[DPB 18] Stephan Thome: Gott der Barbaren

Die Barbaren sind immer die anderen: Stephan Thome zeichnet in seinem neuen Roman Gott der Barbaren (Suhrkamp) ein vielstimmiges Bild des zweiten Opiumkriegs und der folgenden Jahre, in dem vor allem die kulturellen Unterschiede und die Machtgefälle zwischen den vielen Fronten in den Vordergrund gerückt werden. Und landet damit durchaus verdient auf der Shortlist des Buchpreises 2018.

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Johann Philipp Neukamp, Lord Elgin und Zeng Guofan sind die Hauptdarsteller in Gott der Barbaren. Elgin und Guofan repräsentieren die beiden Parteien im zweiten Opiumkrieg: Großbritannien (unterstützt durch Frankreich) und das kaiserliche China. Der Konflikt wird durch einen chinesischen Bürgerkrieg dabei erheblich verkompliziert. Alle Parteien ringen um den richtigen Weg in diesem zerfahrenen Krieg. Für England geht es um freien Handel. Sprich: riesige Gewinne durch den Verkauf von indischem Opium an China. Dass der Opiumkonsum selbst in England verboten ist – geschenkt! China dagegen ringt um das Überleben der Qing-Dynastie, deren alte Traditionen sowohl von den Engländern als auch von den südchinesischen Rebellen bedroht werden.

Die drei sind aber bei weitem nicht die einzigen Protagonisten. Zwischen deren Kapitel mischen sich Briefe, Zeitungsartikel, Tagebucheinträge und andere Dokumente. Die Marschroute – um nah beim Kriegsthema zu bleiben – ist klar: Ein historischer Roman braucht Authentizität. Die Zeitdokumente, akkurate Datierungen und die Einflechtung vieler Fakten der Geschichtsschreibung leisten hier einen guten Dienst. Wie genau sich die aus der dritten Person erzählten Kapitel Elgins und Guofans an verfügbare Quellen halten, ist (zumindest mir) dabei unklar. Der Anteil von detailliert geschilderten Gedanken und seitenlangen, ebenfalls höchst detaillierten Gesprächen lässt aber keinen Zweifel an dem hohen fiktiven Anteil, der hier mitspielt.

Und dann ist da natürlich Neukamp, der fiktionale Clou, durch den Gott der Barbaren nicht nur funktioniert, sondern sich erzählerisch entfalten kann und eine Spannung erzeugt, deren Ausgang nicht in Geschichtsbüchern (oder auf Wikipedia) nachzulesen ist. Die Person ist komplett fiktional und bietet daher größere Möglichkeiten zur freien Entfaltung als die historischen Personen. Sein Plot ist im Prinzip eine Abenteuergeschichte, die aus der ersten Person erzählt wird. Er produziert den zugänglichsten erzählerischen Sog und verortet sich gleichzeitig zwischen den Fronten, bildet das Vermittlungselement, durch das Thome die Freiheit erhält, über die Opiumkriege, das Kolonialwesen und das christliche Missionieren zu reflektieren.

Die Chinesen glaubten an Gott wie an einen ihrer vielen Haus- und Herdgeister, die man durch Opfer gnädig stimmen musste, und oft genug beteten sie zu ihm, um uns gnädig zu stimmen. Was wir Bekehrung nannten, war eine Form von gegenseitigem Betrug: Sie wussten, was sie tun mussten, damit wir so taten, als wären sie unsere Brüder und Schwestern.

Neukamp kennt alle Seiten gut, die Kolonialherren, zu denen auch er zu zählen ist, die Rebellen, die er zum Teil mit missionierte, und die Anhänger des traditionellen China, dessen Kultur ihn fasziniert. Immer tiefer taucht er auf seiner abenteuerlichen Reise von Hongkong nach Peking in das Reich der Mitte ein und macht immer neue Erfahrungen mit Angehörigen aller Seiten. Gerade bei ihm stellt sich am deutlichsten der allen Seiten inhärente Rassismus heraus, der aber nur auf Seiten der Kolonialherren mit eindeutigen finanziellen und machtpolitischen Interessen gekoppelt ist.

Gott der Barbaren hat mich in seiner Struktur stark an eine etwas ruhigere, aber nicht weniger sprach- und bildgewaltige Variante von T.C. Boyles erstem Roman Wassermusik erinnert. Die Konstellation der Personen erlaubt es, den zentralen Konflikt von allen Seiten detailliert in Gegenwart und Vergangenheit darzustellen, die Darstellungsweise erlaubt sich größte Freiheiten, die durch authentische Dokumente und Personen wieder eingefangen werden. Durch die langen Gespräche wird dabei ein tiefer Blick in die Kultur Chinas und Großbritanniens ermöglicht, wie ihn auch Pankaj Mishra mit anderen Mitteln in From the Ruins of Empire herstellt. Die Gespräche sind wie der Roman im Ganzen sehr gut geschrieben, allerdings in ihrer Länge und Detailverliebtheit manchmal ermüdend.

Stephan Thome vermittelt in seinem historischen Roman Gott der Barbaren ein detailliertes, vielstimmiges Bild sowohl des zweiten Opiumkrieges als auch der in diesem aufeinandertreffenden Kulturen. Das alles bestimmende Unverständnis gegenüber den jeweils anderen kann dabei als Fingerzeig für eine Gegenwart ausgelegt werden, in der durch leichtsinnige Äußerungen (etwa über die Migration als »Mutter aller Probleme«) wieder neue Gräben ausgehoben werden, die ein friedliches Zusammenleben gefährden. Die geschilderten Gräuel des Opiumkrieges verdeutlichen, wohin dies in der Vergangenheit schon geführt hat, und wohin es in der Gegenwart auf gar keinen Fall wieder führen darf. Auch wenn der Anfang schon lange gemacht ist.

Ein starker, gewichtiger und bildgewaltiger historischer Roman, der trotz ein wenig zu großer Detailverliebtheit meiner Meinung nach zu Recht einen Platz auf der Shortlist gefunden hat.

Stephan Thome: Gott der BarbarenStephan Thome

Gott der Barbaren *

Suhrkamp

719 Seiten | 25 Euro

Erschienen am 10.9.2018


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