Jan Wehn: Morgellon

Chemtrails, Heilkristalle, Schutzbunker, Reichsbürger: Jan Wehn nimmt uns in seiner Novelle Morgellon (Korbinian Verlag) mit in die Welt der Verschwörungstheorien. Der Student Noah Zimmermann gerät unverhofft in einen Sog, dessen Kräften er nicht gewachsen ist.

Jan Wehn: Morgellon

Seit es die sozialen Medien gibt, tritt erst richtig zutage, was schon seit vielen Jahrzehnten größtenteils im Verborgenen vor sich hin schmorte. Natürlich kennt jede*r etwas ältere von uns noch Erich Däniken, den UFO-Papst. Unablässig schrieb er Buch um Buch über den Einfluss außerirdischer Intelligenz auf die Evolution des Menschen und erklärte sie anhand von schwurbeligen Felsformationen. Wir alle kennen auch – spätestens seit dem Film Signs – Kornkreise, die immer wieder auf Außerirdische zurückgeführt werden und auch von Däniken als Beweis außerirdischen Lebens gelten.

Über die vielen UFO-Jünger und Alien-Gläubige, die immer wieder mal mit Schildern bepackt irgendwo auftauchen, „I believe“ skandieren und verlangen, vom nächsten UFO abgeholt zu werden, lässt sich herzlich lachen. Ein paar Bekloppte, was soll’s! – Könnte man denken. Wer Facebook-Gruppen wie „Der goldene Aluhut“ abonniert, bekommt immer noch einen ähnlichen, wenn auch deutlich verrückteren Eindruck. Die Schnipsel aus geschlossenen Gruppen oder von „kritischen“ Seiten sind meist aberwitzige Dummheiten. Aber bei der thematischen Breite und vor allem der schieren Menge des gebotenen Stoffs bekommt man schon ein kleine Ahnung davon, dass doch ganz schön viele Menschen im verschwörungstheoretischen Umfeld unterwegs sein müssen. Und durchaus bereit, an den ganzen Quatsch zu glauben.

Schaut man dann noch ein wenig weiter und besucht ebenjene Gruppen und „kritische“ Seiten, dann bleibt das Lachen bald im Halse stecken. Klickt man sich geduldig weiter, kommen immer mehr Grundlagen von oberflächlich gesehen schwurbeligen Hirngespinsten ans Licht. Zwischen geradezu unfassbaren Mutmaßungen und Argumentationen schlagen einem plötzlich christlicher Fundamentalismus, Reichsbürgertum, Holocaust-Leugnung, Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und Sexismus entgegen, mal verkappt, mal gerade heraus. Ein Name prangt über allem: Die „Neue Weltordnung“ oder „New World Order“, oft mit „NWO“ abgekürzt. Die Einstiegsdroge bildet für die meisten Menschen, die irgendwann im Sumpf der „Neuen Weltordnung“ landen, etwas vermeintlich ganz Alltägliches: Kondensstreifen.

So ergeht es auch Noah Zimmermann, dem Protagonisten der Novelle Morgellon von Jan Wehn. Der Langzeitstudent hatte das Glück, nach dem Ableben seines Großvaters in dessen kleine Wohnung einziehen zu dürfen. Endlich raus aus dem Elternhaus, rein in die eigenen vier Wände. Das muss natürlich auch gebührend zelebriert werden, und da kommt Noah die Hausapotheke des frisch Verstorbenen gerade recht. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass Opas Beruhigungsmittel Lorazepam, durch die Nase geschnupft, den Stress des Alltags auf angenehmste Weise vergessen machen kann.

Dass Lorazepam auch extrem suchterregend ist, merkt der behende zwischen Wachen, Schlafen und Rausch pendelnde Noah dabei nicht. Doch immer öfter plagen ihn starke Kopfschmerzen. Als die Vorräte sich langsam dem Ende zuneigen, kontaktiert er einen alten Schulfreund, Sven, dessen Vater Arzt ist. Der besorgt Noah neue Rezepte. Und weiht ihn gleich noch in eine Verschwörung ein, wegen der auch Sven immer wieder starke Kopfschmerzen hat: Chemtrails. Aber zunächst nur ganz abrupt:

Sven dreht sich hastig zu mir um und legt den Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine Lippen. Das Weiß in seinen weit aufgerissenen Augen hat vom Joint einen rötlichen Schein bekommen. Er packt mich fest an beiden Schultern und zieht mich an sich heran.
„Dicker, halt bloß die Fresse. Wir können da nicht so offen drüber reden. Ich schick dir lieber was“, flüstert er in mein Ohr.

