Berit Glanz: Pixeltänzer

Manchmal gibt es Bücher, die kommen einem so nah, dass man es kaum glauben will. Pixeltänzer von Berit Glanz (Schöffling) ist genau so eines. Es fängt die Gegenwart ein und bringt sie spielerisch zum Tanzen.

Berit Glanz: Pixeltänzer

Es passiert mir wirklich selten, dass ich schon nach dem Lesen der ersten Seite eines Romans denke: Das hier werde ich lieben! Bei Berit Glanz’ Debütroman Pixeltänzer war es jedoch exakt so. Der Roman fängt Lebenswirklichkeit ein und schafft es, sie in eine poetische Handlung zu verpacken, die einfach passt. Dazu noch ein paar kleine formale Schmankerl wie Code-Snippets vor jedem Kapitel, die einen Aspekt des Kommenden in Java-Script ausdrücken, Wiki-Einträge zum Entwickler-Slang, eigenartige Lifestyle-Apps, und fertig.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, deshalb erstmal zurück auf Los: Pixeltänzer erzählt aus der dritten Person von Beta, die eigentlich Elisabeth heißt. Sie arbeitet in einem Startup, das mehr als reichlich Finanzspritzen von Investoren bekommen hat und nun abliefern muss. Was war nochmal das Produkt? Egal, am Ende interessiert doch eh nur die Rendite. Es muss nur irgendwie laufen.

Startup-typisch werden alle Register gängiger Ratgeber zu Teambuilding und Unternehmenskultur gezogen, keine Phrase ist zu flach, keine Methode zu ausgelatscht, keine Maßnahme zu teuer, um zu motivieren. Dazu: das eigene Leben hintenanstellen, die eigene Person so gewinnmaximierend wie möglich in das Team einbringen. Und funktionieren, am besten rund um die Uhr. Es ist ja für alles gesorgt.

Beta kann dem Firlefanz immer weniger abgewinnen. Auch wenn sie das nicht dazu bringt, ihren Job zu kündigen, so wird ihre Motivation doch mit jeder Phrase kleiner, ihre Belustigung ob des Startup-Mummenschanzes immer größer. Leider hat ihr Privatleben recht wenig zu bieten. Die Bekanntschaften von Tinder langweilen sie, einziger Trost sind die Tiere, die sie sich mit ihrem 3D-Drucker macht und die ihre Wohnung bevölkern.

Jedes Mal freue ich mich, in meinem Wohnzimmer die schwarze Box des 3D-Druckers zu sehen, in dem während meiner Abwesenheit eine neue Figur entstanden ist. Ich drucke nur in weißem Plastik, schleife kleine Fehler mit der Hand ab, glätte die Figuren, aber anmalen will ich die Tiere nicht. Sie stehen nebeneinander in dichten Rudeln in meiner Wohnung und warten darauf, dass etwas mit ihnen passiert.

Auch Beta wartet darauf, dass etwas passiert. Mit ihr, ihrem Leben, überhaupt. Sie setzt den neuen Roboterfisch der Firma in der Spree aus, sie versucht, alle Eisdielen Berlins auszuprobieren, sie druckt Tiere. Doch erst, als sie über eine kollaborative Aufwach-App einen Menschen mit dem Avatar Toboggan kennenlernt, gerät etwas ins Rutschen. Sie fängt an zu recherchieren, will mehr über den Mann und seinen Nickname erfahren. Ein digitales Katz- und Mausspiel beginnt, in dem die beiden sich langsam und über die abenteuerlichsten Umwege näherkommen.

Das Spiel führt in die Zwanziger Jahre, in das Leben der Maskentänzer*innen Lavinia Schultz und Walter Holdt. Das Paar lebte in drastischer Armut, ihren Fokus immer allein auf die Kunst gerichtet. Für eine neue Maske verzichteten sie auch mal einen Monat lang auf das Frühstück, magerten immer weiter ab, bis ihr Leben schließlich tragisch endet.

Ein Leben für die Kunst, ein Tod für die Kunst. Bei ihr steht dagegen ein Leben für ein Startup, ein Unternehmen, ein Produkt, mit dem sie nichts zu tun hat. Pixeltänzer setzt den Gegensatz sowohl inhaltlich als auch erzählerisch stark in Szene. Betas Gegenwartshandlung wird aus der ersten Person erzählt, lethargisch und distanziert, wie Beta eben ist. Dieser sehr unmittelbaren Ebene stehen die Erzählungen von Lavinia und Walter krass entgegen, die im Stil des Realismus der Jahrhundertwende geschrieben sind. Es zieht sich ein Riss durch das Buch, der mich anfangs, zugegeben, etwas irritiert hat, am Ende aber vollkommen Sinn macht, auch wenn ich die Anteile von Lavinia und Walter insgesamt etwas zu groß finde.

Berit Glanz ist mit Pixeltänzer ein furioses Debüt ganz nach meinem Geschmack gelungen. Die eingestreuten Codeschnipsel, die großstädtische Lethargie, die tolle Figur Beta, die digitale Schnitzeljagd – es passt einfach alles. Es hat mich schon lange kein Buch mehr von der ersten Seite an so begeistert. Eine Schande eigentlich, dass der Roman es nicht auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Berit Glanz: Pixeltänzer

Berit Glanz

Pixeltänzer *

Schöffling & Co.

256 Seiten | 20 Euro

Erschienen im Juli 2019


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Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

3 Kommentare

  1. Wow, deine tolle Besprechung hat mir sofort Lust auf das Buch gemacht, das andernfalls völlig an mir vorbei gezogen wäre! Danke dafür!

    • Danke dir, Tina! Das Buch hat mich wirklich begeistert, ich bin sicher, dass es dir auch gefallen wird!

  2. Pingback: Leben wie Lavinia – Pixeltänzer – the lost art of keeping secrets

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