Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Weiter geht’s mit dem nächsten Shortlisttitel für den Preis „Das Debüt 2016“. Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar erschien im vergangenen Februar bei KiWi. Dieser Roman ist nicht nur Anwärter auf den Debütpreis, sondern auch Gegenstand des zweiten Teils unserer neuen Reihe Fluchtliteratur. Eine Familie muss aus politischen Gründen aus dem Iran fliehen. Folgen der Flucht hallen in den kommenden Generationen deutlich nach. Neben diesem bedeutenden Aspekt behandelt Bazyars Debüt aber noch so viel mehr.

Shida Bazyar Nachts ist es leise in Teheran

Nachts ist es leise in Teheran ist in vier große Teile untergliedert. Sie werden jeweils im Abstand einer Dekade aus einer anderen Sicht erzählt und stehen für vier verschiedene Menschen, die alle zu einer Familie gehören: Behsad, Nahid, Laleh und Mo. Vorweg ist zu sagen, dass es Bazyar auf unglaubliche Weise gelingt, jeder Figur eine ganz eigene Stimme zu verleihen, die nicht nur an deren Alter angepasst ist, sondern auch an die Zeit, in der sie gerade leben.

1979

Der Roman beginnt 1979 in Teheran. Wir werden mit der Figur Behsad in ein Land geworfen, das gerade erfolgreich den Schah gestürzt und vertrieben hat. Ajatollah Khomeini, Führer der Islamischen Revolution, kehrte aus seinem Exil zurück und formte aus der Monarchie eine „Islamische Republik“. Dies tat er unter anderem, indem er alle anderen revolutionären Gruppe schrittweise und gewaltsam ausschaltete. Zu einer dieser Revolutionsbewegungen zählt auch Behsad. Mit seinen Freunden Peyman und Sohrab gehört er zu den kommunistischen Revolutionären, die zwar froh sind, dass der Schah weg ist, mit dem Einzug des Islams in alle Bereiche des Landes aber keineswegs zufrieden. Im Untergrund planen sie ihre Revolution, ihre Gruppe wird allerdings bald aufgedeckt und zerschlagen. Zur gleichen Zeit verliebt Behsad sich in die belesene Nahid, die auch Teil der Untergrundgruppe ist. Sie werden ein Paar und bekommen zwei Kinder, Laleh und Mo. Bald schon müssen sie im Iran untertauchen. Als einer der Anführer der kommunistischen Revolution wird Behsad vom Staat gesucht. Als immer mehr ihrer Freunde ins Gefängnis kommen und getötet werden, ergreift die Familie die Flucht: über Istanbul nach Westdeutschland.

1989

Aus Nahids Sicht erfahren wir, wie sich das Leben der Familie in der BRD gestaltet. Für Behsad und Nahid sollte Deutschland immer nur ein Exil sein. Sie wollten wieder zurück in den Iran, um weiter für ihre Vorstellung von diesem Land zu kämpfen. Doch Nahid merkt nach und nach, dass dieser Wunsch in immer weitere Ferne rückt:

[…] wir sagen immer, Deutschland ist unser Exil, und mir kommt das Wort vor wie ein eingefrorener Zustand, in dem ich trotzdem noch versuchen soll, mich zu bewegen. […] Wir haben es schon lange nicht mehr benutzt, dieses Wort [Exil], stattdessen sagen wir nun öfter Aufenthaltsgenehmigung und Anwalt und Schulamt und Revisionsverfahren.

Wie so viele Geflüchtete in Deutschland wollen sie zurück in ihr Heimatland und können schlichtweg nicht, solange sich die politische Lage im Iran nicht ändert. Umso verärgerter sind beide über Geflüchtete, die mit viel Geld die Flucht antreten und im Ankunftsland dann so tun, als seien sie politisch verfolgt worden, um so eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Behsad und Nahid haben eine starke politisch linke Meinung. Ihr Gegenstück in Nachts ist es leise in Teheran sind Ulla und Walter, die sich vor vielen Jahren auf einer Demonstration ineinander verliebt haben. Für sie sind Demonstrationen etwas Romantisches. Über deren Proteste in Deutschland, beispielsweise gegen Atomkraft, kann Behsad nur den Kopf schütteln:

In diesem Land haben sie ja alles, hat Behsad neulich zu mir gesagt, es gibt keinen Grund, sich zu politisieren und wogegen sollen sie schon rebellieren.

Ulla und Walter sind Prototypen der in letzter Zeit in den Medien so oft thematisierten „Gutmenschen“. Dabei bemerken sie nicht, dass sie vor allem Nahid mit dieser aufgezwungenen Hilfe ab einem bestimmten Punkt überfordern. Beispielsweise gibt Ulla Nahid die Nummer ihres Frauenarztes und erklärt ihr, dass man da einen Termin machen müsse. Nahid seufzt, sie fühlt sich wie ein Kleinkind behandelt, dem man nichts zutraut. Ich denke, dass es so vielen Geflüchteten in unserem Land geht. Sie fühlen sich unterschätzt.

Auf der anderen Seite beschreibt Nahid auch die tatsächliche Hilflosigkeit, die sie tagtäglich in dem neuen Land erlebt, dessen Sprache sie nur bruchstückhaft spricht. Vor allem, wenn sie ihrer Tochter Laleh bei den Hausaufgaben helfen will, fühlt sie sich überfordert und wird gleichzeitig traurig. Im Iran war Nahid eine gebildete, junge Frau, hier im fremden Land kann sie die einfachsten Hausaufgaben nicht lösen.

