Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten

Der zweite Roman von Jakob Nolte, Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz), erzählt aus einer Welt, die unserer so ähnlich ist, dass man beide glatt für identisch halten könnte. Allein ein Werwolf gemahnt gleich zu Anfang zur Vorsicht. Ist das Fantasy, ist das postmodern, gar postfaktisch? Von allem ein bisschen, würde ich sagen.

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten

Ein tiefschwarzes Rechteck prangt auf dem Cover von Schreckliche Gewalten. Titel, Untertitel, Autor und Verlag verstecken sich fast in den Ecken des schwarzen Kastens, nur die Ränder lassen ein farb- und formstarkes, verlaufendes Ölgemälde dahinter vermuten. Der Umschlag verweigert die Bildlichkeit genau da, wo unsere Konventionen eine ausdrucksstarke Darstellung erwarten lassen. Diese würde uns helfen, uns – wie oberflächlich auch immer – ein Bild von einem Buch zu machen, ohne auch nur eine einzige Zeile gelesen zu haben. Statt dessen nur ein schwarzes Rechteck, ein erratischer Bock.

Und Jakob Noltes Roman unterläuft nicht nur die Konventionen der Covergestaltung. Auch unter der eigenwillig wie passend gestalteten Haube geht es ungewöhnlich zu. Im Prinzip geht es um die Geschwister Iselin und Edvard, deren Mutter eines Nachts zum Werwolf wird und ihren Ehemann tötet. Zunächst wird sie interniert und untersucht, kurz darauf verschwindet sie jedoch. Ohne Mutter und Vater, aber mit dem Wissen, dass auch sie plötzlich zu Werwölfen werden könnten, gehen die beiden Geschwister dann gänzlich unterschiedliche Wege.

Iselin zieht in eine WG und studiert. Interessanter ist für sie jedoch politisches Engagement, direct action. Sie gründet eine feministische Gruppe, „Mädchen im System“, mit der sie einige Sexarbeiterinnen entführt. Eine nationale politische Debatte ist das Ergebnis, das Ziel erreicht. Die Mitglieder tauchen unter und zerstreiten sich – die Gruppe löst sich auf.

Auch Edvard kann mit einem bürgerlichen Lebenslauf nur wenig anfangen. Es treibt ihn weg aus dem heimischen Bergen, weg von seiner dunklen Familiengeschichte. Zunächst geht er nach Riga, und auch er gründet eine Gang: „Switchblade Belarus“. Sie brechen ein, organisieren Hahnenkämpfe, nehmen sogar – wenn auch von allen anderen Beteiligten unbemerkt – Geiseln. Sie toben sich aus. Doch bei Edvard reift vor allem eine Einsicht: Er will nach Afghanistan, ist fasziniert von der Fremdheit und Wildnis des fernen Landes. In den Siebziger-Jahren gar kein leichtes Unterfangen. Und ganz nebenbei lernt er Simon kennen, der ihn noch lange begleiten soll.

Auch Iselin lernt nach diversen kleineren Flirts und Beziehungen ihre erste große Liebe kennen. Moira ist eine extrovertierte, geheimnisvolle, begehrenswerte Niederländerin, die in ihre WG einzieht. Die beiden verlieben sich, und zusammen mit ihrem neuen Mitbewohner Hans landen sie schließlich ihren großen Coup: Sie entführen ein Flugzeug, die revolutionäre Paradedisziplin linker Aktion in den Siebzigern. Die Situation bringt sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Edvard und Simon schlagen sich immer weiter Richtung Afghanistan durch, gegen den Widerstand Simons. Dieser ist absolut in Edvard verliebt. Der hat zwar durchaus viel für seinen Kompagnon übrig und ist sexuell interessiert, doch Liebe ist ihm ein fremdes Konzept. So kann es nicht wundern, dass trotz langer gemeinsamer Abenteuer auf dem Landweg von Riga bis an den Hindukusch kein gemeinsames Ende abzusehen ist.

Schreckliche Gewalten funktioniert vor allem nach dem Gesetz der falschen Fährte. In kurzen bis kürzesten Kapiteln werden die Handlungsstränge weitergetrieben. Doch gleichzeitig spinnt sich darum ein Geflecht aus Seitenarmen, die Stichworte des zuletzt Erzählten aufnehmen, um sie dann kommentarlos wieder fallen zu lassen. Immer wieder kommt die Erzählung so vom Hölzchen aufs Stöckchen und ergötzt sich in kleinen aber durchaus feinen erzählerischen Sackgassen.

Denn vieles hier lebt von der Sprache des Erzählers und dessen Lust am Erzählen, Berichten und Erklären. Nolte spielt mit dieser Konstruktion gleich auf mehreren Weisen mit den Erwartungen der Leser*innen. Zum einen wird der Plot immer wieder verweigert und aufgeschoben, lange aufgebaute Spannungen auch einfach mal mit einem Satz weggewischt. Zum anderen wird die Lust am Erfahren, die Neugierde der Leser*innen auf die Begriffserklärungen und die kleinen historischen Exkurse des Erzählers ad absurdum geführt. Denn vieles, was hier berichtet und erklärt wird, ist schlichtweg erfunden oder heillos verdreht.

Der furztrockene Stil, in dem dies alles vorgebracht wird, macht Schreckliche Gewalten dann endgültig zu einem verschrobenen und widerborstigen Glücksfall. Immer wieder musste ich Schmunzeln, hier und da sogar laut auflachen beim Lesen. Dabei schafft es Nolte, die Grenzen der Ironie nicht zu überschreiten und nie abfällig auf seine Figuren zu schauen. Und die Nüchternheit bewirkt noch ein Zweites: Ich habe ihm alles, was hier erzählt wird, zunächst ganz selbstverständlich abgenommen. Erst als die IG Farben ins Spiel kamen, wurde ich hellhörig:

Die IG Farben war ein Betrieb, der für die Sicherstellung von Kulturgütern verantwortlich war. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Kunsttransport- und Logistikunternehmen gegründet, bis sie schließlich ganze Innenstädte in Deutschland kuratierte.

In dem Zitat schillert die Schwärze, die dem trockenen Humor zugrunde liegt, einmal deutlich hervor und gibt einen kleinen Einblick in die dunklen Abgründe von Jakob Noltes Roman. Denn nicht nur spielt er beständig mit den Erwartungen der Leser*innen und enttäuscht sie immer wieder auf erfrischende Weise. Auch stellt er in einer Zeit, in der das Postfaktische krachend Einzug in unsere Welt gehalten hat, das Konzept der Wahrheit des geschriebenen Worts eindrucksvoll zur Diskussion. Und es geht auf: Nachdem ich den Erzähler einmal des wüsten Fantasierens überführt hatte, konnte ich nichts mehr glauben und musste mich zurückhalten, nicht jede Aussage im Buch zu kontrollieren.

In Schreckliche Gewalten treffen sich – wenn ich zum Abschluss mal wild die Schubladen aus der Kommode reißen darf – postmodernes Erzählen, postfaktische Fantasy und ein zeitloser Humor. Sie verbinden sich zu einem Roman, der es faustdick hinter den Ohren hat.

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten CoverJakob Nolte

Schreckliche Gewalten

Matthes & Seitz Berlin

22,– € | 340 S.

Erschienen im März 2017

1 Kommentare

  1. Pingback: Vom Scheitern – SchöneSeiten

Kommentar verfassen