Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Eine Ölplattform im Meer. Arbeiter, die sich abschuften und einer, der nicht mehr kann, weil ein anderer stirbt. Anja Kampmanns Romandebüt Wie hoch die Wasser steigen (Hanser) überrascht mit einem ungewöhnlichen Setting, das mich sofort in seinen Bann zog und so schnell nicht mehr losließ.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Nachdem Anja Kampmanns Lyrikdebüt Proben von Stein und Licht zu meinen Lesehighlights 2017 zählte, war ich sehr gespannt auf ihren ersten Roman. Wie hoch die Wasser steigen erschien Anfang des Jahres und wurde direkt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die Lektüre erwies sich als gar nicht mal so einfach. Ich habe tatsächlich anderthalb Monate für diesen Roman gebraucht, was selbst für mich ein eher langsames Lesetempo ist. Doch so viel sei vorweg gesagt: Das ist kein schlechtes Zeichen.

Wie hoch die Wasser steigen ist sicherlich kein handlungsgetriebener Roman, kein Pageturner, dennoch gibt es immer wieder Wendepunkte, die neugierig machen auf kommende Szenen. Alles beginnt auf besagter Ölplattform mitten im Meer. Als einer der Arbeiter, der Ungar Mátyás, während eines Sturms plötzlich stirbt, fällt sein Kollege und enger Freund Waclaw in ein tiefes Loch. Er beginnt sein Leben komplett zu überdenken und begibt sich auf eine lange Reise. Zunächst führt ihn sein Weg in Mátyás Heimatdorf in Ungarn, wo er die verbliebenen Sachen seines Freundes an die Angehörigen übergibt. Immer wieder wird in Rückblenden angedeutet, dass Mátyás nicht nur Waclaws bester Freund war, sondern dass die beiden auch eine Liebesbeziehung verband.

Nach seinem Besuch in Ungarn will Waclaw nicht mehr zurück auf die Plattform, nicht zurück in sein routiniertes Leben als Ölarbeiter. Er spürt, dass er noch mehr ist als nur dieser schuftende Kerl, dass er sich sein Leben zurückerobern muss. So reist er weiter, über Malta nach Italien. Er besucht alte Bekannte, denkt immer wieder an Mátyás, aber auch an Milena. Sie war seine frühere Freundin, in einem Leben vor der Ölplattform. Waclaw rekapituliert in loser Reihenfolge sein bisheriges Leben. Rückblenden werden immer wieder kunstvoll eingeschoben – das Puzzle setzt sich zaghaft zusammen. Von Italien geht es dann weiter Richtung Norden und schließlich in den Kern seines Schmerzes, ins Ruhrgebiet, seine alte Heimat.

Das Motiv der Reise steht in Wie hoch die Wasser steigen im Zentrum. Schon vielen Romanfiguren zuvor diente das Reisen als Hilfe zur Selbstfindung, vor allem in Adoleszenzromanen. Auch Waclaw befindet sich auf einem Trip des Findens, allerdings des Wiederfindens. Sich selbst hatte er über die Jahre im Trott und der Abgeschiedenheit der Ölplattform verloren. Kampmann dehnt das Reise-Motiv noch weiter aus und schickt ihren Protagonisten durch all die Länder und Stationen seines Lebens, um ihm eine Heilung zu ermöglichen. Ihn als Leser*in auf diesem Weg zu begleiten ist ein gleichsam berührendes wie erschütterndes Lese-Erlebnis.

Weiterhin stellt Kampmann in ihrem Roman sehr eindrücklich das Leben eines Wanderarbeiters dar und zieht anhand von Waclaws Vater immer wieder Parallelen zu den Arbeitern in den Zechen des Ruhrpotts, die ab den 1990er Jahren langsam außer Betrieb genommen wurden. Die Preise stiegen, andere Energieträger erlangten Bedeutung, Steinkohle aus dem Ruhrpott wurde nicht mehr gebraucht und mit ihr die Arbeiter. Was es heißt, ein Leben lang in dieser Parallelwelt zu schuften und dann plötzlich ausrangiert zu werden, wird mehr als deutlich. So ist Wie hoch die Wasser steigen nicht nur ein Initiationsroman, sondern auch eine Geschichte über das Arbeiten heute und damals.

Ich konnte Kampmanns Buch nur in kleinen Dosen, am besten in vollkommener Stille lesen. Dies lag vor allem an der unglaublich dichten Sprache. Eine umwerfende Metapher folgt der nächsten. Ein bis ins Letzte durchdachtes sprachliches Bild dem anderen. So engmaschig gewebt wie die Sprache erscheint auch die Atmosphäre im Buch. Über Waclaw und seiner Reise wabert eine unendliche Schwere, die mich voll und ganz in den Bann gezogen hat. Selten habe ich so stark mit einem Protagonisten mitgefühlt, obwohl wir offenkundig wenig gemeinsam haben.

Wie schon in ihren Gedichten beweist Kampmann auch hier wieder ihre geschärfte Auffassungsgabe und den besonderen Blick für Details wie das Klackern eines Motors beim Abkühlen. Nebensächlichkeiten eigentlich, die hier eine besondere Bedeutung erhalten. Wie hoch die Wasser steigen ist voll von besonderen Textstellen. Deshalb habe ich dieses Mal nur ein einziges, dafür etwas längeres Zitat zur Veranschaulichung herausgesucht:

Waclaw lag still, alles fiel von weit her auf ihn zu. Die Pollen klebten an dem dunklen Stoff über seinen Beinen, da war das Zittern der Blätter, dann tönten die Stimmen der Alten herüber, die noch immer sangen, tranken. Irgendwo dazwischen ein Bild von Mátyás, das sich langsam wiegte, ein Blatt auf einem Fluss, das taumelt, bevor das Wasser es schluckt. Er musste daran denken, dass er einen anderen Mátyás gekannt hatte, aber dass die Menschen auf diesem winzigen Hof die Einzigen waren, die ihn vermissten. Dass er ihnen fehlte, für viel weniger, als sie je versucht hatten, zu sein.

Spätestens jetzt merkt man: Wie hoch die Wasser steigen ist keine flotte Sommerlektüre, nichts für zwischendurch am Strand. Gute Laune macht er auch nicht wirklich. Dieser Roman verlangt seinen Leser*innen alles ab und gibt ganz viel zurück. Wenn man sich erst einmal eingefunden hat in diese wahnsinnig komplexe Stimmung, dann sitzt man plötzlich wahrhaftig neben Waclaw, fiebert und fühlt mit ihm mit. Für mich ist Anja Kampmann ein Ausnahmetalent unter den jungen Autor*innen, der mit Wie hoch die Wasser steigen ein hochliterarischer erster Roman gelungen ist. Bitte mehr davon!

Weitere Begeisterung findet ihr u. a. auf literaturleuchtet, Das graue Sofa und Zeilensprünge, nicht ganz überzeugt zeigt sich Frau Hemingway.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigenAnja Kampmann

Wie hoch die Wasser steigen*

Hanser

352 Seiten | 23,- Euro

Erschienen am 29.1.2018


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Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Mein Masterstudium hält mich derzeit literarisch auf Trab. Nebenbei versuche ich, die Welt zu entdecken. Auf Poesierausch möchte ich über Literatur und Kultur schreiben – so, wie ich sie erlebe.

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