Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert

Leipzig im Sommer 2014: Sonne, Langeweile, Alkohol, Fußball-WM – und eine Vergewaltigung. In ihrem Debütroman nichts, was uns passiert seziert Bettina Wilpert die Ereignisse rund um Anna und Jonas. Ein Roman, der nicht auf der #metoo-Welle schwimmt, sondern das Zeug hat, selbst Wellen zu schlagen.

Bettina Wilpert, nichts, was uns passiert

Anna jobbt nach ihrem Studium in einer Kneipe, ein wenig Geld verdienen, bevor dann irgendwann der Ernst des Lebens losgeht. Immerhin ist Sommer, da kann der Ernst sich mal schön hinten anstellen. Dazu auch noch Fußball-WM, was Anna nun eigentlich überhaupt nicht interessiert, aber immerhin kommen dadurch immer wieder viele ihrer Freunde und Bekannten irgendwo draußen zusammen. Spiel hin oder her, es sind wunderbare Anlässe um draußen Bier zu trinken, zu rauchen, zu diskutieren. Sommer eben. Zumindest so lange, bis sie auf einer Party viel zu betrunken ist und am nächsten Morgen im Bett ihres Bekannten Jonas erwacht. Sie ist verwirrt, geschockt, dann kommt die Erinnerung: Sie wurde vergewaltigt.

Dies ist das Setting, auf dem nichts, was uns passiert aufbaut. Es ist so gewöhnlich, so unspektakulär, dass es erschreckt. Denn diese Geschichte könnte genau so überall und immer wieder passieren. Und genau das tut sie auch. Es geht in Bettina Wilperts Roman trauriger Weise um eine fast alltägliche Situation. Der Unterschied zu sehr vielen ähnlichen Geschichten liegt allerdings darin, dass Anna die Vergewaltigung anzeigt. Damit tritt sie eine Dynamik los, mit der sie niemals gerechnet hätte und die ihr gesamtes Umfeld verändert.

Im Kern dieser Dynamik stehen Anna und Jonas. Eine klassische Situation, es steht Aussage gegen Aussage. Sie sagt, Jonas habe sie vergewaltigt, sie mit Gewalt festgehalten, sie habe sich gewehrt, verbal wie physisch. Er behauptet dagegen, es sei einvernehmlich gewesen, habe ihr im Gegenteil sogar gefallen, und er habe ein Kondom benutzt, was ein Vergewaltiger nie tun würde. Wer hat Recht, wessen Version der Nacht ist die richtige?

Vor dieser Frage steht nicht nur die Polizei, die sich des Falls annimmt, sondern auch das gesamte Umfeld von Anna und Jonas. Schnell verbreitet sich das Gerücht einer Vergewaltigung in Leipzig, nach und nach werden teils fragwürdige Details bekannt. Sensationslust und Erschrecken schaukeln sich gegenseitig hoch. Als die Namen der beiden bekannt werden, muss vor allem Anna schmerzlich erfahren, dass Vergewaltigungsopfer nur in den wenigsten Fällen mit Mitleid oder gar Verständnis rechnen dürfen. Selbst enge Freunde wenden sich lieber von ihr ab, als ihr zu glauben, und damit Jonas als Vergewaltiger sehen zu müssen. Jonas wird zwar mehr oder weniger offen missbilligt, doch gerade sein engeres Umfeld zieht es vor, keine Stellung zu beziehen.

Es ist diese Dynamik, die Anna gleich doppelt bestraft. Nicht nur muss sie mit den physischen und psychischen Folgen der Vergewaltigung leben, muss sich rechtfertigen und als Lügnerin bezeichnen lassen, die mit dem Vergewaltigungsvorwurf den eigenen Vorteil suche. Kein neues, und schon gar kein außergewöhnliches Phänomen, das sich auch im Jahr 2018 nur unmerklich von seiner ersten Beschreibung in den 1970er Jahren unterscheidet. »Rape Culture« ist der Begriff für das systematische, gesellschaftlich legitimierte Misstrauen gegenüber Vergewaltigungsopfern und der damit immer implizierten Inschutznahme der Täter. (Für den schnellen Einstieg dazu empfehle ich hier eine Kolumne von Margarete Stokowski, und natürlich immer Untenrum frei.)

