Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt

Sechs Jahre sind seit Stefanie de Velascos Debütroman Tigermilch (KiWi) vergangen, mit dem mich mehr als nur eine großartige Lektüre verbindet. Im Oktober erschien nun ihr zweites Buch Kein Teil der Welt (KiWi), in dem die Autorin einen eindrucksvollen Einblick in die Welt der Zeugen Jehovas eröffnet und gleichzeitig ein Stück Nachwendezeit erzählt.

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt

Während meines Germanistik-Studiums habe ich überwiegend Kurse zu Goethe, Schiller oder – wenn es etwas zeitgemäßer sein durfte – Alfred Döblin besucht. Als ich dann ein Thema für meine Bachelorarbeit wählen musste, war mir klar, dass ich zum einen endlich mal über Autorinnen und zum anderen auch über Gegenwartsliteratur schreiben will. Adoleszenzliteratur sollte das Überthema sein, durchexerziert am Vergleich von Helene Hegemanns Axolotl Roadkill und Stefanie de Velascos Tigermilch. Die Note war so mittelgut, aber mein Interesse an deutscher Gegenwartsliteratur seit diesem Zeitpunkt im Jahr 2014 endlich geweckt.

Immer mal wieder habe ich seitdem geschaut, ob es ein neues Buch von Stefanie de Velasco gibt bzw. was die Autorin gerade so macht. Gefunden habe ich nicht viel, sie wird wohl geschrieben haben. Umso glücklicher war ich, als ich in der vergangenen Herbstvorschau des KiWi-Verlags ihren neuen Roman Kein Teil der Welt entdeckte. Mit knapp 450 Seiten für meine Verhältnisse ein doch eher dickes Buch, aber die Geschichte von Esther und Sulamith liest sich so packend, dass ich das dicke Ding in kürzester Zeit verschlungen habe.

Zum Inhalt: Esther und Sulamith sind beste Freundinnen, die als Zeugen Jehovas aufwachsen. Esther wurde dort hineingeboren, ist mit Predigtdienst, Königreichssaal und Sommerkongressen groß geworden. Sulamith ebenfalls, nur dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter als Geflüchtete aus Rumänien nach Westdeutschland kam und direkt im Anschluss von den Zeugen Jehovas – in Gestalt von Esthers Mutter – »abgefangen« und missioniert wurde. Fortan versuchte Sulamiths Mutter, ein besonders korrektes und höriges Mitglied der Glaubensgemeinschaft zu sein.

Esther und Sulamith wachsen also gemeinsam in der »Wahrheit« auf, wie die Zeugen Jehovas ihre Lebensrealität nennen. Die Ungläubigen hingegen befinden sich in der »Welt«. Wenn dann Harmagedon – die endzeitliche Entscheidungsschlacht – eintritt, werden die Menschen aus der Welt gerichtet, während sie selbst im tausendjährigen Reich Gottes bzw. Jehovas weiterleben dürften. Harmagedon stellt den Mittelpunkt der Glaubenslehre der Zeugen Jehovas dar und jegliche – fromme und angepasste – Handlung im Alltag ist darauf ausgerichtet.

Wir ließen uns und unser ganzes Leben von Harmagedon beherrschen. Das richtige Leben würde erst danach beginnen, und so lange galt es auszuharren. Alles, was wir taten, alles, was wir dachten, floss wie in der Schule in eine Art Endnote, in die Bewertung unseres Lebens ein und entschied darüber, ob wir es wert waren, im Paradies zu leben oder nicht.

Aber natürlich kommen Esther und Sulamith auch mit den Menschen aus der Welt in Kontakt. Sie gehen auf eine reguläre Schule und haben einige wenige Freund*innen da draußen. So weit, so gut. Bis die Pubertät sich langsam anschleicht, Sulamith sich in einen Jungen aus der Welt verliebt und beginnt, ihren Glauben kritisch zu hinterfragen. Sulamith steigt schließlich aus – ein Skandal und Drama für alle Beteiligten.

Doch diese Zeit liegt hinter Esther und wird durch Rückblicke des Mädchens erzählt. Mittlerweile ist sie mit ihren Eltern – wir befinden uns zeitlich kurz nach der Wende – nach Ostdeutschland in den Herkunftsort des Vaters gezogen. Hier gibt es Menschen, die sich plötzlich in einem neuen Land befinden, die sich von dem System, das sie bisher kannten, verlassen fühlen, entwurzelt sind. Wo böte es sich besser an, den Predigtdienst zu vollziehen und Umherirrende für den eigenen Glauben zu begeistern?

Das klappt soweit auch ganz gut, nur Esther kann mit ihrem alten Leben und Sulamith nicht abschließen. Sie beginnt, die Geschehnisse zu rekonstruieren, findet eine skurrile neue Freundin, deckt Familiengeheimnisse auf und beginnt selbst, an der Glaubensgemeinschaft und ihren anerzogenen Werten zu zweifeln.

Hui, ein Thema, das es in sich hat und über das ich bisher auch noch keinen Roman gelesen habe. Für mich war es wahnsinnig spannend, diese Innenansicht der Zeugen Jehovas zu bekommen. Das Schöne ist, dass Stefanie de Velasco niemals urteilt oder verurteilt, sondern uns als Beobachter*innen an den Praktiken der Glaubensgemeinschaft teilhaben lässt. Ganz nebenbei zeigt sie auf, wie es in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer direkt nach der Wende aussah. Die Tristesse und der Verdruss der Menschen, deren Geburtsland nicht mehr existiert, werden in de Velascos Sätzen erlebbar.

Wie in Tigermilch geht es auch in Kein Teil der Welt um eine Mädchenfreundschaft, die vielleicht auch mehr sein kann – das bleibt offen. Doch im Vergleich zum Debüt wirkt dieser zweite Roman reifer, persönlicher und durchdachter. Das zweite Buch ist ja meist das schwierigste, aber mit Kein Teil der Welt hat Stefanie de Velasco ein thematisch auf mehreren Ebenen bedeutendes, sprachlich ausgereiftes und zudem äußerst spannungsgeladenes Buch geschrieben.

Stefanie de Velasco

Kein Teil der Welt

Kiepenheuer & Witsch

432 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 10.10.2019

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

2 Kommentare

    • Da hast du recht, liebe Constanze. Für mich war dieser Roman die erste ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Thema und Anstoß, noch weiter zu recherchieren. Ein super Buch, das jetzt schon zu meinen diesjährigen Highlights gehört. Viele Grüße!

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