[class] 5 Fragen an Hatice Akyün und Annett Gröschner

Am 2. April werden Hatice Akyün und Annett Gröschner mit Daniela Dröscher und Michael Ebmeyer in der zweiten Ausgabe von »Let’s talk about class« über Wege aus dem Klassenk(r)ampf – auch in Zeiten von Corona – sprechen. Natürlich ohne Publikum, sondern per YouTube-Livestream, den Link gibt’s am Ende des Beitrags. Wir haben den beiden Gästinnen vorab fünf Fragen gestellt.

Let's talk about class #2: Hatice Akyün und Annett Gröschner

Hatice Akyün

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Es ist schwer für mich, den Klassenbegriff nicht aus der Perspektive der Tochter eines Arbeiters zu sehen, obwohl ich längst für viele zur gehobenen Mittelschicht gehöre.
Aber so bin ich zumindest sicher davor, für Dinge zu kämpfen, von denen ich selbst gar nicht profitiere.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Meine soziale Herkunft ist der Ursprung all meiner Werte, die ich verinnerlicht habe und nach denen ich heute lebe.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Früher, als Kind ganz sicher. Ich wollte nicht anders sein. Heute sehe ich meine soziale Herkunft als großes Geschenk, weil sie mich empfindlicher gemacht hat, soziale Ungerechtigkeit zu erkennen.

Warum setzt du dich mit dem Thema auseinander?
Weil ich daran glaube, dass wir die Einheit der Vielfalt in der Gesellschaft brauchen. Auch, um uns gegen eine immer stärker werdende Klassengesellschaft zu wehren.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Ich mochte »Match Point« von Woody Allen sehr, weil der Film die Klassengesellschaft von einer Seite zeigt, die ich aus Deutschland bisher nicht kannte.

Hatice Akyün, geboren in Anatolien, aufgewachsen in Duisburg-Marxloh, Bergmannstocher, Mittlere Reife. Erst Lokal-, dann Society-Reporterin. Heute Kolumnistin und Beststeller-Autorin.


Annett Gröschner

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Beziehungsstatus: kompliziert. Ich habe ein zerrüttetes Verhältnis zum Begriff der Klasse, weil er eng mit meiner Sozialisation in der DDR verbunden ist und mir schon damals als nicht besonders tauglich erschien. Nicht die Arbeiterklasse hatte die Führung im Staat, sondern eine Funktionärskaste, die eine Dienstklasse fütterte. Das aber kam in der Theorie nicht vor. Ich habe das Wort »Klasse« nach der Wiedervereinigung Jahrzehnte nicht mehr verwendet. Das Problem von oben und unten ist durch die Vermeidung des Begriffs nicht besser geworden, im Gegenteil. Der Neoliberalismus hat den Abstand verstärkt. Ich hätte allerdings nicht von Klassenauseinandersetzung gesprochen. Ich hing eher dem Bourdieuschen Schichtenmodell an. Erst als ich vor ein paar Jahren einen Aufsatz über Klassismus las, fing es wieder an, mich zu interessieren.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
In den Klassenbüchern meiner Kindheit stand neben meinem Namen »Intelligenz«. Das war eine Schicht, keine Klasse in der DDR und bezog sich auf den Beruf meines Vaters. Meine Mutter, und da war die DDR, zumindest in meiner Schule in Magdeburg, dann doch Patriarchat, zählte nicht. (Sie gehörte zur Arbeiterklasse.) Meine Familie ist ein Kuddelmuddel von Klassen und Schichten, nur Bauern waren nicht dabei. Es war aber auch Wurst, denn die Macht hatte die SED. Ich kann mit der aktuellen westdeutschen Herkunftsauseinandersetzung nicht so viel anfangen, weil die Tatsache, in der DDR sozialisiert worden zu sein, der stärkste soziale Makel ist. Das soziale Kapital, das sich daraus ergibt, nämlich das Wissen über zwei Gesellschaften, hat sich nicht in finanzielles Kapital ummünzen lassen, das verhinderte neben meiner Herkunft auch mein Geschlecht, denke ich. Vielleicht auch einfach zu viel Eigensinn.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Ich würde als Schriftstellerin gerne jede Klasse mal ausprobieren, einfach um die Interessen zu verstehen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss und natürlich, um Figuren zu verstehen, ich will ja nicht nur über mich und meinesgleichen schreiben.
Und ansonsten: Ich hätte gerne ein selbstbestimmtes, finanziell unabhängiges Alter. Als Habenichts mit ausschließlich kulturellem Kapital sehe ich einer sehr düsteren Zukunft entgegen. Aber das soll mich nicht entmutigen.

Warum setzt du dich mit dem Thema auseinander?
Weiß nicht, ist einfach so gekommen. Ich könnte mir auch angenehmere Themen vorstellen, würde mich aber langweilen.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Annie Ernaux, Helga M. Novak, Wolfgang Hilbig, Virginie Despentes, Ken Loach.

Annett Gröschner, geboren in Magdeburg, verwickelt sich seit 1989 in etliche, mit Berlin, Herkunft und Reisen verbundene Langzeitprojekte. Diese brachten Romane, Theaterstücke, Performances und vieles mehr hervor.


Let’s talk about class #2

Hatice Akyün und Annett Gröschner über die Klassengesellschaft in der Corontäne, über Herkunft und Zuschreibungen, über Ruhrgebiet und DDR, über Macht und Gender und soziale Barrieren.
Moderation: Daniela Dröscher und Michael Ebmeyer

Donnerstag, 2. April, 20 Uhr, ACUD Studio, coronabedingt natürlich OHNE PUBLIKUM, aber IM STREAM auf:

Kategorie Blog, class
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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