Christian Kracht: Die Toten

Christian Kracht führt in seinem neuen Roman Die Toten (KiWi) die Lesenden temporeich durch Deutschland, die Schweiz und Japan Ende der 1930er-Jahre. Die Pop-Literatur ist an mir so ziemlich komplett vorbeigegangen, ich habe von Christian Kracht bisher nur den Vorgänger Imperium von 2012 gelesen. Was wird mich in Die Toten erwarten?

Christian Kracht Die Toten

Die Toten bringt zwei grundverschiedene Protagonisten zusammen: den Schweizer Regisseur Emil Nägeli und den japanischen Geheimdienstler Masahiko Amakasu. Nägeli ist ein aufstrebender Star des deutschsprachigen Avantgarde-Kinos. Sein letzter Film „Die Windmühle“ hat die Filmwelt nachhaltig begeistert. Grund genug für die bereits von der NSDAP durchsetzte UFA, ihn nach Berlin einfliegen zu lassen. Er soll einen Film für die deutsche Produktionsfirma drehen, etwas weniger avantgardistisch, dafür umso propagandistischer. Kurz gesagt: Er soll den deutschen Film im internationalen Vergleich groß machen.

Amakasu steht auf der entgegengesetzten Seite, sowohl beruflich als auch geographisch. Er ist Geheimdienstler im mit Nazi-Deutschland alliierten Japan und macht sich – genau wie die UFA in Deutschland – Sorgen um die Zukunft des japanischen Kinos. Durch einen geschickten Brief flüstert er dem UFA-Direktor den Plan ein, gemeinsame Sache zu machen. Mit deutscher Technik und Nägeli als Regisseur soll vor japanischer Kulisse ein großer Film als Koproduktion entstehen, der dem großen, mit dem Tonfilm stark anbändelnden Hollywood die Stirn bieten soll.

Der Plan wird gefasst, Nägeli reist nach Japan. Seine viel jüngere Verlobte Ida ist aus anderen Gründen ebenfalls schon dort und soll kurzerhand als Hauptdarstellerin besetzt werden. Noch bevor Nägeli und Amakasu zum ersten Mal aufeinander treffen, beginnt der Japaner jedoch eine Affäre mit der von Nägeli gelangweilten Ida. Nägeli ertappt die beiden schnell, packt seine Sachen und verschwindet, um eine Odyssee durch das ihm so fremde Japan zu beginnen.

Auch die frisch Verliebten hält nichts in Japan, sie machen sich auf in Richtung USA, wo sie sich ein ungehemmtes, freies Leben erträumen. Mit an Bord ist auch Charles Chaplin, der zu einer Preisverleihung nach Japan gekommen und von Amakasu betreut worden war. Doch auch die Überfahrt ist von unerwarteten Ereignissen gespickt und – soviel sei verraten – lässt Ida und Amakasu keinen Frieden.

Christian Kracht ist mit Die Toten ein großer Wurf gelungen, ein Roman, der im Gedächtnis bleibt. Mit gekonnten, gezielt gesetzten Strichen zeichnet er im ersten Teil seine Figuren, erzählt ihre Geschichte von der Kindheit bis zum Beginn der Handlung. Der zweite Teil ist dann ein wahrer Ritt auf der Kanonenkugel, mit furiosem Tempo jagt der Roman durch seine Handlung und zieht die Lesenden atemlos in seinen Bann. Hier gibt es praktisch nichts Unnötiges, wird nichts groß erklärt oder ausgeführt – es passiert einfach. So auch im dritten Teil, der den Nachklang bildet.

Ein Schlüssel zum Gelingen des Romans ist dabei die minutiöse Verwebung von historischen Fakten und Personen in die fiktive Geschichte des Romans. Das Deutschland der späten 1930er-Jahre ist in der Person des UFA-Direktors Hugenberg wie auch in Heinz Rühmann in herrlich besoffenem Größenwahn beschrieben. Siegfried Kracauer und Lotte Eisner schneien als nicht weniger besoffene, aber in Anbetracht des unaufhaltsamen Aufstiegs der NSDAP schon deutlich schwarz- bis galgenhumorigere jüdische Intellektuelle herein. Charles Chaplin tritt als Personifizierung Hollywoods auf, nie ohne Drink in der Hand, launig, eingebildet, besitzergreifend. Amakasu verkörpert das traditionsbewusste, regelversessene, steife Japan, Nägeli die neutrale, zurückhaltende Schweiz.

Was sie alle eint, ist in erster Linie ein Charakterzug: Sie alle sind komplett von sich eingenommen. Daraus erklärt sich auch der rätselhafte Titel:

Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine wiedergeboren.

Doch bei aller Größe ist auch Kritik angebracht. Der ironische Ton, mit dem der Erzähler sich immer wieder vom Geschehen distanziert und die Personen karikiert, schießt gelegentlich über das Ziel hinaus. Dann wirken die Sätze vollgestopft, kein Substantiv kommt mehr ohne Adjektiv aus. So zum Beispiel bei der Beschreibung des Films, den Nägeli am Ende doch noch zusammenschneiden wird:

Eine Klavierspielerin und ein leider recht unbegabter Cellist begleiten die schwarz-weißen, stumm flackerndes Szenerien; ein japanischer Mann und eine hellblonde junge Frau sind zu sehen, er zeitunglesend in einem offenen Wagen; dann ein Golfball, der sich elliptisch droben am Himmel entfernt; der verschneite Kegel eines erloschenen Vulkans; eine dunkle Rumpelkammer, angefüllt mit wertlosem, alten Tand; […]

Ein wenig zeigt sich im Zitat auch die Wortwahl, die einen Hang zum Manierismus hat. Natürlich gehört dies wohl spätestens seit Imperium zu Krachts Stil; etwas Zurückhaltung hätte aber auch hier nicht geschadet. Weiterhin bedienen die Figuren in ihrer Überzeichnung massenhaft Klischees, wie ja weiter oben aufgelistet. Dies hat zumindest mir im Nachgang ein wenig sauer aufgestoßen.

Und, zum Schluss, sei noch die Herstellung erwähnt: Ist der toll gestaltete Schutzumschlag noch ein absoluter Hingucker und der bedruckte Vorsatz stimmig, so lässt der Mengensatz doch etwas zu wünschen übrig. Die verwendete Gill-Schrift „Perpetua“ ist zwar eine populäre Type der 1930er-Jahre, aber beileibe nicht die beste. Das Schriftbild wirkt unruhig, die Kursive ist deutlich kleiner als die Normalschrift. Und zwölf Leerseiten am Ende? Das muss einfach nicht sein.

Die Toten ist ein furioser Roman, der beschwingt durch ein kleines Kapitel der Welt- und Filmgeschichte führt. Er entwickelt gleich beim Einstieg einen enormen Sog und ist kaum wegzulegen. Ohne Schwächen ist er aber nicht.

Christian Kracht Die TotenChristian Kracht

Die Toten

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04554-3

erschienen am 8.9.2016

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, jetzt lebe ich seit fünf Jahren in Göttingen. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

Kommentar verfassen