aufstand der Bürger gegen die Herrschaft des Militärs in Person des „abtrünnigen Generals“, der schließlich zu Fall gebracht wird. Licht am Ende des Tunnels, wenn auch durch den dumpfen Boden einer leeren Bierflasche gebrochen. Die Emanzipation der Verlorenen, trotz allem.  

Zu betonen bleibt aber genauso, dass gerade die Darstellung des krassen Sexismus im Roman meiner Meinung nach problematisch ist. Sie ist zwar durch das gesellschaftliche Setting der Dystopie durchaus motiviert; das emanzipatorische Moment des Romanendes gibt es für die Frauen aber so nicht, auch eine wie subtil auch immer geartete Kritik an den Verhältnissen ist nicht zu finden. Dies verleiht dem Buch einen faden Beigeschmack, der durch seine Allgegenwart vielen Lesenden wohl sauer aufstoßen dürfte.

Mujila 290316.inddFiston Mwanza Mujila

Tram 83
Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller

Zsolnay

ISBN 978-3-552-05797-5

am 25.07.2016 erschienen

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