Abbas Khider: Ohrfeige

Wenn Geflüchtete in Deutschland ankommen, scheinen sie zunächst sicher zu sein, zumindest sicherer als in ihrem Heimatland. Die Bedrohung durch Krieg und Gewalt ist vorerst gebannt. Doch kommt im Bürokratiedschungel Deutschland eine ganz neue Art von Drangsalierung hinzu: Der fast tägliche Kampf um den Aufenthaltstitel. Über die ständige Angst der Abschiebung und den Umgang deutscher Behörden mit Geflüchteten schreibt Abbas Khider in seinem 2016 erschienen Roman Ohrfeige (Hanser).

Abbas Khider: Ohrfeige

Alles beginnt mit der titelgebenden Ohrfeige. Der Ich-Erzähler Karim Mensy, Geflüchteter aus dem Irak, schlägt seiner Sachbearbeiterin mitten ins Gesicht. Zuvor hat er sie gefesselt und geknebelt, um endlich Gehör zu erlangen. Karim erzählt Frau Schulz seine Lebens- und Fluchtgeschichte. Er ist aus dem Irak geflohen. Eigentlich wollte er nach Frankreich, doch der Schlepper brachte ihn nur bis Deutschland, nach Bayern. Da er sich nicht wirklich gegen diese aufgezwungene Situation wehren kann, nimmt Karim sein Schicksal an und versucht sich anzupassen. Er beginnt, „die Rolle eines wissbegierigen Bürgers“ zu spielen, zeigt sich in der Öffentlichkeit mit deutschen Tageszeitungen, um bloß nicht aufzufallen.

In der Notunterkunft lebt er zusammengepfercht mit vielen anderen Geflüchteten, die alle aus unterschiedlichen Ländern kommen. Kulturelle Unterschiede treten zu Tage und Khider beschreibt sehr eindrücklich, wie schwierig es sein muss, mit so vielen verschiedenen Menschen auf engstem Raum zusammenzuleben. Hinzu kommt die ständige Angst, von heut auf morgen abgeschoben zu werden. Bei den Behörden sind die Geflüchteten allesamt nur Aktennummern, Ziffern in einem bürokratischen System, das keine Nächstenliebe zu kennen scheint.

Um in Deutschland bleiben zu können, braucht es einen guten Fluchtgrund. Karim ist offiziell vor den Unruhen im Irak geflohen, doch nach und nach erfahren wir als Leser*innen, dass dies eigentlich nur ein vorgeschobener Grund ist. Karim hat ein Geheimnis, sein Fluchtgrund ist weniger politischer als vielmehr individueller Natur. Dieses Geheimnis – ich möchte nicht zu viel verraten! – bereitet ihm tagtäglich psychische Qualen und nur der Umzug in ein anderes Land mit anderen Möglichkeiten scheint ein Ausweg für ihn zu sein.

Hiermit steigt Ohrfeige in den Diskurs um mögliche Trittbrettfahrer*innen der Fluchtbewegungen ein und stellt die Frage, ob es nicht auch legitim ist, aus ganz persönlichen Gründen fernab von Krieg und Gewalt die Flucht aus einem Land zu ergreifen. Karim hat in der Flucht seine einzige Chance gesehen, seinem emotionalen Leid zu entkommen und diese ergriffen. Nachvollziehbar ist das allemal, aber auch moralisch vertretbar? Der Roman schafft hier Raum für Gedanken, die über gesetzliche Regulierungen weit hinausgehen. So zeigt Khider, dass es viel wichtiger ist, den einzelnen Menschen zu betrachten als immer nur die anonyme Gruppe der Geflüchteten.

Als schließlich bekannt wird, dass Saddam im Irak gestürzt wurde, wird Karim die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Die Gefahr im Herkunftsland sei ja nun gebannt. Zu diesem Zeitpunkt hat Karim bereits über drei Jahre in Deutschland verbracht und beständig versucht, sich einzugliedern. Das Gefühl der Abschiebung vergleicht er mit unerwünschter Reklame, die trotz „Keine Werbung“-Sticker in die Briefkästen geworfen wird.

Jahrelang habe ich hier gelebt und nun gehe ich mit leeren Händen. Was ich mitnehme, ist tief in mir. Es sind die vielen Erinnerungen an die anderen verlorenen Seelen und daran, wie wir uns so weit weg von zu Hause in die Arme liefen.

Abbas Khider behandelt in Ohrfeige ein dringendes und wichtiges Thema. Die Sachbearbeiterin Frau Schulz steht hier, was schon am deutschen Allerweltsnachnamen zu erkennen ist, nicht nur für die deutsche Bürokratie. Sie steht vielmehr für die deutschen Einwohner, die Geflüchteten viel zu wenig zuhören, sondern sie stattdessen pauschal verurteilen oder aber sie mit ihrer Hilfe erdrücken.

Dennoch scheint mir der Roman an vielen Stellen sehr konstruiert. Die Sprache wurde in vielen Besprechungen als poetisch beschrieben, das trifft zum Teil auch zu. Allerdings schießt Khider meines Erachtens oftmals übers Ziel hinaus, sodass mir Karims Erzählstimme oft unglaubwürdig vorkam.

Unzählige Fragen und Ängste stoben durch meinen Schädel, senkrecht, waagerecht, diagonal und in unheimlichen Kreisen.

