Tommy Wieringa: Dies sind die Namen

Tommy Wieringa ist einer der erfolgreichsten Autoren in den Niederlanden. Ich habe ihn bis vor Kurzem gar nicht gekannt. Erst ein Uniseminar hat mir seine Literatur in Form des Romans Dies sind die Namen (Hanser) näher gebracht. Vom Verlag als „beispielloses Flüchtlingsdrama“ tituliert, war mir schnell klar: Dies ist ein neuer Titel für unsere Reihe Fluchtliteratur.

Tommy Wieringa: Dies sind die Namen

Fünf ausgemergelte Menschen werden an einem eisigen Wintertag von der Polizei im fiktiven Ort Michailopol aufgegriffen. Ihre Kleidung ist schmutzig und zerrissen, unter ihrer Haut befindet sich kein Gramm Fett mehr, die Knochen treten erschreckend hervor. Kommissar Beg übernimmt die Ermittlungen: Wer sind die fünf? Wo kommen sie her? Wo wollten sie hin?

Bevor der Kommissar und die Heimatlosen aufeinander treffen vergehen allerdings einige Seiten von Dies sind die Namen. Kapitelweise erhalten wir Lesenden abwechselnd Einblick in das Leben des Kommissars Pontus Beg und dasjenige der fünf, zu Beginn sieben, Heimatlosen, die wochenlang durch die Steppe irgendwo östlich der Karpaten irren. Schnell wird klar: Sie sind auf der Flucht. Ein Schlepper hat sie ausgesetzt, mitten in der Einöde. Zu Beginn waren sie viele, doch einzelne Grüppchen machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg – auf der Suche nach dem Glück, der Freiheit, einem besseren Leben.

Als Lesende verfolgen wir die erwähnte Siebener-Gruppe. Zu dieser gehören „die Frau“, „der Junge“, „der Mann aus Aschgabad“, Vitaly, „der große Mann“, „der Äthiopier“ und „der Wilderer“. So werden sie betitelt, so betiteln sich die Flüchtenden untereinander. Konträr zum Titel des Romans wird deutlich, dass hier, mit Ausnahme von Vitaly, Namenlose umherirren. Namenlose, die denken, den Weg zu kennen, aber immer wieder enttäuscht werden beim Näherkommen vermeintlicher Zivilisation. Mit jedem Schritt, den sie gehen, verlieren sie ein Stück ihrer Identität. Hierin liegt die große Tragik des Romans.

Sie waren zu Menschen ohne Geschichte geworden, für sie zählte nur noch die unmittelbare Gegenwart.

Wie eine Gruppe Wilder – ja sogar der Vergleich mit einer Tierherde könnte hier herhalten – durchstreifen sie die Steppe und sind sich selbst am nächsten. Von Gemeinschaft kann keine Rede sein. „Die Frau“ wird von „dem Mann aus Aschgabad“ und Vitaly regelmäßig vergewaltigt, auf Schwächelnde wird keinerlei Rücksicht genommen. Nur „der Äthiopier“, der aufgrund seiner Hautfarbe von den anderen ausgegrenzt wird, zeigt menschliche Züge, wenn er sich um „den großen Mann“ kümmert, als dieser vor Schwäche zusammenbricht. Doch wird ihm dieses Helfen später noch zum Verhängnis, denn Rassismus und die Angst vor dem Unbekannten, der eine andere Sprache spricht, ergreifen nach und nach Besitz vom Rest der Gruppe.

Zum ersten Mal sah der Mann aus Aschgabad, dass auch Afrikaner einer Buchreligion anhängen konnten. In seinem Bild von Afrika führten Schwarze Regentänze auf.

Parallel dazu lernen wir Pontus Beg und sein Leben kennen. Er wohnt und arbeitet in Michailopol, einer heruntergekommenen Stadt, die irgendwo in Osteuropa liegt und von Korruption und Gewalt bestimmt wird. Pontus führt ein tristes Leben. Er lebt allein, ist kinderlos, hat einen Tinitus und einen kalten Fuß. Dies alles plagt ihn. Nur seine Haushälterin muntert ihn gelegentlich mit zeitlich genau geplantem Sex auf. Ihre fruchtbaren Tage will sie für ihren Mann, den Fernfahrer, aufsparen. Pontus ist einsam. Doch im Laufe des Romans entdeckt er durch mehrere Zufälle und Erinnerungen an seine Kindheit, dass es da etwas gibt, was seinem Leben wieder einen tieferen Sinn gibt: Seine Mutter war Jüdin, somit wurde auch er als Jude geboren. Zusammen mit dem letzten Rabbi in Michailopol begibt sich Pontus Stück für Stück auf die Suche nach seiner religiösen Identität.

Hier zeigt sich einer der besonderen Kniffe in Wieringas Roman. So wie die Flüchtenden ist auch Pontus auf der Suche. Doch ganz entgegengesetzt zu ihnen gewinnt Pontus an Identität, während die Gruppe der Flüchtenden immer mehr zu Menschen ohne Vergangenheit werden. Diese kontrastreiche Rahmenhandlung hat mich besonders beeindruckt. Hinzu kommt die schonungslose Darstellung der Flucht in Dies sind die Namen. Hier geht es nicht um Fluchtgründe, nicht um Asylverfahren und auch nicht um das Ankommen im neuen Land. Wieringa legt sein Augenmerk auf den Vorgang des Flüchtens an sich und macht darauf aufmerksam, welche Tortur Flüchtende tagtäglich über sich ergehen lassen müssen.