Bettina Wilpert benutzt in nichts, was uns passiert die Form der Oral History, wie sie auch in Podcasts wie etwa Serial verwendet wird. Alle Personen erhalten dadurch eine Stimme. Anna, Jonas, Annas Schwester Daria, Jonas Freund Hannes und viele mehr aus deren Umfeld. Dies ist erhellend, um die vielen Perspektiven auf den Abend der Vergewaltigung und die weitere Entwicklung zu verstehen, und mindestens ebenso erschreckend und teilweise abstoßend. Der Roman enthält sich durch diese Technik auch leichtfertiger Verurteilungen zugunsten von detaillierten Beschreibungen, für die die Autorin lange recherchiert und viele Interviews geführt hat. Das merkt man dem Buch an.

Ein Wort der Kritik sei jedoch auch noch angebracht. Sprachlich konnte mich nichts, was uns passiert nicht überzeugen. Denn eine Oral History, die wie hier komplett auf direkte Rede verzichtet, kommt nicht um einen sehr großen Anteil indirekter Rede herum. Aber die ist auf Dauer nicht sehr schön zu lesen. Die hier präsentierte Lösung fand ich jedoch mehr irritierend als überzeugend. Wilpert benutzt meist den Satzbau der indirekten Rede, ohne jedoch den dafür erforderlichen Konjunktiv zu verwenden, der sich aber hier und da dann doch wieder einschleicht. Für mich wirkte dies durch den kompletten Roman schief und hat mich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen.

Dass er sie nicht abfüllen wollte, sagte Jonas. […] Dass es von ihr ausgegangen ist. […] Dass auf der Brücke noch nichts passiert ist.

Irgendwann sagte sie, sie habe Hunger, und er meinte, er würde nicht weit von hier wohnen und hätte noch etwas zu essen zu Hause. Sie schlug vor, zu ihm zu gehen. Nein geplant hat sie nichts, erzählte Anna. Sie hat sich nichts dabei gedacht.

Doch Grammatik hin oder her: Bettina Wilpert hat mit nichts, was uns passiert einen wichtigen Roman geschrieben, der die aktuelle Debatte um Feminismus, Frauenrechte und Diskriminierung durch seine vielen Perspektiven ergänzt und unterstützt. Besonders natürlich durch Anna, der der Roman eine ebenso zerbrechliche wie starke Stimme verleiht und tiefe Einblicke in die Psyche der jungen Frau gibt.

Weitere Rezesionen gibts es hier: textmagazin | litnity | Deutschlandfunk Kultur

bettina wilpert nichts, was uns passiert coverBettina Wilpert

nichts, was uns passiert

Verbrecher Verlag

168 Seiten | 19,– Euro

Erschienen im Februar 2018

 

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

5 Kommentare

  1. Hallo Stefan,

    danke für die umfangreiche Rezension. Meinst du, dass auch ich mich an diesem Schreibstil stören würde? Das Thema reizt mich ja schon.

    Lieb gegrüßt, Anika

    • Hallo Anika!
      Also mir hat das Buch ja auch gefallen, von daher seh ich da keine große Gefahr. Wenn es dich interessiert, dann ist es auf jeden Fall empfehlenswert! Bei Verbrecher gibt es auch immer Leseproben, kannst ja auch mal reinlesen: http://verbrecherverlag.de/book/detail/929

      Liebe Grüße,
      Stefan

  2. Das mit der Leseprobe ist ein guter Tipp, das hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Danke dir. Ich werde mal reinlesen 😊

  3. Wortlichter

    Ich finde es verstörend, dass es kaum Bücher über dieses Thema gibt.
    Denn wie du bereits sagtest, is das Szenario an sich, ja leider nicht ungewöhnlich. Trotzdem würde mir kein Buch auf Anhieb einfallen, mit dieser Thematik.

    • Ja, laut Statistiken und Dunkelziffern ist die Situation im Buch wirklich relativ häufig. Ich kannte bislang auch noch kein Buch, dass eine Vergewaltigung so zentral behandelt. Zum Indiebookday habe ich mir jetzt „Peach“ von Emma Glass gekauft, in dem es auch – aber wohl ganz anders – um das Thema geht. Ich bin gespannt.

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