„Das Debüt 2016“ | Meine Jurystimme

Nun ist es vollbracht: Ich habe alle fünf Titel von der Shortlist für den Bloggerpreis „Das Debüt 2016“ gelesen und begutachtet. In diesem Post teile ich euch nun mit, für welchen der Romane ich meine Jurystimme vergeben habe.

Das Debüt 2016 | Meine Jurystimme

Ich finde die Auswahl der Titel immer noch sehr vielseitig und habe mich vor allem gefreut, dass drei von fünf Büchern aus kleinen, unabhängigen Verlagen kommen. Ein großes Lob an die Blogger*innen von Das Debüt, die sich durch die vielen Titelvorschläge gelesen und daraus diese spannende Shortlist zusammengestellt haben!

Ich war zum ersten Mal Jurorin für die Vergabe eines Preises. Das war eine sehr spannende Aufgabe, die ich in Zukunft gern wieder übernehmen würde. Für die Lektüre der Shortlist-Titel hatten wir als Jury einen knappen Monat Zeit. Das war schon ein sehr straffer Zeitplan, welcher allerdings auch hilfreich war bei meiner Entscheidungsfindung. Ich war gezwungen, die Titel dicht nacheinander zu lesen und konnte sie so besser miteinander vergleichen. Die Entscheidung für „Das Debüt 2016“ fiel mir entgegen meiner anfänglichen Erwartung dann auch relativ leicht.

Ich begann meine Shortlist-Lektüre mit Blauschmuck von Katharina Winkler, einem thematisch gesehen sehr brutalen Roman. Filiz erlebt in ihrer Kindheit sehr viel Gewalt. Ihr Vater bestraft selbst die kleinsten Malheure mit schmerzenden Schlägen. Als Filiz endlich alt genug ist, zu heiraten und auszuziehen, ist sie sich sicher, dass ihr Gewalt fortan erspart bleiben wird. Aber auch ihr Ehemann kennt keine andere Ausdrucksform als die Unterdrückung seiner Frau. Blauschmuck macht zum einen auf das Thema der häuslichen Gewalt aufmerksam und verpackt dieses zum anderen in eine poetische und zugleich distanzierte Sprache, die ich bisher in keinem anderen Buch so erlebt habe.

Von Gewalt, vor allem seelischer Gewalt, handelt auch das zweite Buch, das ich gelesen habe: Weißblende von Sonja Harter. Matilda steckt mitten in der Pubertät und wohnt zusammen mit ihrem wortkargen Vater in einem engen Tal in Österreich. Das Leben dort ist geprägt von Langeweile und der Sehnsucht, rauszukommen. Als der ältere Bonmot mit Matilda „durchbrennt“, ist das für sie so lange romantisch, bis Bonmot sie zur Prostitution zwingt. Sonja Harters Debüt vereint viele gesellschaftlich bedeutende Themen in sich und fällt durch eine unglaublich dichte Sprache auf. Vollkommen überzeugen konnte mich Weißblende aber leider nicht, da mir die Sprache zu überladen war.

Als nächstes schnappte ich mir Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Dieses Debüt bildet die jüngste Geschichte des Irans und parallel dazu Deutschlands ab. Die Autorin lässt ihre vier Figuren, die zu einer Familie gehören, jeweils im Abstand von zehn Jahren erzählen. Dabei wird eine Familiengeschichte in einen größeren Rahmen gesetzt und aktuelle Themen wie Flucht und Migration werden verhandelt. Bazyar schafft es, ihren Figuren auch sprachlich ganz eigene Stimmen zu verleihen. Solch ein facettenreiches und vor allem informatives Buch habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

Als vorletztes widmete ich mich der Lektüre des Debüts von Uli Wittstock: Weißes Rauschen. Diesen Titel musste ich leider nach knapp der Hälfte abbrechen. Wittstocks Roman beginnt zwar spannend, nämlich mit einer Leiche, die in seltsamer Haltung aufgefunden wird. Aber der Text hat mich dann doch schnell verloren und ab einem gewissen Punkt nur noch verwirrt und überfordert. Schade.

Zuletzt las ich Ymir, den Debütroman von Philip Krömer, welcher mich zum Abschluss noch einmal sehr begeistert hat. Ein Abenteuerroman um drei ganz unterschiedliche Entdecker, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für die Nazis ein ominöses Loch in Island untersuchen sollen – ein sehr einfallsreicher Plot. Ich hatte bei der Lektüre von Ymir unheimlichen Spaß und musste oft schmunzeln bei so viel gut platzierter Ironie.


Der Zusammenfassung merkt man bereits an, dass für mich also Blauschmuck, Nachts ist es leise in Teheran und Ymir in die engere Wahl kamen. Am Ende habe ich meine Jurystimme für Blauschmuck von Katharina Winkler vergeben, weil mich dieser Roman aufgrund der Verbindung eines nur schwer zu ertragenden Themas mit einer unglaublich poetischen Sprache am meisten beeindruckt hat. Das Buch hat mich so sehr aufgewühlt, wie es schon lange kein anderes mehr geschafft hat.


Nun bin ich gespannt, welcher Titel es am Ende wohl wird. Das Siegerdebüt wird heute im Laufe des Tages bekannt gegeben.

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