Jakob Nolte: ALFF

In seinem 2015 erschienenen Romandebüt ALFF (Matthes & Seitz) erschafft Jakob Nolte den schrägsten Teenie-Highschool-Thriller, den die deutsche Literatur je gesehen hat. Den traurigsten und verwirrendsten noch dazu. Schratige Charaktere geben sich die Klinke in so hoher Frequenz in die Hand, dass das Messing zu glühen beginnt.

Jakob Nolte: ALFF

Nachdem ich Anfang des Jahres mit großer Freude wie auch schönster Verwirrung Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte aufgesogen habe, musste ich auch das Debüt des jungen Autors lesen. Der darf sich mittlerweile Buchpreis-Nominee nennen – meiner Meinung nach absolut zurecht, auch wenn der schräge Roman wohl eher Außenseiterchancen haben dürfte. Aber man weiß ja nie.

ALFF – eins vorneweg: Der um ein F schmalere Serienstar der 1980er-Jahre ist kein Teil des Romans. Leider, möchte man sagen, und tatsächlich wäre der kleine Wuschel vom Melmak in dem außergewöhnlichen Figurenensemble von Noltes Debüt kaum aufgefallen. Aber sein Fehlen fällt keineswegs ins Gewicht.

Man nehme nur die Hauptfigur Meggy. Von einer bipolaren Mutter misshandelt, von Armut geschlagen, durch ihr unansehnliches Äußeres zur Außenseiterin gemacht – zu allem Überfluss fehlt ihr auch noch ein Finger –, versucht sie so hartnäckig wie trotzig, das Beste aus ihrem kleinen Leben zu machen. Sie bringt sich ein, versucht Gutes zu tun, schreibt für die Schülerzeitung, hält sich von allem Ärger fern. Doch dann passiert etwas Unvorstellbares:

Hinter den Korridoren, hinter der Schwingtür und den Fahrradständern, hinter dem Schulhof, hinter dem Baseballfeld hängt der leblose Körper des Jungen. Penibel wurde seine Haut in das langweilig symmetrische Geäst des Zauns eingenäht.

Der Junge ist Benjamin, kein besonders enger Freund von Meggy. Aber enge Freunde hat sie so oder so keine, lose eigentlich auch nicht. Doch er war ihr sympathisch, und das heißt schon etwas. So nimmt sie kurzerhand die Ermittlungen in dem Fall des eingenähten Jungen auf und stöbert durch alle Milieus der High & Low Highschool. Sie gibt alles in der Suche nach Benjamins Mörder, legt sich mit Mitschüler*innen an, mit ihrer Mutter, dem FBI-Ermittler Donna, dem Hauptverdächtigen Jeff Cello.

Alles in ALFF versprüht das Flair der USA der 1990er-Jahre, deren Musik, deren Mode, deren ungetrübter Hedonismus, und vor allem deren Vorliebe für Highschool-Themen in allen Variationen. Wieso sonst sollte ein junger deutscher Autor gerade einen US-Teenie-Highschool-Stoff aufgreifen, wenn nicht aus tiefster Prägung. Ich bin ähnlich alt wie der Autor und habe in den 1990ern unendlich viel davon gesehen. Beim Lesen kamen mir immer wieder vergessen geglaubte Szenen aus Filmen und Serien vor das innere Auge, aus Twin Peaks und American Werewolf genauso wie aus Melrose Place und Parker Lewis – Der Coole von der Schule.

Trash trifft auf tiefste Traurigkeit, knallbunte Jogginganzüge auf schwärzestes Tuch. Humor und Grausamkeit sind oft nur einen Atemhauch voneinander entfernt, streifen sich im gleichen Satz. Noltes Stil ist dabei noch verspielter als im Nachfolger Schreckliche Gewalten. Noch häufiger springt er zwischen nur fast richtigem Wortgebrauch und vor Klischee triefender Genreschilderungen hin und her, bricht und verfremdet alles, was nicht bei drei auf den toten Bäumen ist. Dass ein solches Feuerwerk auch ermüden kann, ist natürlich klar.

Der Plot tritt dabei spürbar in den Hintergrund, für mich ist bei ALFF weniger entscheidend, was passiert, sondern vielmehr wem etwas wie passiert und wie es geschildert wird. Hierin liegt eine Stärke, aber auch ein Problem des Romans. Denn zumindest bei mir tritt bei solchen Romanen, die ich durchaus heiß und innig lieben kann, irgendwann eine Ermüdung ein. So auch bei ALFF. Meine Lektüre kam an Punkte, in denen es mir dann doch nicht mehr so wichtig war, was passiert und wie es geschildert wird. Es brauchte am Ende ein wenig Durchhaltevermögen, um dabei zu bleiben.

Am Ende muss ich sagen, dass mich ALFF im Gegensatz zu Schreckliche Gewalten nicht so sehr mitgenommen hat. Ich würde das aber weniger im Sinne einer Schwäche des Debüts als vielmehr einer erheblichen Steigerung und Konzentrierung dessen, was in ALFF schon angelegt war, im zweiten Roman auslegen. Damit ist ALFF ein starkes und herausstechendes Debüt von einem Autor, der gerade erst anfängt, richtig gut zu werden. Ich bin mehr als nur gespannt, was mich als nächstes von Jakob Nolte erwartet.

Jakob Nolte: ALFF CoverJakob Nolte

ALFF

Matthes & Seitz

256 Seiten | 18,– Euro

Erschienen 2015

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

6 Kommentare

  1. Schade, dass es dich am Ende gelangweilt hat, aber auch schön zu sehen, dass der Autor dazulernt. Ich denke auf ALFF kann ich dann verzichten. SCHRECKLICHE GEWALTEN wird dagegen bestimmt mal von mir gelesen!
    Liebe Grüße und danke für die tolle Rezension!!

    • Also ich würde ALFF auf jeden Fall trotzdem empfehlen, finde den Nachfolger aber noch ausgereifter. Den MUSS man lesen! Haha, nein, aber den fand ich wirklich toll.
      Liebe Grüße!

  2. Schreckliche Gewalten wartet schon darauf, dass mein Rezensionsstau bearbeitet ist. Ich bin gespannt. Und dann wartet ja noch „Außer sich“. Post kam heute an, vielen Dank!

  3. Interessant, ich habe ALFF zuerst gelesen und fand es um Längen besser als den Nachfolger, wahnsinnig gewitzt und überraschend. Dass kann man natürlich auch über Schreckliche Gewalten sagen, aber die habe ich eher als angestrengt und anstrengend empfunden, irgendwie war für mich da der Effekt schon abgenutzt.

    Vielleicht ist das ja so mit der Literatur von Jakob Nolte? Du hast ja den zweiten Roman zuerst gelesen und warst dann vom Debüt nicht mehr ganz so eingenommen. Aber so oder so: Auch ich werde Nolte auf jeden Fall weiter im Auge behalten und freue mich schon jetzt auf das dritte Buch.

    • In der Tat interessant! Wahrscheinlich ist es so ein Moment der Überraschung, das einen beim ersten Lesen von Noltes Romanen so aus den Socken haut und sich dann natürlich beim zweiten Roman nicht genauso reproduzieren lässt. Ich bin auch sehr gespannt auf den dritten Roman und will bis dahin auch mal eins seiner Theaterstücke sehen. Mal sehen ob ich mal die Möglichkeit bekomme..

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