Nahid fühlt sich hin- und hergerissen, zwischen Heimat und neuem Land, zwischen Hilflosigkeit und Unterschätztwerden.

1999

Hier beginnt das Kapitel von Laleh. Als sie vier war, sind ihre Eltern mit ihr nach Deutschland geflüchtet. Laleh hat ihre iranische Familie – wenn auch nur als Kleinkind – noch kennengelernt. An Besuche ihrer Verwandten in Deutschland kann sie sich gut erinnern. Nun fliegt sie zum ersten Mal zusammen mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Tara, die bereits in Deutschland auf die Welt kam, in den Iran. Auch Laleh fühlt sich als Tochter einer Migrant*innenfamilie  zerrissen. In Deutschland wird sie oft auf ihre Herkunft festgenagelt, beispielsweise wenn in der Schule Konflikte zwischen Ländern spielerisch dargestellt werden sollen. Laleh muss wie selbstverständlich die Rolle des Iran einnehmen. Zurück im Iran fühlt sie sich allerdings ebenso als Fremde. Sie freut sich, ihre Familie wiederzusehen, ist aber ebenso überfordert von der Art, wie ihre Verwandten in Teheran leben. Hinzu kommt, dass sie von allen angestarrt und ständig glorifiziert wird. Laleh spürt Anforderungen auf sich ruhen, die sie nicht erfüllen kann. Zwischen Verhüllung, Schönheitswahn und ständigen Besuchen fühlt sie sich überfordert, aber findet doch ein Stück ihrer Identität wieder.

Obwohl Laleh größtenteils in Deutschland aufgewachsen ist, fühlt auch sie sich immer noch wie eine Geflüchtete. Viel mehr noch als ihre Mutter ist Laleh hin- und hergerissen zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Identitäten.

2009

Nun kommt Lalehs Bruder Mo zu Wort. Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat er keine Kindheitserinnerungen an seine iranische Familie. Darüber ist er auch froh, wenn er sieht, wie seine Schwester darunter leidet, dass ein Teil ihrer Familie und Vergangenheit im Iran ist. Mo ist mittlerweile Student. Er lebt in einer WG, besucht die Uni nicht allzu oft und gibt sich gern dem Rausch hin. 2009 war auch das Jahr, in dem der konservative Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten des Irans gewählt wurde. Diese Wahl zog zahlreiche Proteste nach sich, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Mo hält sich über YouTube und Facebook über die Ausschreitungen in Teheran auf dem Laufenden. Seltsame Gefühle beschleichen ihn bei den Bildern. Auch auf Mo lastet die Vergangenheit seiner Eltern, die Flucht seiner Eltern, sie hallt in ihm nach. Er denkt an seine Eltern, von denen er weiß, dass auch sie einmal für ein besseres Leben im Iran gekämpft haben:

Dabei ist das doch der Kampf meiner Eltern, der dort geführt wird. Dabei müsste doch gerade mein Vater dort sein, um zu sehen: Ihr Kampf ist nie gescheitert, er musste nur pausieren.

Ich muss zugeben, dass ich einige Schwierigkeiten hatte, in den Roman reinzukommen. Zum ersten Mal ist es mir schwer gefallen, ein Buch in der U-Bahn zu lesen. Immer wieder habe ich den Faden verloren, musste Sätze doppelt und dreifach lesen. Im Nachhinein gilt dies aber vor allem für Behsads Teil, der unheimlich dicht erzählt wird und mit Unmengen von Informationen gespickt ist. Aber das gefällt mir auch an dem Roman. Er fordert seine Leser*innen.
Erleichtert wird die Aufnahme dieser Informationsflut durch die Sprache, die sich perfekt an den Inhalt anschmiegt. Mit all ihren verschachtelten Sätzen, die im Gegensatz zu parataktischen Abschnitten stehen und der genauen sprachlichen Differenzierung der einzelnen Figuren ist die stilistische Ausarbeitung des Romans genauso vielschichtig wie die thematische.

Solch ein facettenreiches Werk habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Die Autorin erzählt die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen. Aber dieser Roman ist noch so viel mehr. Er vereint die Themen Flucht und Liebe in sich. Er bildet die jüngste Geschichte des Irans und parallel dazu Deutschlands ab. Shida Bazyar ist mit ihrem Debüt Nachts ist es leise in Teheran ein großartiges Buch gelungen, das ich euch nur ans Herz legen kann.

Shida Bazyar Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar

Nachts ist es leise in Teheran

KiWi

ISBN: 978-3-462-04891-9

erschienen am 18.2.2016

Kategorie Blog, Fluchtliteratur, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

2 Kommentare

  1. Pingback: [Das Debüt 2016]: Shortlist – Durchsicht – Entscheidung – Lesen macht glücklich

  2. Klingt nach einem großartigen Roman, den ich jetzt unbedingt auch lesen möchte. Vielen Dank für den ausführlichen und hilfreichen Bericht. Und danke für die Empfehlung. Ich hatte bisher weder von dem Autor noch vom Buch gehört 🙂 liebe Grüße

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