Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Neonazis in Deutschland – mit diesem Stichwort assoziiere ich zuallererst strukturschwache Regionen in Ostdeutschland, Dummheit, Parolengegröle und vor allem perspektivlose Menschen. Heidi Benneckenstein hat mir mit ihrer Autobiografie Ein deutsches Mädchen (Tropen) allerdings gezeigt, dass es da auch noch eine andere Gruppe von Neonazis gibt, die wohl wesentlich gefährlicher ist.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Bis ich zwanzig war, kannte ich fast nur Nazis.

Zu eben dieser zweiten Gruppe gehörte Heidi Benneckenstein die größte Zeit ihres Lebens. Die mittlerweile 24-jährige, blonde Frau mit den auffallend blauen Augen wurde eben nicht im traurig dünn besiedelten Osten Deutschlands, sondern in Bayern, in der Nähe von München, geboren. Ihre Eltern sind auf dem ersten Blick gutbürgerliche Leute, haben viele soziale Kontakte, sind nicht unbeliebt im Dorf. Doch hinter der Fassade wird Heidi, die mit vollem Namen Heidrun heißt, von ihrem Vater einer paramilitärischen Erziehung unterzogen, die sich ganz und gar an den Normen und Werten des Nationalsozialismus orientiert.

Heidi und ihre drei Schwestern müssen in ihren Kinderzimmern mit dem Nötigsten auskommen, sie sollen lernen, zu entbehren. Ein Poster im spärlich und anonym eingerichteten Zimmer ist schon das höchste der Gefühle. Im Bücherregal der Eltern gibt es nur rechte Propaganda-Literatur. In den Ferien werden die Mädchen auf Freizeiten der Heimattreuen Deutschen Jugend geschickt, der wichtigsten und seit 2009 verbotenen völkischen Organisation der rechtsextremen Szene. Dort laufen sie mit geflochtenen Zöpfen und im Dirndl umher, werden mit rechtsextremem Gedankengut gefüttert und auf elendig langen Geländemärschen abgehärtet.

Wir sollten zu politisch denkenden Soldaten erzogen werden, zu intellektuellen Feinden der Multikulti-Gesellschaft, der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland.

Auch Zuhause herrscht Zucht und Ordnung. Heidis Vater hetzt die Schwestern immer wieder gekonnt mit Psychospielchen gegeneinander auf und versucht, seinen Töchtern jegliche Form von Empathie auszutreiben. Heidis Mutter lässt dies lang über sich ergehen, bis es ihr eines Tages reicht, sie die Scheidung einreicht und auszieht. Das Sorgerecht für ihre Töchter muss sie sich mit ihrem Mann teilen und so bleibt Heidi auch während ihrer Pubertät in den immer selben Kreisen.

Heidi schließt sich Kameradschaften an, tritt in die Jugendpartei der NPD ein und hat keine Freunde mehr außerhalb der rechten Szene. Sie kehrt regelmäßig im Braunen Haus Jena ein und sitzt dort neben Ralf Wohlleben – der später im NSU-Prozess auf der Anklagebank sitzen wird – gemütlich am Lagerfeuer. Ihren persönlichen Tiefpunkt hat Heidi wohl erreicht, als sie, nachdem sie während der Beerdigung des Alt-Nazis Voigt Busse in Passau die Fahne der Jungen Nationaldemokraten gehalten hatte, einen Aussetzer hat und unkontrolliert auf einen Fotografen einprügelt. Zwar war Heidi danach von sich selbst schockiert, zum Ausstieg hat es aber noch nicht gereicht.

Die rechte Szene ist wie eine Krake mit tausend Fangarmen. Wer von ihr weg will, den packt sie und zerrt ihn zurück.

Den schaffte sie erst später zusammen mit ihrem Mann Felix Benneckenstein, der als Liedermacher zu den Szenegrößen zählte. In Ein deutsches Mädchen erzählt Heidi Benneckenstein ihre Lebensgeschichte und berichtet sehr eindrucksvoll vom gemeinsamen Ausstieg, der noch heute seine Spuren nach sich zieht. Immer, wenn ich beim Lesen dachte, dass sich nun alles zum Guten wenden würde, rutschte Heidi noch tiefer in die rechtsextreme Szene.

