Lukas Bärfuss: Hagard

Ein Paar pflaumenblaue Ballerinas, ein Impuls, und das Drama nimmt seinen Lauf. Wie ein Mensch sich aufgrund einer spontanen Entscheidung komplett selbst verlieren kann, davon handelt Lukas Bärfuss’ neuer Roman Hagard (Wallstein).

Lukas Bärfuss: Hagard

Lange mussten wir auf den neuen Bärfuss warten, dreimal angekündigt, zweimal verschoben, bis das schmale Büchlein nun endlich ausgeliefert und prompt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Klar, dass die Erwartungshaltung da hoch war, zumal mir der Vorgängerroman Koala schon so gut gefallen hatte.

Doch zunächst stutzte ich: Was soll denn bitte „Hagard“ bedeuten? Andreas Isenschmid von der Zeit hat im Fremdwörterbuch nachgeschlagen und die Bedeutungen „Wildling, schwer zähmbares Tier, bes. Falke“ notiert. Sophie Weigand vom Blog Literaturen wiederum leitet „Hagard“ vom gleichnamigen französischen Wort für „verstört“ ab. Ich finde beide Herleitungen sehr treffend. Für mich haben wir es hier bei der Hauptfigur Philip definitiv mit einem verstörten Wildling zu tun. Doch das war nicht von Anfang an so.

Der Anfang? Damit ist es so eine Sache. Niemand kann bestimmen, mit welchem Ereignis eine Geschichte beginnt.

Zu Beginn des Romans finden wir Philip in seinem gediegenen Leben vor. Ihm geht es ganz gut, er handelt mit Immobilien und führt ein gutbürgerliches, nicht besonders aufregendes Leben. Die Erzählstimme stellt uns Philip vor und hier wird schon klar, dass zwischen den beiden eine ganz besondere Beziehung besteht. Philips Geschichte sei der Erzählinstanz teilweise „peinlich“ und so ganz kann sie immer noch nicht nachvollziehen, wie all das, was sie gleich beschreiben wird, passieren konnte.

Das könnte auch der Anfang eines Krimis sein, und zugegeben, spannend ist Hagard auf jeden Fall. Aus einem spontanen Impuls heraus beschließt Philip entgegen seiner eigentlichen Tagespläne einer Frau mit pflaumenblauen Ballerinas zu folgen. Wie ein Magnet zieht diese Frau ihn an. Er folgt ihr und tut alles daran, nicht von ihr entdeckt zu werden, ähnlich einem Stalker. Die spontane Laune wird zu einer Obsession und Philip verliert sich komplett. Er folgt ihr bis nach Hause, steigt ohne Fahrkarte in einen Zug, fährt in einen fremden Ort, legt sich vor ihrem Haus auf die Lauer, verliert einen Schuh, verliert sein Auto und auch irgendwann sein Schamgefühl. Direkten Kontakt nimmt er zu der Frau nicht auf, er weiß nicht einmal, wie ihr Gesicht aussieht.

In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.

Was zunächst wie eine unterdrückte Leidenschaft beginnt, ein Sich-Frei-Machen von den Zwängen des Alltags, endet in einer Art Verwahrlosung, die zuweilen sehr witzig ist. Als Philip seinen verlorenen Schuh durch einen geklauten, flauschigen Grauhörnchenhausschuh ersetzt und damit im Regen vor der Verkäuferin flieht, musste ich schon sehr schmunzeln. Bei aller Tragik, die diese Geschichte in sich trägt, schafft Bärfuss eine Balance zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, die einfach erfrischend ist.

Ein weiterer genialer Kniff dieses Romans ist die bereits erwähnte Perspektive, mit der wir auf Philip schauen. Hier erzählt jemand mit großer Distanz, was der Hauptfigur passiert, und doch scheint die Erzählstimme gleichzeitig zum Figurenensemble des Buches zu gehören. Aber in welcher Form? Woher kennen sich Philip und die Erzählinstanz? Kennen sie sich überhaupt? Klar ist, dass wir hier jemanden beobachten, der wiederum Philip beobachtet, wie er die Frau observiert. Eine Kettenreaktion setzt sich in Gang, die mich selbst zur Beobachterin macht und zeigt, dass wir nie ganz unbeobachtet durch diese Welt gehen und durch die Blicke der anderen ein Stück weit definiert werden.

Seine Existenz hing an einer anderen Existenz.

Zudem haftet dem Text stets ein großer Bezug zur Realität an, wenn Bärfuss reale Ereignisse wie das Verschwinden der Maschine MH370 vor knapp drei Jahren in ihn einwebt. Die Nachrichten ploppen im Fernsehen auf, doch Philip ist schon in seiner ganz eigenen Welt versunken, getrieben vom Verfolgungswahn. Fakten verschieben sich, nehmen neue Prioritäten ein. Und so ist es doch auch: Manchmal steckt man einfach schon zu tief drin, um von allein wieder aus einer Obsession oder Sucht rauszukommen.

 Wie kommt er weiter? Er muss sich an die Fakten halten, daran, was er gesehen hat.

Lukas Bärfuss beweist mit Hagard ein weiteres Mal, wie sehr er die Kunst des Erzählens beherrscht. Er scheut sich nicht, die Grenzen des Narrativen auszuloten und wagt sich so immer wieder auf neue literarische Wege. Hagard ist innovativ, unterhaltsam und philosophisch zugleich – für mich hätte er den Preis der Leipziger Buchmesse auf jeden Fall verdient.

Weitere Rezension findet ihr auf literaturleuchtet und leseschatz.

Lukas Bärfuss: Hagard

Lukas Bärfuss

Hagard

Wallstein Verlag

ISBN: 978-3-8353-1840-3

Erschienen im März 2017

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