Yannic Han Biao Federer: Und alles wie aus Pappmaché

In seinem Debüt Und alles wie aus Pappmaché (Suhrkamp) beschwört Yannic Han Biao Federer die Geister des Erwachsenwerdens herauf und zeigt, dass die Adoleszenz doch nie so richtig endet.

Jian, Sarah, Anna und Frank wachsen in der badischen Provinz auf, genauer in Staufen im Breisgau. Jian ist in Sarah verliebt, schläft dann aber doch mit Anna, die sich gerade von Frank getrennt hat. Das passiert im Jahr 2001, als die vier Jugendlichen gerade 16 sind. Typisches Pubertätsszenario, in dem hormongesteuerte Jugendliche Dinge tun, die sie selbst nicht so ganz verstehen.

Nach dem Abi trennen sich dann die Wege der vier. Sarah wird Model, heiratet einen reichen Schnösel und lässt sich nach nur wenigen tragischen Jahren scheiden. Jian zieht in eine WG, hadert mit seiner Bisexualität gleichermaßen wie mit seiner Herkunft – er ist in Deutschland aufgewachsen und hat chinesische Wurzeln. Seine Mutter lebt mittlerweile in Indonesien. Anna wird von ihrem Vater, der Religionslehrer ist, gezwungen, ihre Homosexualität zu unterdrücken. Nach dem Abi schlittert sie dann in eine Dreiecksbeziehung mit Bobby und Mascha, die wiederum mit dem rechten Gedankengut ihre Vaters hadert. Frank dagegen wird immer depressiver. Den Suizid seiner Mutter kann er nicht verkraften – er kifft exzessiv und geht immer wieder in den Wald, um »den Tod zu besuchen«.

Doch all dies wird nicht einfach chronologisch runtererzählt. Beim Lesen springen wir immer wieder von den frühen Nullerjahren in die heutige Zeit und in Momente dazwischen. Was mich zu Beginn der Lektüre verwirrt hat, ließ mich dieses Buch zum Ende hin immer atemloser lesen. Mit jedem Abschnitt fügt sich das Puzzle aus Lebensmomenten zu einem Ganzen und es wird klar, dass die Geschichten aller Figuren untrennbar miteinander verbunden sind.

Verbunden sind auch die einzelnen Sätze auf enorme Weise, vor allem durch die kleine Konjunktion »und«. Es gibt Sätze, Abschnitte, sogar ganze Kapitel, die mit dem kleinen Wörtchen beginnen. Logisch, dass auch der Buchtitel damit beginnen muss. An den Stil muss man sich gewöhnen – der nie endende Stream of Consciousness hat mich anfangs überfordert, doch passt er unglaublich gut zu den unsicheren Adoleszenten des Romans, zu den nie abreißenden Gedankenströmen und Reflexionen des Erwachsenwerdens. Federers Stil ist mal distanziert, mal ganz nah und immer etwas nüchtern, vor allem in den Rückblenden zur Schulzeit. Mein eigenes Gedankenkarussel wurde hier sofort wieder angeknipst: Schulzeit, Cliquen, Cool-Sein, Uncool-Sein, Abiball, erste Liebe, Aufwachsen in der Provinz; und zwar nicht auf eine melancholisch-verklärte Weise, sondern auch mit all den Schattenseiten der Pubertät.

Das mag auch daran liegen, dass die Figuren aus Und alles wie aus Pappmaché ungefähr zu der Zeit jugendlich waren, zu der ich es ebenfalls war. Es gibt viele Anspielungen auf das Erwachsenwerden in den Nullerjahren, mit denen ich mich besser identifizieren kann als Personen, die viel früher oder später geboren wurden als Ende der 80er / Anfang der 90er. Und so zeichnet Yannic Han Biao Federer auch das Bild einer Generation, die heute als die ersten Digital Natives bezeichnet werden. Menschen, die ein Leben ohne PC noch kennen, aber von sehr früh an mit Computern aufgewachsen sind. Aber auch von jungen Menschen, die der Provinz zwar räumlich, aber nicht im Inneren entkommen sind.

In den großen Städten sind die Blicke domestizierter und dosierter, und es gibt auch mehr Vorübergehende, auf die sich die Blicke verteilen können, selbst wenn es mehr Blicke gibt, die geworfen werden, sie sind flüchtiger und unbestimmter, und die Intensität des gebündelten Schauens, des unverhohlenen Erkennenwollens, ich bin es nicht mehr gewohnt, und Sarah auch nicht, und bestimmt sind wir früher genauso durch Staufen gegangen, und wenn wir einen gesehen haben, den wir nicht kannten, haben wir ganz lang hingesehen, weil vielleicht kennt man ihn ja doch.

Wie diese Generation 9/11 erlebt hat, die Nachwehen der RAF oder heute auf den IS-Krieg reagiert, beschreibt Federer ebenso klug wie die Tatsache, dass Pubertät irgendwie scheiße war, uns aber bis heute auf eine komische, nostalgische Weise beeinflusst. Wird’s jemals wieder so dramatisch wie damals? Wie abgestumpft sind wir mittlerweile? Und waren Gefühle damals nicht tausendmal krasser als heute?

Mit Und alles wie aus Pappmaché hat Yannic Han Biao Federer einen Roman geschrieben, der Generationenporträt, Adoleszenzroman, Zeitgeistkonserve und Sprachkunst zugleich ist. Ein Debüt im besten Sinne, das nicht nur Millenials lesen sollten.

Weitere Rezensionen findet ihr u.a. auf Wortgelüste und Bücheratlas.

Yannic Han Biao Federer: Und alles wie aus Pappmaché

Yannic Han Biao Federer

Und alles wie aus Pappmaché *

Suhrkamp

206 Seiten | 14,95 Euro

Erschienen am 11.2.2019


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Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

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