Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen

Buchpreis und Horror: Der 2025er Gewinnertitel des Deutsches Buchpreises, Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger, ist ein schmaler Band, der es aber mit vielen großen Themen in sich hat.

Elmiger, Die Holländerinnen, Cover

Es ist schon eigenartig, dass sich viele Preise am Ende eines Jahres mit – wie immer – Tausenden Neuerscheinungen doch auf einige wenige Titel beschränken. 2025 war es tatsächlich ein einziger Titel, der reihenweise Preise eingestrichen hat: Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger. Ich habe mich im Vorfeld sehr wenig mit den Neuerscheinungen von 2025 beschäftigt, die Zeit ist einfach nicht mehr so da. Ich hatte den Titel also überhaupt nicht auf dem Schirm und habe ihn erst nach dem Preisregen in die Hand genommen.

Das hat sich dann aber umso mehr gelohnt. Meist sind die großen Gewinner ja streitbar, so bestimmt auch diesmal, aber eins kann ich sagen: Die Holländerinnen haben meiner Meinung nach jeden Preis und jede Aufmerksamkeit, die dem schmalen Roman zuteil wurde, absolut verdient. Denn auf gerade einmal 160 Seiten zeigt Dorothee Elmiger für mich einfach perfekt, zu was Literatur imstande ist und wie auf auf kleinem Raum ein überaus vielschichtiges, anspruchsvolles und trotzdem packendes Erzählen möglich ist. Witzigerweise dreht sich auch dieser Roman um einen realen Fall, der dann aber literarisch so stark geformt wird, dass die historische Gegebenheit an sich ganz in den Hintergrund tritt – wie Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann, der auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis stand.

Die Holländerinnen drehen sich um ein Theaterprojekt, das im Regenwald Panamas das reale Verschwinden von zwei niederländischen Touristinnen aus dem Jahr 2014 nacherleben soll. Erzählt wird der Roman von einer Schriftstellerin, die das Projekt dokumentieren soll und später in einem Vortrag davon berichtet. Allerdings sind die Erlebnisse des Projekts im Urwald so verstörend, dass sie nur anekdotisch anhand ihrer teilweise wirren Notizen berichten kann. Diese sind auch randvoll mit Berichten der anderen Teilnehmer*innen, die ihre eigenen Geschichten mit einbringen.

Dieses Geflecht von Erzählungen wird überwuchert vom Horror, den die Gruppe im Urwald erlebt. Es ist ein schleichendes Gefühl, ein Unwohlsein, eine innere Kälte, eine Verlassenheit, die in die Teilnehmer*innen langsam aber beständig immer tiefer eindringt und sie an den Rand des Erträglichen bringt. Der Urwald selbst ist es, dessen undurchdringliche, existenzielle Dunkelheit, die das aufgeklärte Licht der Kultur, der Vernunft, nicht zu durchdringen vermag. Die Menschen sind allein und auf sich zurückgeworfen, schauen in ihre eigene Dunkelheit und drohen immer mehr, daran zu zerbrechen.

Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger nimmt den uralten Topos von Natur/Kultur und überführt ihn in eine verworrene Erzählung, die sich durch ihre abgrundtiefe Dunkelheit und verschlungene Struktur dem oberflächlichen Lesen zu widersetzen scheint. Ein Roman, der all das in seine Form aufnimmt, was im Inhalt nicht mehr sagbar ist. Große Literatur, die jeden Preis verdient hat.

Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen | Hanser | 160 Seiten | 23 Euro | Erschienen im August 2025

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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