Fatma Aydemir: Ellbogen

„Eines der wahrhaftigsten Bücher. Ein Wahnsinn von einem Roman.“ Ein großer Aufkleber mit dem Zitat von Feridun Zaimoglu prangt auf dem Cover des Debütromans Ellbogen von Fatma Aydemir, der gerade bei Hanser erschienen ist. Große Vorschusslorbeeren für ein Debüt – ob der Roman wirklich so gut ist?Fatma Aydemir Ellbogen

Hazal ist siebzehn und wohnt bei ihren Eltern im Berliner Wedding. Wir werden als Leser*innen gleich auf den ersten Seiten mit Wucht in ihre Welt gezogen, in der starke Emotionen und große Hoffnungen immer wieder hart auf eine trostlose Realität treffen.

Es beginnt alles noch recht harmlos: Hazal sitzt beim Ladendetektiv eines Drogeriemarkts. Sie wurde erwischt bei dem Versuch, einen Lippenstift zu klauen. Nichts Schlimmes, sollte man denken, doch in ihr brodelt es. Denn ihre Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, sie ist zwar in Berlin geboren, aber auch sie hat einen türkischen Pass. Zu oft hat sie in letzter Zeit das Wort „Abschiebung“ gehört, zu viel wurde davon geredet, als dass sie sich jetzt nicht schon in einem praktisch fremden Land sehen würde. Allein, ohne ihre Freundinnen, ohne ihre Familie.

Irgendwie schafft sie es dann doch, dass der Ladendetektiv sie gehen lässt, aber nicht ohne sich selbst zu erniedrigen und 100 Euro zu zahlen. Alles Geld, das sie besaß, und das für ihre Geburtstagsparty eingeplant war. Um endlich einmal ausgelassen zu feiern, einmal alles vergessen zu können.

Denn zu vergessen gibt es viel in ihrem Leben. Hazal geht zur Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme der Agentur für Arbeit, kriegt immer wieder eingebläut, wie eine richtige Bewerbung auszusehen hat. Damit es klappt mit dem Ausbildungsplatz. Unzählige Bewerbungen hat sie schon abgeschickt, auf einige auch Antworten erhalten, doch keine positiven. So arbeitet sie weiter schwarz in der Bäckerei ihres Onkels, um wenigstens ein bisschen Geld zu haben.

Ich wische die Regalbretter ab und stelle den Kram einzeln zurück. Danach heißt es wieder warten, bis es endlich halb sechs ist und ich mit dem Bodenputzen anfangen kann. Warten, bis ich eine Ausbildung habe und nicht mehr in diesen elendigen Laden kommen muss, für diesen Scheißjob, den eine hirnamputierte Eidechse genauso gut machen würde. Warten auf eine bessere, reichere, eigene Zukunft, die es nicht geben wird, weil ich sie längst verpasst habe.

Ihre Mutter sitzt die meiste Zeit des Tages zu Hause und sieht fern, türkische Sender, die ihr das Gefühl geben, immer noch in ihrer Heimat zu sein. Berlin macht ihr Angst, sie ist einsam und depressiv. Auch Hazals Vater ist ihr keine Hilfe, er ist autoritär und wortkarg. Wenn er nicht im Café nebenan mit seinen Freunden sitzt, schreit er lieber Anti-Erdoğan-Demonstrant*innen im Fernsehen an als mit Hazal zu reden. Nur zum Teekochen und Bedienen der Eltern scheint sie gut genug. Und das alles, während ihr kleiner Bruder Onur von den Eltern und der Verwandtschaft innig geliebt und geradezu hofiert wird.

Da ihr ganzes Geld für den vergeblich geklauten Zwei-Euro-Lippenstift draufgegangen ist, muss sie sich dann auch noch Geld von Onur leihen, um ihren Geburtstag doch feiern zu können. Schon wieder erniedrigt. Aber zu lange schon hat sie auf diesen Abend gewartet, als dass sie auf diese Nacht verzichten könnte.

Mit viel Mühe und der Hilfe ihrer Tante Semra schafft Hazal es, bei ihrer Freundin Elma übernachten zu dürfen. Das heißt im Klartext: feiern gehen zu können. Und das heißt stundenlanges Schminken zu brüllend lauter Musik, mit Wodka-Redbull und wilden Tanzeinlagen. Und, am wichtigsten, mit Elma, Gül und Ebru, ihren besten Freundinnen.

