Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen

Wer war ich vor 16 Jahren, und was ist damals passiert, um aus mir heute den Menschen zu machen, der ich jetzt bin? In Der Abfall der Herzen (S. Fischer) geht Thorsten Nagelschmidt dieser Frage mit seinem Protagonisten Nagel nach, der nicht von ungefähr seinen Spitznamen trägt. Eine Spurensuche voller Musik und Teenage Angst.

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen

Beim Lesen von Der Abfall der Herzen habe auch ich mich oft gefragt, was ich eigentlich 1999, oder besser, was ich vor 16 Jahren gemacht habe. Denn der Protagonist des Romans, Nagel, sucht im Jahr 2015 nach Spuren aus dem Sommer 1999. 16 Jahre. Eine ewig lange Zeit, fast die Hälfte meines Lebens. Was mag ich also im Sommer 2002 so gemacht haben? Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Vermutlich nur beklopptes Zeug, was man mit 18 eben so macht, wenn man vom Dorf irgendwo in NRW kommt. Aber könnte ich es rekonstruieren? Ich glaube kaum, zu diffus sind die Erinnerungen. Ich müsste einen Haufen von Leuten befragen, die ich zum Teil ewig nicht mehr gesehen habe, um den möglichen Ereignissen auch nur auf die Spur zu kommen. Und vermutlich würde nicht nur eine Variante dabei herauskommen.

Genau dieses Unterfangen nimmt Nagel in Der Abfall der Herzen auf sich. Denn auch er kann sich an praktisch nichts aus dem Sommer 1999 erinnern, als er im Gespräch mit einem alten Freund auf den Sommer gestoßen wird. Der Freund, Sascha, schickt Nagel einen Brief, den er wiederum Sascha 1999 geschickt hat. Nichts klingelt, keine Erinnerung setzt ein.

Zwei Dutzend Sätze, knapp und unbeholfen, ein paar Wörter sind durchgestrichen. Es ist unbestreitbar meine Schrift, es sind eindeutig meine Worte, und jetzt, wo ich sie vor mir habe, sind sie mir gleich seltsam vertraut, so als wären sie immer da gewesen. Aber daran erinnern?

Wie kann das sein? Ein As hat er dabei noch im Ärmel. Als regelmäßiger Tagebuchschreiber hat er auch 1999 schon täglich in seine Kladden geschrieben. Beim Blättern in den alten Heften packt es ihn, die Vergangenheit beginnt, sich langsam vor ihm aufzublättern. Aber sind die Aufzeichnungen eines einzelnen Menschen, der man auch noch selbst und regelmäßig ganz schön betrunken war, genug? Genug, um zu wissen, was eigentlich geschehen ist, wie man hier, heute, an diesem Punkt gelandet ist? Denn alles deutet darauf hin, dass im Sommer 1999 die Weichen gestellt wurden.

Mitten in einer Schreibkrise setzt Autor Nagel alles auf eine Karte und macht sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Er besorgt Nummern, E-Mail-Adressen, kontaktiert Freundinnen und Freunde von damals, um sich mit ihnen zu treffen und herauszubekommen, was in jenem schicksalhaften Sommer passierte. Er macht nicht nur eine Deutschlandreise, sondern besucht auch die Orte, die in seinen verschwommenen Erinnerungen auftauchen. Er reist nach Marseille und Barcelona, doch kommt ihm das, was er findet, nur bekannt vor, weil er es unbedingt möchte, oder sind es die richtigen Orte?

Die Erinnerung ist ein eigenartiges Ding. Sie verändert sich mit der Zeit, spielt uns Streiche, verbirgt unliebsame Details mit den Jahren immer besser. In Der Abfall der Herzen bekommen wir beides gleichzeitig geboten. Zwei Stränge ziehen sich durch das Buch, einer spielt 1999, einer 2015. Diese Anlage gibt dem Plot einen doppelten Boden und schützt vor einer Einordnung als bloße Popliteratur. Denn hätten wir nur den Vergangenheitsplot, in dem wir uns ziemlich stringent mit Nagel durch den Sommer 1999 saufen, knutschen, trennen und verlieben, dann stände das Buch genau dort.

Der Gegenwartsteil jedoch fügt eine Ebene der Reflexion hinzu, die nicht gerade philosophisch zu nennen ist. Aber das eigene selbst und nicht zuletzt auch das autobiographische Schreiben wird hier hinterfragt, ohne aufgesetzt zu wirken. Ganz im Gegenteil, die Passagen bleiben immer nah am Geschehen, hinterfragen eher mit kleinen Seitenblicken die Authentizität des Geschilderten. Denn diese kann immer nur eine subjektive sein, und genau das schwingt hier in schöner, weil leichter und ungekünstelter Ironie mit.

Dass mir Thorsten Nagelschmidts erster Roman unter seinem bürgerlichen Namen so gut gefallen hat, kann ich dabei an mehreren Punkten festmachen. Zum einen ist es das Spiel mit dem eigenen Selbst, denn er hat unter dem Pseudonym bzw. seinem Spitznamen Nagel nicht nur zwei Romane und einen Erzählungsband, sondern auch bildende Kunst und diverse Alben mit seiner Band Muff Potter veröffentlicht. Um all das geht es, wenn auch meist eher in Andeutungen, in Der Abfall der Herzen. Zum anderen fasziniert mich aber auch die dabei mitschwingende Musik, im Bandalltag, auf Plattenspielern, Kassettendecks oder dem Walkman. Vieles, was da läuft – auch Muff Potter – habe ich in der Zeit auch gehört, was die Verbindung, ja Identifikation natürlich leicht macht. Und der Roman hat wirklich einen tollen Soundtrack, den sollte man mal dazupacken!

Thorsten Nagelschmidts dritter Roman Der Abfall der Herzen ist im allerbesten Sinne ein Sommerroman. Einer, der einen Sommer in der Kleinstadt fühlbar macht, nicht nur, was das Stadtleben, sondern auch diesen bestimmten Lebensabschnitt betrifft, in dem man einfach noch nichts muss, sondern schaut, wo die Reise hingeht. Für Nagel, sorry, Nagelschmidt ging sie bekanntlich nach Berlin-Neukölln, nur wenige Straßen von mir entfernt. Noch ein Anknüpfungspunkt, und ich könnte noch lange mehr aufzählen …

Weitere Rezensionen findet ihr u. a. auf Zeilensprünge und Buchsichten.

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen CoverThorsten Nagelschmidt

Der Abfall der Herzen*

S. Fischer

446 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 22. Februar 2018


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Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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