Was Noah zunächst als „Kifferparanoia“ abtut, schleicht sich klammheimlich aber immer tiefer auch in sein von Benzodiazepinen vernebeltes Bewusstsein. Die Abwärtsspirale dreht sich nun bedrohlich immer schneller. Realitätsverlust und Wahn bestimmen immer stärker Noahs Leben. Seine sozialen Kontakte beschränken sich schnell auf Menschen mit ähnlichen Ansichten, die er in Internetforen trifft.

Den Versuch eines höchst esoterischen, aber im Grunde netten Mädchens, ihn aus seinem gefährlichen Wahn zu holen, blockt er ab. Zu allem Überfluss infiziert sie ihn auch noch mit Morgellonen, bösartigen Fasern, die sich unter der Haut festsetzen und zu einem permanenten Juckreiz führen. Dagegen gibt es kein Mittel, außer – mehr Lorazepam. Auch die Versuche seiner Familie, an ihn heranzukommen, vereitelt er immer wieder. Allein ist ihm jedoch kein gutes Ende beschieden.

Jan Wehn nimmt die Leser*innen seiner Novelle Morgellon mit in den Strudel, in den sein Anti-Held Noah gerät. Mit steigendem Drogenkonsum nehmen auch die Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen immer weiter zu, was seine Weltsicht immer weiter einengt und ihn psychisch instabil werden lässt. So ist der zu Anfang vielleicht etwas träge und in Sachen Drogen ziemlich experimentierfreudige, aber doch im Grunde vollkommen vernünftig wirkende junge Erwachsene schnell komplett aus der Bahn. Die paar Worte, die Sven ihm zuraunt, reichen, um eine Spirale in seinem Kopf in Gang zu setzen, der er sich in seiner Instabilität ohne Hilfe nicht mehr entziehen kann.

Durch die Ich-Perspektive, aus der Noahs Absturz geschildert wird, sind wir ganz nah dran, wie seine Gedanken sich immer stärker festziehen. Andere sind an seinem Zustand schuld. Aus Flugzeugen spritzen sie Chemikalien auf die Erde, um ihn und andere gefügig zu machen, was auch seine Kopfschmerzen verursacht. Inhaltlich ist Noahs Abstieg beklemmend. Sprachlich wird dies gut durch den treffenden, zwischen kühler Berechnung und sprühendem Wahn changierenden Ton unterstützt.

Ich beginne damit, Buch über die Formen und Strukturen der Chemtrails zu führen. Jeden Morgen, Mittag und Abend fotografiere ich den Himmel, gebe das Bild anschließend unter ein selbsterstelltes Raster und errechne so den prozentualen Anteil des Giftes in der Luft. Darüber hinaus analysiere ich die Zeichen und Muster der Kondensstreifen, deren Gift mitsamt der Morgellonen unsichtbar auf die Häuser und Straßen und die Menschen niederrieseln. Ich lasse die Fenster geschlossen und vermeide es so gut ich kann, vor die Tür zu gehen.

Morgellon von Jan Wehn ist eine kleine, aber feine Novelle. Sie führt vor, wie ein gesunder junger Mann durch eine psychische Labilität anfällig für Verschwörungstheorien wird und in deren Sog gerät. Sie zeigt neben dem enormen Suchtpotenzial auch, dass die aberwitzigen Ideen, über die ich immer wieder lache, einen überaus ernsten Hintergrund haben können. Ich werde den „Goldenen Aluhut“ ab heute wohl mit etwas gemischteren Gefühlen lesen.

Jan Wehn MorgellonJan Wehn

Morgellon

Korbinian Verlag

80 Seiten | 10,– €

Erschienen im April 2017

 

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