Juan Gómez Bárcena: Kanada

Hand hoch, wer vor dem Lesen von Juan Gómez Bárcenas neuem Roman Kanada (Secession) gleich zumindest grob geahnt hätte, was sie oder ihn da erwartet? Niemand? Der Roman zelebriert das Rätsel der Vergangenheit und die Langsamkeit, in der es aufgeblättert wird, auf formidable Weise.

Juan Gómez Bárcena: Kanada

Der Text beginnt mit einer Heimkehr, der Hoffnung, dass das eigene Haus noch steht, alles wie damals ist. Damals, als alles noch gut war. Die Hoffnung wird nicht enttäuscht, das Haus steht noch. Der Nachbar ist auch noch da, er empfängt, versorgt, kümmert sich. Denn in der Zwischenzeit ist viel passiert. Doch er versteht nicht, oder will vielleicht auch nicht verstehen. Denn nichts ist mehr so, wie es mal war. Nur das Haus vielleicht, vielmehr das kleine Büro, in das sich der Heimgekehrte zurückzieht und das er über eine große Strecke des Romans nicht verlassen wird.

Juan Gómez Bárcena weiß um das Rätsel, um die Unbekannte, die große Literatur ausmacht. In Kanada zelebriert er dieses Rätsel, das Ungesagte, Unaussprechbare vielleicht, ohne es zu strapazieren. Der Autor trägt in den kurzen Kapiteln Schicht um Schicht wie von einer – ziemlich dicken – Zwiebel ab, um ganz langsam immer weiter ins Innere zu gelangen. Hin zum Protagonisten, der zunächst komplett fremd bleibt.

Dass dies so lange und auch so spannungsvoll gelingt, liegt neben der akribisch gearbeiteten Dramaturgie auch ganz entscheidend an der Sprache. Der Roman ist komplett in der zweiten Person geschrieben, spricht den Protagonisten durchgängig an. Beim Lesen wird dadurch eine sehr intime Stimmung erzeugt, da man unvermeidlich immer weiter in die Position des Angesprochenen rutscht. Das braucht durchaus Zeit, der Anfang ist nicht leicht. Doch ist man einmal in Position gerutscht, gibt es kein zurück.

Die Wohnung ist zu groß. Es wird dir nicht gelingen, sie vollständig zu säubern, auch wenn du den Rest deines Lebens damit verbringst. Den Flur, den du nie betrittst, könntest du auslassen, doch auch so wäre das zu viel. Du könntest die Tür zum großen Schlafzimmer schließen. Die Tür zum kleinen Schlafzimmer. Du könntest auf das Wohnzimmer und den Flur verzichten, auf das Bad und die Küche, und es wäre doch nicht zu bewältigen.

Die Gegenwartshandlung spielt sich als Kammerspiel ausschließlich im Haus des Protagonisten ab. Wie durch einen Schleier beobachtet er das Kommen und Gehen von Personen, die im Haus wohnen oder es zeitweise nutzen. Aus ihren Gesprächen erfährt er – und damit wir – von dem, was draußen passiert. Doch oft zweifelt man beim Lesen auch an dem Geschilderten – passiert das gerade wirklich?

Denn im Inneren rumort es. Die Erinnerungen lassen den Protagonisten nicht los, kommen unkontrolliert vor, halten ihn gefangen in immer wieder einsetzenden Schleifen. So drehen wir uns mit ihm spiralförmig zum Vergangenen hin, erfahren Bruchstücke, Splitter von dem, was ihm zugestoßen ist und weshalb er nun sein Leben im ehemaligen Büro seines Hauses fristet. Und es nicht mehr verlassen kann.

Kanada lebt vom Sprachspiel und dem Rätsel, das es umzingelt. Deshalb werde ich auch hier kein Wort zum eigentlichen Inhalt verlieren. Es ist einfach zu schön, ganz langsam selbst hinter alles zu kommen. Ein unglaublicher Roman, der mich trotz Vorschusslorbeeren so stark überrascht hat wie vielleicht kein anderer Roman im letzten Jahr. Ganz große Literatur in wunderbarer Gestaltung.

Juan Gómez Bárcena

Kanada *

Aus dem Spanischen übersetzt von Steven Uhly

Secession Verlag

192 Seiten | 20 Euro

Erschienen im August 2018


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Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

3 Kommentare

  1. Das ging mir auch so, Stefan. Tolle Besprechung. Ich wusste auch nicht so recht, wie ich meine Besprechung formuliere und habe lange gebraucht. Dennoch kommt sie bald, weil ich mir wünsche, dass ganz viele Menschen dieses unglaubliche Buch lesen. Eins meiner liebsten Bücher …
    Viele Grüße!

    • Danke, Marina, jetzt bin ich aber sehr gespannt auf deine Besprechung! Der Roman ist einfach großartig, kann man gar nicht oft genug sagen.
      Viele Grüße!

  2. Pingback: [Rezension]: Juan Gomez Barcena – Kanada – Lesen macht glücklich

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