Margarete Stokowski: Untenrum frei

Ich rasiere mich regelmäßig. Im Sommer sogar die Beine. Ich mag es nicht besonders. Ich finde es anstrengend. Aber danach fühle ich mich irgendwie sauberer, hübscher. Außerdem macht man das als Frau doch, oder? Oder nicht? Den scheinbar obligatorischen Punkt hinter solchen Sätzen umkehren in ein Fragezeichen, gesellschaftlich normierte Behauptungen hinterfragen – das ist auch der Ansatz in Untenrum frei (Rowohlt) von Margarete Stokowski. In ihren literarischen Essays zeigt sie, wie früh Rollenbilder angelegt werden und wie Feminismus sinnvoll gestaltet werden kann.

Margarete Stokowski Untenrum frei

Stokowskis Buch ist mir schon seit Längerem vor der Nase herumgeschwirrt. Aber erst Anjas „Frauen Lesechallenge“ auf ihrem Blog Wortlichter hat mir endlich den Grund gegeben, Untenrum frei zu lesen. Und ich bin unendlich froh darüber.

Untenrum frei ist eine Sammlung literarischer Essays, die einer gewissen Chronologie folgen. Stokowski beginnt, aus ihrer Kindheit zu erzählen, wobei sie im Vorwort des Buches erwähnt, dass einige Geschichten stimmen, andere nicht. Dann folgen Schulzeit und Studium. Ihre persönlichen Erzählungen verknüpft sie stets auf elegante Weise mit ihren Ansichten, historischen Fakten und Statistiken sowie Untersuchungen zum Thema „Frauen in der Gesellschaft“. Das alles paart sie mit einer großen Portion Humor. So habe ich Untenrum frei kichernd und nachdenklich zugleich verschlungen.

Jedes Kapitel dieses Buches enthält viele wichtige Botschaften, sodass ich hier nur grob wiedergeben kann, was mir dieses Buch beigebracht hat. Stokowski beschreibt beispielsweise, wie schon kleine Mädchen unbewusst auf eine „Weiblichkeit“ getrimmt werden, die es vorsieht, dass Frauen Objekte sind, sich für die Gesellschaft hübsch machen sollen, aber nicht viel zu sagen haben. Hier führt die Autorin eine Studie an, nach der zwar die meisten Hauptfiguren von Disney-Filmen weiblich sind, aber meistens von den männlichen Figuren dominiert werden. War mir bisher gar nicht aufgefallen, aber ja, Pocahontas, Arielle, Schneewittchen – sie alle sind eher passiv und müssen auf die Erlösung durch einen Mann warten.

Was passiert mit uns Frauen zwischen dem Moment, wo wir uns wünschen, Prinzessin oder Meerjungfrau zu sein, und dem Moment, wo wir merken, dass Sperma in den Augen brennt?

So werden Rollenbilder schon in ganz jungen Jahren angelegt. Mädchen, die später Frauen werden, sollen fürsorglich und nicht aufmüpfig sein. Jungs und später Männer sollen dagegen dominant und stark daherkommen. Wenn eine Frau sich dann doch Attribute aneignet, die eher der Männerwelt zugeschrieben werden, wird dies im Sprachgebrauch hervorgehoben. Wir haben es dann mit einer „Powerfrau“ oder einer „sehr starken Frau“ zu tun. Niemals würde jemand so über einen Mann sprechen. Andersherum ist es aber nicht anders und das betont Stokowski ebenfalls in Untenrum frei. So wie es für die meisten Menschen immer noch ungewöhnlich ist, wenn eine Frau „ihren Mann steht“, so wenig kommen sie damit klar, wenn ein Mann gern Kleider oder hohe Schuhe trägt. Ein wichtiger Punkt in Margarete Stokowskis Essays: Feminismus kann nur funktionieren, wenn sich in den Köpfen aller Menschen unabhängig vom Geschlecht etwas ändert.

Ich mag Stokowskis Verständnis vom Feminismus. Oftmals wird Feminist*innen im öffentlichen Diskurs Verbohrtheit und Starrsinn vorgeworfen. Stokowski, die auch eine Kolumne bei Spiegel Online schreibt, beweist das Gegenteil. Ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen und auf sehr erfrischende Art schreibt sie über Sex – wie wir Sex haben, wie wir mit Sex umgehen sollten und dass toller Sex nicht immer einen Orgasmus beinhalten muss.

Feminismus bedeutet nicht, dass ich meinen Körper lieben muss und guten Sex haben muss. Feminismus bedeutet, dass ich mir die Zeit sparen kann zu überlegen, ob ich mit meinem Körper rausgehen kann und ob er schön genug für die anderen ist.

Untenrum frei hat mich auch gelehrt, dass es okay ist, sich ab und an auch mal zum Objekt zu machen. Frauen dürfen daran Spaß haben, sich zu schminken und hübsch anzuziehen, um die Blicke anderer Menschen auf sich zu ziehen. Denn sie sollen überhaupt alles dürfen. Nur darf die eigene Freiheit und Unabhängigkeit dabei nicht flöten gehen. Der eigene Blick auf sich muss immer höher stehen als die ganzen anderen Blicke in dieser Welt. Ich werde mich in Zukunft vielleicht seltener rasieren. Ha!

Ebenfalls verhandelt Stokowski in ihrem Buch das Thema der sexuellen Gewalt und Übergriffigkeit gegenüber Frauen. Diese Stellen haben mir Schauer über den Rücken gejagt. Auch wenn ich, zum Glück, noch nie von sexueller Gewalt betroffen war, spürte ich beim Lesen der schonungslos beschriebenen Szenen, dass auch mir so etwas jeden Tag passieren könnte und ich nicht darauf vorbereitet bin. Hier sollte unbedingt noch mehr Aufklärung betrieben werden, denn Fälle sexueller Gewalt passieren jeden Tag in großer Zahl.

Tja, die Lektüre von Untenrum frei hat mich also auch erschüttert, mir die Augen geöffnet. Und da stellt sich mir die Frage: Wie aufgeklärt sind wir eigentlich? Zu wenig. Aber das kann noch werden, und deshalb sind Bücher wie dieses so wichtig.

Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.

Untenrum frei hat mich sanft an den Schultern gepackt und mich kontinuierlich hin und her gerüttelt. Dabei hatte ich mehrere Aha-Momente, die ich immer noch ordnen muss in meinem Kopf. Es ist nämlich gar nicht so leicht, hinter augenscheinlich feststehenden Aussagen den Punkt oder gar das Ausrufezeichen zu löschen und ein fettes Fragezeichen daraus zu machen. Margarete Stokowskis Buch kann dabei aber gut helfen, bietet einen unterhaltsamen Einstieg in den Feminismus und zeigt, wie man ihn gemeinsam sinnvoll gestalten kann. Liebe alle, lest dieses Buch! Ich glaube, es kann viel bewirken.

Weitere Besprechungen findet ihr u. a. auf Literaturen und kapri-ziös.

Margarete Stokowski: Untenrum frei

Margarete Stokowski

Untenrum frei

Rowohlt

ISBN: 978-3-498-06439-6

am 8. September 2016 erschienen

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