Wieringas Stil bleibt dabei stets sehr distanziert. Eine auktoriale Erzählinstanz berichtet vom Geschehen, wobei abwechselnd einzelne Perspektiven der Flüchtenden eingenommen werden. Dieses Spiel mit Fokalisierungen beherrscht Wieringa ausgezeichnet und es hat ganz klar zum Lesegenuss beigetragen. Dennoch bin ich den Figuren nie nah gekommen, doch genau dieser Fakt hat etwas in mir ausgelöst: Ich kann ihnen nicht nah kommen, weil ich mir dieses unendliche Leid in seiner Gänze einfach nicht vorstellen kann. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Wieringa kein Geflüchteter ist und vielleicht auch deshalb beim Erzählen auf respektvoller Distanz bleibt. Trotz allem unterstreicht dieses Unnahbare die drastischen Erlebnisse der sieben Flüchtenden und führt mir vor Augen, wie wichtig es ist, sich an Dinge, die unvorstellbar scheinen, langsam heranzutasten. Nur das Ende des Romans, ohne hier viel zu verraten, war mir leider zu kitschig und unplausibel. Da hatte ich nach den vorangegangen Seiten mehr erwartet.

Nichtsdestotrotz ist Dies sind die Namen ein kluger und zugleich erschütternder Roman. Er hält seine Leser*innen stets auf Abstand, zieht sie aber durch seine zahlreichen Bedeutungsebenen gleichermaßen in den Bann. Tommy Wieringa hat hier ein gut durchdachtes, stilistisch raffiniertes Buch geschrieben, das es sich vor allem in Hinblick auf die Leidenswege Geflüchteter zu lesen lohnt.

Weitere Besprechungen findet ihr auf Ruth liest und buecherfuellhorn.

(Übrigens hat Tommy Wieringa diesen Roman bereits 2012 geschrieben. Die Unterstellung, ein „Buch der Stunde“ schreiben zu wollen, wie es bei Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen der Fall war, hat hier weder Hand noch Fuß. In einem Interview des Hanser Verlags könnt ihr nachlesen, wie Wieringa die Idee zu Dies sind die Namen kam.)

Tommy Wieringa: Dies sind die NamenTommy Wieringa

Dies sind die Namen
übersetzt aus dem Niederländischen von Bettina Bach

Hanser

ISBN: 978-3-446-24739-0

2016 erschienen

5 Kommentare

  1. Liebe Juliane,
    Wir sind die Namen liegt schon mehrere Monate bei mir auf dem SUB. Auch beginnen wollte ich es schon mehrere Male, aber schlussendlich kam ich irgendwie nie dazu. Ich denke aber, dass dieses Buch wohl eines der nächsten sein wird, das ich lese. Ich weiss nicht, ob du Ohrfeige von Abbas Khider kennst – ein Buch ebenfalls vom Hanser Verlag und perfekt passend in eures Fluchtliteratur Genre. In den nächsten Wochen wird auf meinem Blog ein Post dazu folgen. Ich kann es nur empfehlen.
    Liebe Grüsse
    Anaïs

    • Liebe Anaïs,

      ich bin schon ganz gespannt auf deine Meinung zu dem Buch. Irgendwie wurde das in den Blogs eher nicht so häufig besprochen, weshalb ich gern noch mehr Stimmen dazu hören würde. „Ohrfeige“ liegt auch noch auf meinem Bücherstapel. Wird wohl auch bald drankommen. Deinen Post dazu werde ich auf jeden Fall lesen, aber erst nach der Lektüre. 😉 Und Danke nochmals für deine Fluchtliteratur-Tipps bei Instagram. Bin immer dankbar für Anregungen und Austausch.

      Liebe Grüße
      Juliane

  2. Liebe Juliane,
    das klingt sehr lohnenswert, vielen Dank für die Vorstellung.
    Der Name, das Namengeben, spielt im Judentum eine sehr große Rolle; zum Beispiel hatte Adam im Paradies von Gott die Fähigkeit, die „richtigen“ Namen der Dinge intuitiv zu wissen (adamitische Sprache), in der hebräischen Bibel werden viele Personen von Gott umbenannt, wenn sich ihre Bedeutung oder ihre Persönlichkeit ändern (Abram in Abraham, Sarai in Sara, usw.) und Dinge, in oder auf denen der Name Gottes steht, dürfen nicht weggeworfen, sondern müssen beerdigt werden. Ich schätze es lohnt sich, über einen Zusammenhang zwischen dieser Tradition, die Name und Identität so eng verbunden denkt, und der Bedeutung der Namen im Roman nachzudenken. Ich werde mal darauf achten, wenn ich ihn lese.
    Viele Grüße
    Eva

    • Liebe Eva,
      das klingt sehr interessant. ich wünschte manchmal, ich würde mich mehr mit Religionen auskennen. Ich glaube, viele Bücher würden sich mir einfacher oder auch weitreichender erschließen. Wenn du den Roman gelesen hast, würde ich mich freuen, wenn du mir noch mal schreibst und deine Interpretation mit mir teilst.
      Liebe Grüße
      Juliane

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