[DBP 18] Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

Carmen-Francesca Banciu zelebriert den Abschied von ihrem alles andere als unkomplizierten Vater im epischen Langgedicht Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! (PalmArtPress). Ein gattungstechnisch absolut untypischer Longlist-Titel, der in die rumänische Geschichte ebenso wie in das Liebesleben eines kommunistischen Patriarchen führt.

Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

Zwei große Revolutionen zeichnen die Geschichte Rumäniens in den letzen gut fünfzig Jahren. Zunächst die Machtübernahme von Nicolae Ceaușescu 1965 als sozialistische Revolution,  dann der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 als Rumänische Revolution. Die erste sollte Rumänien nach Ansicht ihrer Verfechter in ein sozialistisches Land verwandeln, auf dem Weg in einen machtfreien Kommunismus. De facto herrschte Ceausescu als Autokrat, jede Art von Widerstand oder auch nur Widerspruch wurde aufs Härteste bestraft. Die zweite sollte das Land von der Gewaltherrschaft befreien und es demokratisieren. Teilerfolge gab es, aber ganz zur Ruhe kam das zwischen den Stühlen von Osten und Westen hängende Land noch nicht.

Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! beschreibt in einem epischen Langgedicht die letzten Wochen im Leben des Vaters der Ich-Erzählerin/des lyrischen Ichs. Der Titel stammt noch aus dem Mund des Vaters, genauer aus seinem selbstverfassten Nachruf, den er seiner Tochter Maria-Maria und anderen Personen in den Mund legen möchte. Schon ein schöner Hinweis darauf, um welche Art von Mann es sich hier handelt. Um es vorwegzunehmen: Der Vater ist nicht nur Kommunist, sondern auch Patriarch bis ins Mark. Ein Widerspruch? Nicht für ihn!

Im Text spricht aber in erster Linie Maria-Maria. Sie arbeitet sich dabei an einer Vielzahl von Konflikten ab. Da wäre zunächst der zwischen ihr und ihrem Vater, ergänzt durch den mit ihrer verstorbenen Mutter, die in der Erinnerung immer wieder hinter den Ereignissen steht. Dann der zwischen Maria-Maria und den Geliebten des Vaters, Daria und Rebeca, dazu die Konflikte zwischen den Geliebten untereinander sowie zwischen ihnen und der verstorbenen Mutter. Nicht zu vergessen die Konflikte zwischen dem Vater und seinen Geliebten sowie der Mutter. Wir sehen, es gibt viel zu streiten in den letzten Lebenswochen eines Patriarchen.

Keinen Streit gibt es eigentlich nur an einer Front: zwischen dem Vater und der Partei. Denn die Partei, das ist Liebe, Zukunft, Vaterland. Hier blüht der Patriarch auf, hier zeigt er menschliche Seiten, die er seiner Familie und auch seinen Geliebten gegenüber meist vermissen lässt. Das Projekt des neuen Menschen lässt ihn ins Schwärmen geraten, zur Höchstleistung auflaufen, und dabei teilweise wochenlang nicht mehr nach Hause kommen. Die Partei geht eben vor, und wo per definitionem nichts falsch läuft, fühlt man sich eben am wohlsten.

Denn gegen all die Herrlichkeit, die sich in der Partei und ihrer Arbeit für den Vater manifestiert, kommen Familie wie Geliebte einfach nicht an, an dieser Unzulänglichkeit leidet vor allem das Verhältnis zu seiner Tochter. Nicht nur ist sie kein Sohn geworden, sie ist auch nicht der neue Mensch, sondern hat einen eigenen Kopf, der teilweise auch noch die Partei kritisiert. Nicht auszudenken! Dass sie die Ebene des de facto in Betracht zieht und sie gegen das Ideal der kommunistischen Utopie hält, ist natürlich unverschämt und nicht haltbar.

Vater glaubte, er wäre für Großes bestimmt
Und ich sollte für noch Größeres bestimmt sein
Größe und Opfer sind für Vater untrennbar
Ich sollte mein Leben opfern
Mich opfern
Meine Kinder opfern
Alles opfern
Für die Freiheit?
Nein, für das Vaterland
Und was ist Vaterland
Bin ich nicht selbst Vaterland
Ich und meine Kinder
Ich
Meine Kinder
Meine Geliebten

Dieser Vater-Tochter-Konflikt, ausgetragen zwischen Parteibuch, Vaterland und familiärer Wirklichkeit, bildet das Zentrum von Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!. Die Schilderungen dieses Konflikts sind eindringlich und berührend, hier spielt die Versform seine Stärken im Zwischenraum von Lyrik und Prosa aus, nutzt das Beste aus beiden Welten. Leider wird dies auf die Gesamtlänge des Buchs gesehen viel zu stark von den Konflikten mit den Geliebten überschattet. Diese entwickeln sich nur minimal, nehmen jedoch gut zwei Drittel des Umfangs ein, was die Lektüre beschwerlich macht. Immer wieder wiederholen sich die gleichen Auseinandersetzungen, gerade das zweite Drittel erscheint wie eine bloße Wiederholung des ersten, trotz des ziemlich linearen zeitlichen Ablaufs. Hier wäre weniger mehr gewesen, nur unter größtem Stöhnen habe ich mich durch die immer gleichen Passagen gequält. Auch wenn dies den Qualen Maria-Marias entspricht – meiner Meinung nach hätte man die Leser*innen hier durchaus ein wenig verschonen können, ja müssen.

Am Ende bleibt damit ein mediokrer Eindruck. In den guten Passagen ist Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! ein starkes Versepos, das die Möglichkeiten seiner Gattung klug nutzt, um Emotionen und Konflikte zu transportieren. Diese sind in ihrer Vielfalt absolut interessant und lesenswert. Das Buch ist jedoch viel zu lang und repetitiv, gerade was den Teil der Geliebten angeht. Sie überlagern die zentrale Auseinandersetzung zwischen dem Patriarchen der kommunistischen Partei und der seinen Idealen nicht gerecht werdenden Familie so sehr, dass sie in den Wiederholungen des Immergleichen zu verschwinden droht.

Für mich kein Kandidat für die Shortlist, wenn ich von der literarischen Qualität her urteile. Die Konjunktur von post-sowjetischen und osteuropäischen Themen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur könnte dies allerdings übertönen. Warten wir ab, wie die Jury die beiden Pole gewichtet.

Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten!Carmen-Francesca Banciu

Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! *

PalmArtPress

376 Seiten | 25 Euro

Erschienen im März 2018


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