Ordentlich angetrunken stehen sie dann in der Schlange eines Clubs am Ostkreuz, in dem sie noch nie waren, in dem sie aber unbedingt Tanzen gehen wollen, Party machen, bis sie nicht mehr können. Doch am Eingang nimmt der Abend eine tragische Wendung: Die Türsteher mustern sie lange, um sie schließlich dann nicht reinzulassen. Wutentbrannt ziehen die vier ab. Als ihnen dann ein angetrunkener Student am U-Bahnhof krumm kommt, schlagen sie ihn halb bewusstlos. Und schließlich stößt Hazal ihn auf die Gleise, ohne selbst recht zu wissen, wieso. Am nächsten Tag klaut sie Onurs restliches Geld und steigt in das nächste Flugzeug nach Istanbul, flieht vor ihrer Tat und ihrem Leben, doch auch das Land ihrer Eltern hält nicht viel Gutes für sie bereit.

Fatma Aydemir schafft es in Ellbogen, die Leser*innen tief in die Gedankenwelt Hazals eintauchen zu lassen. Die 17-Jährige breitet all ihre Hoffnungen, ihre Ängste und Frustrationen direkt vor uns aus. Lange nicht mehr habe ich ein so ergreifendes, ehrliches und schockierendes Buch gelesen, das mich von der ersten Seite an mitgerissen hat und das ich kaum weglegen konnte.

Die Authentizität liegt dabei vor allem in dem Zusammenspiel von Hazals Sprache und der Art, wie sie damit ihr bedrückendes Leben schildert, begründet. Ihre Worte sind meist derb, gerade wenn sie sich aufregt. Gleichzeitig kann sie aber auch sehr reflektiert und emphatisch sein. Doch wenn die Emotionen überhand nehmen, sind nicht-diskriminierende Sprache oder gar political correctness weit, weit weg. Als der Ladendetektiv des Drogeriemarkts ihr eine Predigt über die Regeln seines Berufs hält, denkt sie:

Wer ist denn bloß dieses Wir? Wir, das Team des Drogeriemarktes, wo nur Assis hingehen, um sich mit den Testern zu schminken? […] wir, die wir dann nach Feierabend versuchen, die Fotze von hässlicher Kassiererin mit der abgerockten Jeansjacke von 1993 aufzureißen, nicht mal bei der landen, deswegen wieder ganz allein nach Hause gehen zu unserer hundert Jahre alten Mami, die sich täglich vollscheißt, […]

Doch ist diese schonungslose Sprache nur zu verständlich, wenn man selbst nie gut behandelt wird, keinen Respekt von anderen erfährt. Und wenn doch, dann meist von privilegierten „Kartoffeln“, wie sie Deutsche ohne Migrationshintergrund nennt, als gut gemeinte, aber hohle Ratschläge, die weit von ihrer Realität entfernt sind. Ihre Eltern behandeln sie wie eine Dienerin, die Eltern ihrer Schulfreundinnen ohne Migrationshintergrund behandeln sie zwar nett, aber stets distanziert, ihr soziales Umfeld ist gespickt von Drogendealern, Kleinkriminellen, Zuhältern und Junkies. Chancen sehen anders aus, hier echte Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu haben scheint fast unmöglich.

Diese politische Ebene wird durch ihre schiere Aktualität dann geradezu bedrückend. Denn Ellbogen spielt nicht nur unmittelbar in der Gegenwart, was spätestens dann klar wird, als es mit dem Putschversuch des türkischen Militärs im Juli 2016 endet. Auch thematisch ist es aktueller, als es der Autorin beim Schreiben klar sein konnte. Denn wer hat nicht mehr die erschreckenden Bilder vom Berliner U-Bahnhof Hermannstraße im Kopf, in denen ein junger Mann eine Frau ungerührt die Treppe hinunterstößt? Oder das Video der Jugendlichen, die versuchten, einen Obdachlosen anzuzünden? In Ellbogen erleben wir genau so einen Fall – auch mit den passenden Videoaufnahmen der Sicherheitskameras – aus der Innensicht Hazals.

Doch hier geht es trotz aller Sympathie für Hazal nicht um Täter-Opfer-Inversionen, nicht um Entschuldigungen oder Ausreden. Was hier verhandelt wird, sind mögliche Konsequenzen. Konsequenzen daraus, Menschen strukturell aus einer Gesellschaft auszuschließen, ihnen die Chancen auf eine bessere Zukunft zu nehmen und ihre Hoffnungen zu zerstören. Fatma Aydemirs Roman Ellbogen führt schockierend klar vor Augen, wie ein verbautes Leben sich so sehr von Wut zersetzen lassen kann, dass alle Dämme brechen. Der Roman gibt damit Menschen eine Stimme, die im aktuellen Diskurs kaum hörbar sind. Eine starke Stimme, die gerade zur rechten Zeit kommt. Feridun Zaimoglu hat nicht übertrieben.

Fatma Aydemir Ellbogen CoverFatma Aydemir

Ellbogen

Hanser Verlag

ISBN: 978-3-446-25441-1

Erscheint am 30.01.2017

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