Frank Rudkoffsky: Fake

Regretting Motherhood und die Generation Troll finden in Fake von Frank Rudkoffsky (Voland & Quist) zueinander. Der Roman erzählt von Erwartungen, Ansprüchen und tiefer Enttäuschung. So nah am Leben, dass er Angst machen kann.

Frank Rudkoffsky: Fake

Als Max die Bühne betritt, wird alles anders. Max, das ist ein Neugeborener, der so seine Probleme mit seinem jungen Leben hat und sich diese aus dem Leib schreit. Dauerhaft. Und die Bühne, das ist das Leben von Sophia und Jan. Auch wenn Max nicht das von langer Hand geplante Wunschkind ist, freuen sie sich doch gemeinsam auf ihn und ihr Leben zu dritt. Natürlich weiß niemand vorher, was da auf das junge Glück zukommt.

Mit einem Schreikind haben sie definitiv nicht gerechnet, natürlich kennt man ein gewisses Risiko, nimmt es in Kauf, aber hey, das passiert doch eigentlich immer nur anderen Leuten. Wie die meisten schlimmen Dinge eben. Nur dieses Mal nicht. Der Kleine stellt ihr Beziehung auf die ultimative Probe und bringt zutage, was vorher mehr oder weniger unberührt im Untergrund ihrer beider Gemüter schlummern konnte.

Denn natürlich gibt es Probleme zwischen den beiden. Sie sind Mitte/Ende 20 und stehen am Beginn ihrer Karrieren. Sophia schon fortgeschritten als Jungmanagerin bei Daimler, Jan noch ganz am Anfang, zunächst als Volontär bei den Stuttgarter Nachrichten, dann gezwungenermaßen als freier Journalist. Der Erfolgsdruck für ihn ist enorm, er will sich nicht von Sophia aushalten lassen, sich gleichzeitig aber auch nicht unter Wert verkaufen. Ein Teufelskreis.

So rutschen beide an den Rand ihrer eigenen Depressionen. Sophia fühlt sich mit Max eingesperrt und überfordert, misst sich jedoch an dem durch soziale Medien etc. kolportierten Bild der wundervollen Mutterschaft. Jan will beitragen, ist durch seinen beruflichen Fehlstart aber frustriert. Sie brauchen Ventile, und finden sie fatalerweise nicht ineinander, in ihrer Beziehung, sondern außerhalb. Sophia fängt an, in Foren zu trollen, Jan recherchiert im Bereich der neuen Rechten und hilft seiner Karriere etwas zu verzweifelt auf die Sprünge. Der Teufelskreis schaltet in den nächsten Gang.

Frank Rudkoffsky liefert mit Fake einen Roman ab, der ähnlich wie Pixeltänzer von Berit Glanz ganz nah an unserer alltäglichen Realität ansetzt. So nah, dass dies die Geschichte von zwei Bekannten sein könnte. Oder die eigene. Es ist bemerkenswert, welche intensive Emotionalität dieser unmittelbare Bezug zum alltäglichen Leben aller Menschen im Alter von Sophia und Jan herstellt.

Der Schlüssel zu dieser Unmittelbarkeit liegt neben dem überaus gut recherchierten Inhalt auch in der Form. Rudkoffsky erzählt Fake abwechselnd aus der Perspektive von Sophia und Jan, wobei Sophia den bei weitem größeren Anteil hat. Für mich vollkommen gerechtfertigt, ist sie doch die stärkere und gefestigtere Person in der Beziehung, deren Probleme deutlich vielschichtiger und tiefgreifender sind. Wir tauchen in die Gedankenwelten der beiden ein, die unverstellt ihre Zweifel, Ängste, Sebstbetrügereien, ihre Wut und auch ihre Freude über kleine Siege des Alltags berichten. Auch wenn Letztere bis zum Ende einfach zu selten vorkommen.

Nachdem ich den Tisch abgeräumt hatte, setzte ich mich zu Jan aufs Sofa, gerade rechtzeitig für den Showdown bei eBay. Zwölf Minuten vor Schluss stand meine Auktion bei etwas über hundert Euro. Einundfünzig Beobachter, neunzehn Gebote und eine sichere Verliererin. Meine Spiegelreflexkamera wegzugeben hätte ich mir vor anderthalb Jahren niemals vorstellen können. Sie war das Erste gewesen, das ich mir für den Traum einer Weltreise gekauft hatte. Nun würde ihr jemand anderes die große, weite Welt zeigen müssen. Oder seine Katzen. Aber Jans Kamera war besser als meine, und zwei waren eine zu viel. Es war vernünftig. Erwachsen. Zum Kotzen.

Gepaart wird das Ganze noch mit einer gut durchdachten Dramaturgie. Fake schafft es, trotz seiner existenziellen Düsternis und der großen Hoffnungslosigkeit, die seinen Kern bilden, ein veritabler kleiner Pageturner zu werden. Wie die voreinander wohlbehüteten Geheimnisse der beiden langsam, aber unaufhaltsam ineinander fließen, ist wahnsinnig fesselnd.

Fake ist ein ebenso packender wie erschütternder Roman über die Effekte, die ein Kind auf das Leben eines Paars haben kann. Kann, da vieles darauf hindeutet, dass Max nicht in eine gesunde Beziehung kommt, sondern in eine von Ungleichgewichten geprägte Partnerschaft. Dieser verdrängte Groll schlägt sich mit voller Wucht auf das Paar nieder. Ein starkes Buch, das nachdenklich macht, ohne sich thematisch anzubiedern.

Frank Rudkoffsky: Fake

Frank Rudkoffsky

Fake

Voland & Quist

240 Seiten | 20 Euro

Erschienen im September 2019

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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