So war das PROSANOVA 17

Bereits zum fünften Mal fand vom 8. bis zum 11. Juni das Prosanova, Festival für junge Literatur, in Hildesheim statt. Stefan und ich waren zum ersten Mal dabei und geben euch hier einen kleinen Rückblick.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

Das Prosanova gibt es seit 2005 und findet seitdem alle drei Jahre unter einem anderen Motto in einer anderen Location in Hildesheim statt. Hervorgegangen ist das Festival für junge deutschsprachige Literatur aus den Studiengängen Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Die künstlerische Leitung wechselt ebenfalls alle drei Jahre und besteht aus den Herausgeber*innen der Literaturzeitschrift BELLA triste.

In diesem Jahr stand das Prosanova ganz im Zeichen der drei Schlagworte Material, Prozess, Protokolle und es gab weniger klassische Lesungen als vielmehr experimentelle Formate, die aber trotzdem immer einen literarischen Anteil in sich trugen. Zwischen Performances, Podiumsdiskussionen, Taxi-Lesungen, Live-Hörspielen und Installationen war aber auch immer wieder viel Zeit, um auf der großen Wiese in einem der gemütlichen Liegestühle zu entspannen. Eine großartige Mischung.

Das Prosanova 17 fand sowohl in großen leerstehenden Industriehallen als auch in einem alten ALDI und auf dem Parkplatz davor statt. Die Atmosphäre war also ein wenig rough, aber absolut herzlich. Durchbrochen wurde die eisenschwere Location von Deko, die auch aus Omas Wohnzimmer oder von einer WG-Party hätte stammen können. Gemütliche Sofas standen zum Rumlümmeln und Networken bereit, goldglitzerne Folie schmückte den ALDI von innen.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

Apropos Networking: Es war schon sehr auffällig, dass der Altersdurchschnitt auf dem Festival geschätzt unter vierzig lag und vor allem Menschen kamen, die sowieso schon im Literaturbetrieb unterwegs sind. Ein großes Klassentreffen der jungen, hippen Literatur sozusagen. Das ist zum einen schön, weil wir viele bekannte Gesichter entdecken konnten. Zum anderen gibt es hier aber auch noch Entwicklungspotenzial. Wenn beim nächsten Prosanova in drei Jahren mehr Menschen angelockt werden könnten, die sich (noch) nicht dem Literaturbetrieb verschrieben haben, wäre der Austausch über Literatur auf dem Festival wohl noch vielseitiger.

Nichtsdestotrotz: Das Prosanova ist ein wirklich feines Festival, in dem viel Herzblut steckt. Von uns aus könnte es ruhig jedes Jahr stattfinden. Im Folgenden erzählen wir euch noch von unseren ganz persönlichen Highlights und beschreiben ein paar Formate genauer.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

Juliane

Neben der ganzen Festivalstimmung gab es ein paar Formate, die mich wirklich schwer beeindruckt haben. Eine dieser Veranstaltungen war „Aufräumen“. Hier haben Laura Vogt, Mithu M. Sanyal und Shida Bazyar Reaktionen auf ihr Schreiben in Form von Briefen, Zeichnungen oder auch Anekdoten mitgebracht und gemeinsam darüber gesprochen. Das war manchmal rührend, manchmal aber auch erschreckend, vor allem in Sanyals Fall, die von einem Shitstorm berichtete. Besonders hübsch fand ich aber ebenso die zahlreichen Bilder von Vulven, die Sanyal von ihren Leser*innen zugesandt bekommen hat. Dass es solche Zusendungen in Form von Leser*innenbriefen überhaupt noch gibt, war mir gar nicht bewusst. Vielleicht mache ich das bald auch mal wieder – klassisch per Hand und mit Briefmarke.

