[DBP 18] Das Shortlist-Orakel

Wir haben gelesen, bis uns die Augen tränten, haben wirklich tolle Entdeckungen gemacht, Enttäuschungen erlebt und auch mal verständnislos die Köpfe geschüttelt. Morgen kommt die Shortlist, daher hier noch ein kurzer Einstimmungsbeitrag mit unseren Tipps. Im Normalfall setzen wir uns komplett in die Nesseln, aber wer nicht wagt …

Acht Titel haben Juliane und ich zugewiesen bekommen, wir haben nicht ganz alle geschafft, aber einen eigenen Eindruck von sagen wir mal einem Drittel der Longlist haben wir uns doch erlesen können. Nun ist es natürlich ziemlich schwierig, sechs aus zwanzig Bücher auszuwählen, wenn man nur etwa ein Drittel selbst gelesen hat. Aber wir vertrauen da auch auf die Urteile unserer Mitblogger*innen auf dem offiziellen Buchpreis-Blog. Dadurch ergibt sich zwar – Stand heute, 10.9., 14:16 Uhr MEZ – auch noch kein ganz komplettes Bild, aber es lassen sich schon ein paar Tendenzen ableiten. Nicht, dass diese auf irgendeine Weise zur Entscheidungsfindung der Jury beitragen würden oder die Kriterien die gleichen wären. Aber spekulieren kann man ja mal.

Von den Titeln, die ich selbst gelesen habe, ist für mich nur Carmen-Francesca Bancius mutiges Langgedicht definitiv kein Titel für die Longlist. Archipel von Inger-Maria Mahlke fand ich wirklich gut, er ist mein Favorit unter meinen Titeln. Wie die Autorin mit einfachen sprachlichen Mitteln und einer ebenso einfachen, aber ungewöhnlichen Komposition in die Geschichte Teneriffas eintaucht und Heutiges in ihrer Entstehung en passant sichtbar macht, finde ich großartig. Allerdings darf man die Sprach- und Bildgewalt von Stephan Thomes ausuferndem Historienroman Der Gott der Barbaren nicht unterschätzen, und Susanne Röckels anachronistisches Kunstmärchen Der Vogelgott hat für mich auf der Liste einen ganz eigenen Status und damit mindestens Außenseiterchancen.

In Ein schönes Paar von Gert Loschütz habe ich zumindest reingelesen, es gefiel mir auch sehr gut. Zwar kam es mir ein wenig vor, als wolle der Autor auf Teufel komm raus einen modernen Klassiker schreiben – aber wenn dies gelingt, was soll man ihm vorwerfen? Die bisherigen Rezensionen, auch Julianes, sprechen für das Gelingen, und damit für die Shortlist. Dem experimentellen Sültzrather von Josef Oberhollenzer würde ich ebenfalls maximal Außenseiterchancen einräumen. Zu klein erscheint das Marktpotenzial, das für den Preis ja doch immer auch eine Rolle spielt. Ein weiterer Titel, den Juliane schon im Juli besprochen hat, gehört für mich aber zu den Favoriten für die Shortlist: Anja Kampmanns melancholischer und höchst verdichteter Roman Wie hoch die Wasser steigen. Allerdings ist er auch ein Favorit beim Aspekte-Preis, was vielleicht gegen die Shortlist spricht. Aber wer weiß.

Was ist mit den anderen Büchern? Ich kann und will nicht über alle spekulieren, denn mehr ist, ohne sie gelesen zu haben, wohl kaum drin. Aber nach den Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, scheinen mir Franziska Hausers Die Gewitterschwimmerin, Angelika Klüssendorfs Jahre später, Maxim Billers Sechs Koffer, Arno Geigers Unter der Drachenwand und Matthias Senkels Dunkle Zahlen die aussichtsreichsten Kandidaten.

Das sind jetzt ein paar mehr Favoriten, als am Ende auf die Liste passen, aber sei es drum: Ich bin gespannt, ob überhaupt einer meiner Favoriten es auf die Shortlist schafft …

Kategorie Blog, Deutscher Buchpreis 2018, Mischmasch
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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