Jackie Thomae: Brüder

Mick und Gabriel. Zwei Halbbrüder, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben als den Vater und die Hautfarbe. Brüder von Jackie Thomae (Hanser Berlin) erkundet ihre Abgründe und schafft es damit auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreis.

Jackie Thomae: Brüder

Mick und Gabriel scheint wirklich nicht viel zu verbinden. Was geben unsere leiblichen Eltern uns mit, wenn sie kein Teil unseres Lebens sind? Im Falle der beiden ist es Idris, ihr gemeinsamer Vater, der nach den ersten Jahren aus Micks Leben verschwindet und der Gabriels Geburt schon nicht mehr miterleben wird. Zum Studium aus dem Senegal in die DDR gekommen, zieht es ihn nach einer betrunkenen Schlägerei weiter nach Frankreich. Zwei Söhne bleiben in Berlin und Leipzig zurück.

Vorladung, Vorfall an der Grenze, eine deutsche Nase ramponiert und zwei Frauen. Eine mit einem Baby, eine mit der Behauptung einer Schwangerschaft. Hätten sie ihn exmatrikuliert und zurückgeschickt, womöglich noch auf Kosten seines Vaters, es wäre der Super-GAU gewesen. Dann hätte er zu Hause bleiben und Bauer werden können.

Jackie Thomae erzählt das Leben der beiden Halbbrüder in zwei komplett getrennten Teilen. Mick macht den Anfang mit seiner alleinerziehenden Mutter Monika. In seiner Geschichte lernen wir das Schicksal eines Jugendlichen zwischen Ost- und West-Berlin kennen, dann eines unangepassten jungen Erwachsenen, eines planlosen Mannes, der am Ende seinen Weg finden soll. Sein gesamtes Leben hindurch schlittert er von einer Situation in die nächste, Entscheidungen scheint er grundsätzlich nicht zu treffen. Alles fliegt ihm zu, Gutes wie Schlechtes.

Ganz anders Gabriel. Nach dem frühen Verschwinden seines Vaters und dem nicht viel späteren Unfalltod seiner Mutter wächst er beim Großvater auf. Mit geradezu eiserner Disziplin arbeitet er an seinem Traum, Architekt zu werden. So verschlägt es ihn nach London in die eigene Kanzlei. Er führt eine Musterehe, schwimmt im Geld, entwirft Traumgebäude auf der ganzen Welt und kennt die High Society. Doch er ist ausgebrannt, schlingert, bis eine Lappalie ihn komplett aus der Bahn wirft.

Die beiden Hälften von Brüder könnten kaum unterschiedlicher sein. Micks Teil wird chronologisch aus der dritten Person erzählt und mutet darin sehr amerikanisch an. Seine Geschichte ist eine Mischung aus Coming-of-Age- und beinahe Abenteuerroman. Einzelne Episoden erzeugen immer wieder handlungsgetrieben Spannung, um dann in ruhigen Passagen Mick als Charakter weiter zu erkunden. Erweitert wird die Perspektive noch durch einige andere Figuren, die ebenfalls personal erzählt werden, sodass ein plastisches Bild von Micks chaotischem Leben entsteht. Aber auch von einem liebenswerten Mann, der sich selbst einfach nicht finden will und unfähig ist zu lieben.

Gabriels Teil dagegen wird aus der Ich-Persektive erzählt. Er selbst sowie seine Frau Fleur kommen zu Wort, sowie ein paar wenige andere Figuren. Der Teil ist deutlich weniger handlungsgetrieben als Micks, was einen großen Bruch in der Mitte des Romans erzeugt. Fast hätte ich das Buch an diesem Punkt weggelegt, da Fleurs und Gabriels zu Anfang erzählte Liebesgeschichte unfassbar langweilig und beliebig ist. Auch kommt Gabriel darin kaum zu Wort. Doch es lohnt sich, dranzubleiben, denn die Erkundung seines überaus komplexen Charakters ist dann durchaus gelungen. Hier greift Brüder immer wieder auf Rückblenden zurück, um Gabriels Vergangenheit aus einer Gegenwartshandlung heraus zu beschreiben.

Die Hautfarbe der beiden Söhne einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters spielt dabei eine verbindende Rolle. Diese ist allerdings so subtil eingeflochten, dass man kaum von einem bestimmenden Thema sprechen kann. Es geht in Brüder nicht vordergründig um afro-deutsche Indentität, nicht wirklich um Rassismus, Ausgrenzung oder Diskriminierung. All dies steckt im Roman, die jeweiligen Erfahrungen tragen zur Indentitätsbildung der Protagonisten bei, ohne im Vordergrund behandelt zu werden. Brüder schafft es so, ein überaus aktuelles Thema en passant zu behandeln, ohne belehrenden Zeigefinger, ohne künstliche Exkurse.

Brüder schafft es damit, eine leichte und unterhaltende Erzählung mit Tiefgang zu versehen. Erschafft plastische Charaktere, die in Erinnerung bleiben, und erzählt ein Stück deutscher Geschichte. Zwei afro-deutsche Halbbrüder mit ihren ganz eigenen Wegen und Schicksalen. Das Semi-Happy-End hätte es für meinen Geschmack gar nicht gebraucht. Für mich auf jeden Fall ein Kandidat für die Shortlist!

Jackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae

Brüder *

Hanser Berlin

432 Seiten | 23 Euro

Erschienen am 19.8.2019


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Kategorie Blog, Deutscher Buchpreis 2019, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

6 Kommentare

    • Bis auf den zu harten Bruch in der Mitte fand ich ihn wirklich toll, perfekt für den Urlaub, nicht zu leicht, nicht zu schwer! Viele Grüße!

  1. Pingback: Deutscher Buchpreis 2019: Die Longlist – Eine Rezensionsübersicht

  2. letteratura

    Ich habe das Buch gerade beendet und mich (auch) mit dem harten Bruch und irgendwie auch den komplett getrennten Teilen etwas schwer getan. Alles in allem aber ein überzeugender Roman, der so leicht scheint, aber eben doch Tiefe hat. Viele Grüße!

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