Franz Hessel: Heimliches Berlin

Im 1927 erschienen Roman Heimliches Berlin (Lilienfeld) schildert Franz Hessel das amüsierfreudige Milieu vom Tiergarten bis Schöneberg im Jahr 1924. Originelle Charaktere und deren verschlungene Beziehungsgeflechte prägen das Bild.

Franz Hessel: Heimliches Berlin

Wendelin von Donath ist der Dreh- und Angelpunkt des kleinen Romans Heimliches Berlin. 76 Jahre nach dem Tod des Berliner Autors Franz Hessel spendiert der Lilienfeld Verlag dem Kleinod eine neue Ausgabe in der edlen Halbleinen-Gestaltung der Lilienfeldianer. Der Verlag liegt damit voll im aktuellen 1920er-Jahre-Trend, der hier etwa in Form von Theresia Enzensbergers famosem Debüt Blaupause besprochen wurde und der mit Volker Kutschers Krimis und nicht zuletzt auch deren Serienadaption Babylon Berlin große Erfolge feiert. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Was Heimliches Berlin jedoch von dieser Reihe abhebt, ist das einfache, aber doch entscheidende Faktum, dass der Roman nicht einfach das Berlin der goldenen 1920er-Jahre beschreibt, sondern selbst diesen entstammt. So wird das bald 100 Jahre zurückliegende Jahrzehnt für uns heutige Leser*innen nicht mit behutsam modernisierter Sprache und gewohnt-schneller Handlungsfolge präsentiert. Vielmehr handelt es sich bei dem Roman um ein Komplettpaket, das uns mit seiner Sprache, gediegenen Langsamkeit und erstaunlichen Handlung in die Andersheit der Vergangenheit mitnimmt.

Doch zurück zu Wendelin von Donath. Als Student führt er ein behagliches Leben, verschläft seine Tage, besucht auch einmal die Universität, doch hat es ihm die Jurisprudenz alles andere als angetan. Als Spross eines adligen Geschlechts bleibt ihm jedoch nicht viel anderes übrig, sodass er sich in sein Schicksal ergeben hat. Kein Wunder also, dass Selbstzweifel ihn plagen und er sich nach Ablenkung, ja namentlich nach Liebe sehnt, um seine materiell noch bescheidene, aber überaus verfahrene Situation zu bessern. Zum Glück war ihm das Schicksal in äußerlichen Dingen hold:

Bis zum Frühjahr 1924 lebte in Berlin ein junger Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches erfreute, ohne daß sie seinem Wesen tiefer nachforschten.

Diese Frauen sind vor allem Margot und Karola. Deutlich ältere, verheiratete Frauen, die Lust am Spiel mit dem schönen, aufgeweckten Jüngling haben. Seine Verwirrung lässt ihn immer wieder in offene Arme laufen, seinen Kopf und nicht minder auch sein Herz verlieren, ohne zu sehen, dass die älteren Frauen mit ihm ihren eingefahrenen Ehen zu entfliehen suchen. Aber diese Flucht ist eine überaus temporäre, wie Wendelin leidlich erfahren muss.

Die Männer sind deren Ehemänner, die nicht weniger Gefallen am Jüngling finden. Denn dieser ist intellektuell aufgeweckt, aber eben auch verwirrt und in seinem Selbstbewusstsein empfindlich geschwächt. Ein wunderbares Opfer für ausufernden väterlichen Rat und tiefschürfende Vorträge über das Wesen der Welt. Ihre Frauen können diese Vorträge schon lange nicht mehr ertragen, und die Kinder sind intellektuell noch nicht weit genug.

Auch die eigene Sippe lässt nicht ab von Wendelin und versucht ihn zu weiteren Fortschritten im Studium zu bewegen. Oder aber, wenn dies nicht gelinge, weiter zu anderen Ausbildungen, um den ehrhaften Fortbestand des alten Landadels zu sichern und die elterlichen Träume durch ihn auszuleben. Als ob das nicht genug wäre, lädt ihn auch noch eine überaus attraktive Kusine mit zweideutigen Ankündigungen auf ihr Landgut ein.

So reißen die verschiedenen Winde am armen Wendelin, der wie das sprichwörtliche Fähnchen in alle Himmelsrichtungen weht. Wie ein Reigen treibt ihn die Handlung von Heimliches Berlin durch das Milieu des Neuen Westens süd-westlich des Tiergartens und auch immer mal wieder durch die florierende Stadt. Brennend interessant sind gerade für mich die Schilderungen des Viertels, da ich genau dort arbeite und daher viel Zeit ganz in der Nähe der Schauplätze des Romans verbringe.

Heimliches Berlin entführt in ein ebenso lust- wie leidvolles Berlin der 1920er-Jahre, fasziniert mit seiner Sprache, die Erotik enthemmten Flirtens und die weltmännisch ausschweifenden philosophischen Ansichten einer bedrohten Mittelklasse. Es hat dabei nicht das Tempo heutiger Romane, die zur gleichen Zeit spielen, sondern ist tief im Realismus des frühen 20., vielleicht auch noch des späten 19. Jahrhunderts verwurzelt. Dies verleiht dem Roman ein Zeitkolorit, das die Vergangenheit ebenso greifbar wie lebendig macht und sich angenehm von heutigen Romanen absetzt. Das Nachwort von Manfred Flügge ist dazu eine schöne, passende Ergänzung.

Eine weitere Rezension gibt es hier: Sätze und Schätze

Franz Hessel: Heimliches Berlin CoverFranz Hessel

Heimliches Berlin

Lilienfeld Verlag

160 Seiten | 18,90 Euro

Erschienen im Oktober 2017

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

6 Kommentare

  1. Eine schöne Rezension! Ja, mich hat auch die Sprache fasziniert, die eben wie eine Stimme aus einer vergangenen Zeit klingt.
    Das Berlin der Flaneure – eine aussterbende Spezies unter den hektischen (literarischen) Fußgängern unserer Zeit.
    Und herzlichen Dank für den Link!

    • Sehr gerne! Über die vielen Neuerscheinungen vergesse ich manchmal, wie toll es ist, alte Bücher zu lesen und mal wieder ganz anders erzähltes zu lesen. Das Buch hat es wieder sehr schön demonstriert. Und die dandys und flaneure habe ich in meiner Rezension ganz unterschlagen, gut dass du es noch hinzufügst!

  2. Durch euren Beitrag gleich mal erschrocken festgestellt, dass ich das ja auch zu Hause auf dem Zu Lesen Stapel liegen habe. Mache ich much gleich mal an die Lektüre.

    Und ja, die Aufmachung ist wirklich spitze.

    Gruß
    Marc

Kommentar verfassen