Reicht es denn nicht aus, dass die Ängste überhaupt durch seinen Kopf „stoben“, ein Verb, dass ich auch schon etwas hochgestochen finde. Nein, die Gedanken müssen auch noch senkrecht, waagerecht, diagonal und in „unheimlichen“ Kreisen umherschießen. Vielleicht sollte das ein schönes sprachliches Bild werden, mir bildet sich da aber nur ein Fragezeichen im Kopf. Solche schiefen Metaphern gibt es einige in Ohrfeige.

Ich möchte Karim keinesfalls eine poetische Sprache absprechen, allerdings verstehe ich nicht, warum er in dieser Situation, in der er mit Frau Schulz und seinem Aufenthalt in Deutschland abrechnet, so überhöht sprechen sollte. Ist das die Sprache der Wut? Khider verhandelt in seinem Roman durchaus prägnante Kritikpunkte am gegenwärtigen Umgang mit Geflüchteten in Deutschland und leistet einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Diskurs, allerdings wirkt die Umsetzung auf mich zu konstruiert.

Abbas Khider: OhrfeigeAbbas Khider

Ohrfeige

Hanser

ISBN 978-3-446-25054-3

Erschienen am 01.02.2016

5 Kommentare

  1. Liebe Juliane, wie schön, dass du zu diesem Buch gegriffen hast! Ich kann deinen Kritikpunkt nachvollziehen, teile ihn allerdings nicht. Die Bilder, die Abbas Khider mit seinen Worten schafft, sind einmalig und haben in mir sehr viel ausgelöst. Sie kommen dem Gefühlwirrwarr, das Karim in seinem Kopf hat, nahe. Sie schafften es mich glauben zu lassen, zu verstehen, was gemeint ist. Liebe Grüsse! Anaïs

    • Liebe Anaïs,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Mir ging es da wirklich komplett anders. Diese Sprache hat zu mir eine unglaubliche Distanz aufgebaut, sodass ich sie sehr künstlich fand und mich nicht so richtig in Karim einfühlen konnte. Aber vielleicht soll ich das auch gar nicht. Denn wie kann ich als privilegierter, weißer Mensch mich jemals in einen Geflüchteten hineinversetzen? Und trotzdem: Ich fand das Buch ein wenig zu sehr baukastenartig. Schade eigentlich, thematisch steckt da nämlich wirklich viel drin.
      Ohne, dass wir hier zu viel verraten: Wie hat dir denn das Ende des Romans gefallen?
      Liebe Grüße
      Juliane

      • Liebe Juliane, natürlich kann ich mich nie und nimmer in Karim hineinversetzen – wie du selbst gesagt hast. Den Schluss habe ich überhaupt nicht mehr präsent, hab so eben das Buch noch einmal durchgeblättert und mag mich vage erinnern. Er ist sehr abrupt und vielleicht auch etwas überspitzt. Aber ich war nach dem Beenden der Lektüre so aufgewühlt, dass ich gar nicht mehr richtig über den Schluss nachgedacht habe und mir das Buch nicht schlecht reden mochte, nut weil mir der Schluss nicht gefallen hat… Verstehst du den Schluss als Illusion? Also das ganze Buch, den letzten Satz? Alles Liebe, Anaïs

        • Ja genau…der letzte Satz enthebelt irgendwie alles, was ich davor gelesen habe. Ich verstehe es als Rauschgedanken, da Karim ja auch die ganze Zeit kifft. Ich bin auch immer noch unschlüssig, ob ich das jetzt gut oder schlecht finde. Ich glaube, über dieses Buch könnte ich noch ewig reden. Immerhin (auch wenn es mir nicht so besonders gefallen hat): Das soll Literatur ja im besten Falle bewirken. 🙂
          Liebe Grüße
          Juliane

  2. Wortlichter

    Ich überlege immer hin und her, ob ich das Buch lesen sollte oder nicht. Ich habe auch die Probe vom Hörspiel angehört, was ganz nett gemacht ist, mit arabischen Sprecher/ Dialekt.

    Aber irgendwie finde ich den Gedanken über seine Sachbearbeiterin nicht so nett, da ich ja auch auf der „dieser“ Seite sitze, auch wenn ich als Betreuerin da wohl einen besseren Ausgangspunkt habe. Ist für mich trotzdem irgendwie ein bitterer Beigeschmack, besonders da einem nicht unbedingt immer alle freundlich gesinnt sind.

    Die Sprache kommt mir übrigens nicht komisch vor, weil sehr viele Araber eine sehr ausdrucksvolle Sprache sprechen, da das Arabische an sich, sehr blumig ist. Allerdings durchtrennt das meist die Sprachbarriere am Anfang und dann später lernen die Menschen so zu sprechen wie es hier üblich ist, weil sie ja auch nicht komisch auffallen wollen.
    Ich denke aber, dass der Autor hier direkt aus seiner arabischen Sprech/Denkweise überträgt. Und ich denke, es ist nicht die Sprache der Wut, sondern der Verletzlichkeit. Und in dem er sich dieser Sprache bemächtigt, sie ohne Filter anwendet, gibt er auch einen Teil seiner Gefühle und seines Inneren preis, was sonst verborgen wäre.

    Lg, Anja

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