Heidi Benneckensteins Autobiografie ist schockierend und erhellend zugleich. Die Aussteigerin liefert einen differenzierten Blick auf die derzeitige Neonazi-Szene in Deutschland. Es sind eben nicht die auffälligen Typen mit Springerstiefeln, weißen Schnürsenkeln und Thor Steinar-Jacke, die so gefährlich sind. Sicherlich, sie sind es auch. Aber Heidi Benneckenstein unterscheidet ganz klar zwischen den Rechten, die aus Perspektivlosigkeit und Hass auf die Welt zur Szene gestoßen sind und jenen, die wie sie von klein auf indoktriniert wurden. Gefährlicher, weil zumeist klüger und subversiv handelnd, sind nach der Autorin die letzteren.

Ein deutsches Mädchen ist in thematische Kapitel unterteilt. Dadurch springt Benneckenstein in ihren Berichten immer zwischen den Jahren, sodass ich oft nicht sicher war, wie alt sie gerade in der erzählten Geschichte ist. Mir persönlich hätte eine chronologische Erzählweise besser gefallen. Auch bleiben viele Fragen nach der Lektüre offen: Wie genau verlief das Leben von Heidis Mutter nach der Scheidung? Wie denkt sie heute über die Ehe? Warum hat sich Heidi damals, obwohl sie unter ihrem Vater litt, nicht für ein Leben bei der Mutter entschieden? An vielen Stellen wäre ein detaillierteres Erzählen schön gewesen, aber vielleicht ist das auch zu intim?

Mir hat Heidi Benneckenstein mit ihrer Autobiografie den Blick geschärft und nach der Aufdeckung des NSU 2011 noch einmal klar gemacht, dass man Neonazis nicht unterschätzen sollte und das Netzwerk der Rechten in Deutschland viel größer ist als man denken mag. Als Einstiegslektüre in dieses Thema kann ich euch Ein deutsches Mädchen nur wärmstens ans Herz legen.

Eine weitere Rezension findet ihr auf Kapri-ziös.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Heidi Benneckenstein

Ein deutsches Mädchen
unter Mitarbeit von Tobias Haberl

Tropen

252 S. | 16,95 Euro

Erschienen im Herbst 2017

 

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

10 Kommentare

    • Ist es stellenweise auch wirklich! Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es Organisationen wie diese HDJ in Deutschland gibt, sehr erschreckend.

  1. Habe ich auch mit großem Interesse gelesen, obwohl mir vieles nicht neu war (ich hatte vor Jahren schon mal eine Reportage über Heidi Beneckenstein in der taz gelesen). Es ist ein wichtiges Buch, da wir die Rechten kennen müssen (was sie denken, wie sie agieren), wenn wir verhindern wollen, dass sie überhand nehmen.

    • Nach der Lektüre habe ich auch erst mal einige Dokus über Heidi Benneckenstein und ihren Mann Felix geschaut, irgendwie war ich nie früher darauf gestoßen.
      Ich stimme dir vollkommen zu, liebe Eva. Bücher wie dieses können auf jeden Fall helfen, die rechtsextremen Strukturen frühzeitiger zu erkennen.

    • Beeindruckende Geschichte von der ich bisher noch nichts gehört habe. Allerdings bin ich skeptisch ob ich 252 Seiten durchhalten würde, da die wesentlichen Schwerpunkte schnell genannt sind-
      Liebe Grüße
      Joel von Büchervergleich.org

      • Für mich sind die 252 wie im Flug vergangen. Mit ihren ganz persönlichen Erlebnissen gibt die Autorin – auch wenn sie sich stellenweise leider wiederholt – den wesentlichen Schwerpunkten den letzten Schliff, wodurch das Buch sehr lebendig wird.

  2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Dezember 2017 | Phantásienreisen

  3. Hallo 🙂
    Klingt nach einer richtig argen Geschichte, die in der heutigen Zeit leider immer noch brandaktuell ist. Dass diese Szene in den letzten Jahren wieder so aufgeblüht ist, ist mehr als nur eine Schande und Geschichten wie diese dienen hoffentlich als Abschreckung und als Ermunterung zum Austreten.
    Eine wirklich tolle und sehr detaillierte Besprechung.

    Liebe Grüße,
    Smarty

    • Liebe Smarty,
      vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob. Ich hoffe auch, dass Heidi Benneckensteins Buch potenziellen Aussteiger*innen Mut macht.

      Liebe Grüße
      Juliane

      • Nichts zu danken 🙂
        Lass uns außerdem hoffen, dass dieser Wahnsinn irgendwann mal endgültig der Vergangenheit angehört.

        Liebe Grüße und eine schöne Woche,
        Smarty

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