FreundInnen lesen #8: Montauk

Zwei Jahre ist es her, dass ich mir in einem Antiquariat in Halle Stiller von Max Frisch gekauft habe. Genauso lange steht dieses Buch nun schon ungelesen in meinem Regal. Wie gut, dass Lena in unserer Reihe FreundInnen lesen nun ebenfalls einen Frisch-Titel vorstellt. So viel sei vorweggenommen: Ich habe jetzt unglaublich große Lust, den Frisch endlich aus dem Regal zu holen. Vorhang auf für Lena und Montauk:

FreundInnen lesen #8: Montauk von Max Frisch

Max Frisch
Montauk
Eine Erzählung
Suhrkamp
1975

Das Besondere?

„Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzählerposition.“

An irgendwas von Max Frisch ging für die meisten der Schulweg vermutlich nicht vorbei. Sehr wahrscheinlich, dass es entweder Homo Faber oder Andorra war. Für mich war die Schulzeit eine frischfreie Zeit. Homo Faber war dann das einzige Buch von erwähnenswertem Umfang im Bücherregal meines damaligen Freundes, daneben nur einige dünne Reclam-Heftchen, allesamt Relikte eines Deutsch-Oberstufen-Grundkurses. Und da es eben das einzige Buch von erwähnenswertem Umfang war, habe ich angefangen es an einem Wochentagsvormittag zu lesen. Darauf folgten: Frisch-Romane, Frisch-Erzählungen, Frisch-Dramen, Frisch-Tagebücher. Und auch Montauk, erstmals 1975 veröffentlicht und bei Suhrkamp erschienen.

Montauk ist für mich einerseits Max Frisch in verdichteter Form: die Themen, die Sprache, die Erzählweise. Man erkennt den Text als Frisch-Text, findet Bekanntes in Nebensätzen. Andererseits ist es ein persönliches Buch, welches auch persönlich sein will. Und vielleicht auch ein wenig kontemplativ. Es ist ein Buch über Beziehungen, irgendwie Frischs Beziehungen, nicht nur zu Partnerinnen, sondern auch zu Menschen allgemein. Und es ist ein Buch über Erinnerungen.

Im vermeintlichen Zentrum ein Wochenende, das das „er“ der Erzählung, ein älterer Mann, irgendwie ein Max Frisch, mit einer in Relation zu ihm deutlich jüngeren Frau an der amerikanischen Ostküste, genauer im titelgebenden Montauk, verbringt. Die Erzählung an sich wird unterbrochen von eingeschobenen Textpassagen, mal kürzer, mal länger. Diese Textpassagen haben ein „ich“ als Erzähler, irgendwie auch ein Max Frisch, der sich an einer Stelle sogar über den „er“-Max Frisch der Rahmenhandlung wundert. Vermutlich muss man also am Anfang ein wenig mehr Kraft aufbringen, um dem Text zu folgen, gewöhnt sich dann aber recht schnell an die besondere Erzählsituation. Gerade die eingeschobenen Erinnerungen und Beobachtungen gefallen mir so sehr. In ihnen geht es oft um vergangene Beziehungen und um die Einsicht, die fast mit jeder vergangenen Beziehung irgendwann einhergeht: die eigenen Versäumnisse, die nun für immer Versäumnisse bleiben werden. Es geht auch um Frisch und Ingeborg Bachmann*, ihr Verhältnis zueinander und miteinander. Wie in seinen anderen Büchern auch schafft Frisch es für mich in einem Satz zusammenzufassen, was sich unzusammenfassbar anfühlt. Jetzt kann man kommen und sagen: „Ein älterer Mann erinnert sich, hauptsächlich an vergangene Beziehungen, wird das nicht schnell seltsam sentimental, und überhaupt: dieses Wochenende mit der jüngeren Frau?“ „Ja, kann schon sein, ist Wahrnehmungssache.“, wäre meine Antwort. Für mich bleibt es trotzdem eine lesenswerte Reflexion über das, was uns alle einen sehr großen Teil unserer Zeit beschäftigt: uns und unsere Verbindung zu anderen Menschen.

* Mit einem Blick auf das Jahr der Erstveröffentlichung wird klar: Ingeborg Bachmann ist zu diesem Zeitpunkt schon verstorben, aber viele der Menschen, um die es in diesem Buch auch auf teilweise intime Weise geht, leben noch. Das macht es zum Veröffentlichungszeitpunkt nicht einfacher.

Jahreszeitenlektüre?

Ein Ganzjahresbuch. Wenn ich mich entscheiden soll, dann schreibe ich jetzt Herbst, der ist so schön melancholisch und auch einfach meine Lieblingsjahreszeit.

Song zum Buch?

Lieblingszitat?

Wohl eher Lieblingstextstellen: die Bachmann-Passagen.

Vielen Dank, liebe Lena.

Kategorie Blog, FreundInnen lesen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

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