PROSANOVA 17: Aufräumen

v. l. n. r.: Lena Vöcklinghaus, Mithu M. Sanyal, Shida Bazyar, Laura Vogt

Um direkt bei Mithu M. Sanyal zu bleiben, die wirklich eine beeindruckende Frau ist, darf auch ihr Vortrag „Rape Revisited“ in meiner Highlight-Liste nicht fehlen. Ganz unprätentiös und klar hat sie über Vergewaltigung gesprochen. Welche falschen Annahmen darüber in der Gesellschaft herrschen, wie Vergewaltigungen historisch zu beleuchten sind und wie wir sie differenzierter im Verhältnis zu Sex betrachten können. Nach diesem Vortrag ist Sanyals Buch über genau dieses Thema auf jeden Fall auf meine Leseliste gerutscht.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

Performances stehe ich ja generell immer ein wenig skeptisch gegenüber. Obwohl natürlich jede Performance sehr individuell ist, kann ich mich eher selten wirklich auf dieses Format einlassen. Das Prosanova hat mir aber gezeigt, dass ich wohl bisher immer die falschen Performances besucht habe. Maren Kames’ Videotext-Performance „Entschuldige mal, ich denke, das wird jetzt eine Weile driften*“ war einfach genial. Als Zuschauer*innen saßen wir vor zwei Leinwänden. Auf der einen erschien nach und nach ein Text, den Maren Kames live eintippte. Auf der anderen wurden kleine Videos und Animationen eingespielt, die den Text unterstützten. Dazu wurden Songs von The National, Radiohead oder auch Bon Iver gespielt. Es war einfach beeindruckend, einem Text bei seinem Entstehen zuzusehen und gleichzeitig andere Medien mit ihm in Verbindung zu setzen.

PROSANOVA 17: Maren Kames
Stefan

Ich war leider nur am Sonntag auf dem Prosanova, an dem ein Großteil der Meute schon abgereist war und sich das Festival von seiner ganz übersichtlichen und fast familiären Seite zeigte. Zunächst hat auch mich das Festivalgelände mit seinem kühlen bis schäbigen Industriecharme beeindruckt, wie Juliane ihn schon beschrieben hat. Ein so trister wie toller Ort für ein gar nicht tristes Festival.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

In Erinnerung werden mir wohl vor allem zwei Formate bleiben. Bei „A STORY WE REMEMBER TO TELL“ wurde der ALDI zum Ort einer Performance, in der drei Gruppen von Autor*innen literarische Stille Post spielten. Es war sowohl witzig als auch erhellend zu sehen, wie die Geschichten mit jedem Durchlauf eine neue Dynamik annahmen, manche Details sich verstärkten, andere in den Hintergrund traten.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé

„Auf Inseln“ heißt ein bereits etwas etablierteres Format, bei dem Publikumsgruppen im 20-Minuten-Takt zwischen mehreren Autor*innen-Inseln wechseln. Vor allem die archaischen Prosagedichte von Michael Fehr werde ich so schnell nicht vergessen. Seine Vortragsweise war so intensiv, dass es mir kalt den Rücken runterlief. So muss Literatur vorgetragen werden! Jetzt freue ich mich schon riesig aufs poetree lyrikfestival 2017 in Göttingen, wo ich Michael Fehr schon am Samstag wieder sehen werde.

PROSANOVA 17

© Ann-Kathrin Canjé


Das Prosanova 17 war also für uns beide ein voller Erfolg und wir wollen in drei Jahren unbedingt wieder dabei sein. Noch mehr Eindrücke findet ihr übrigens auf Litaffin (hier hat Juliane als Festivalbloggerin mitgewirkt), auf Schöne Seiten, bei Stefan Mesch und Frank Rudkoffsky.

Kategorie Blog, Mischmasch
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

5 Kommentare

  1. Pingback: PROSANOVA 2017: Stimmen der Presse & Fotos | stefan mesch

  2. Pingback: Prosanova 2017 | meermoabit

  3. Pingback: Monatsrückblick Juni | Wortlichter

  4. Pingback: PROSANOVA 2017: Stimmen der Presse & Fotos – x41q06fa

  5. Pingback: PROSANOVA 2017: Stimmen der Presse & Fotos – kx3kyiyv

Kommentar verfassen