[class] 5 Fragen an Lucy Fricke, Paula Fürstenberg und Aurélie Maurin

Nach dem ersten »Let’s talk about class«-Abend vor einigen Wochen haben wir den Gästinnen Lucy Fricke, Paula Fürstenberg und Aurélie Maurin fünf Fragen zu Klasse und Herkunft gestellt.

Lucy Fricke

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Persönlich spreche ich lieber über Herkunft. Das Problem mit dem Begriff „Klasse“ ist seine Verallgemeinerung. Er nimmt eine arg grobe Sortierung vor, die für die Debatte hinderlich ist. Es ist möglich die Klasse zu wechseln, es ist möglich aufzusteigen, doch wird man nie ganz und gar ankommen. Im Inneren bleibt man fremd.  

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Sie steckt mir in den Knochen, sie hat mich einerseits abgehärtet und anderseits sehr dankbar gemacht für das Leben, das ich jetzt führen kann.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Am Ende aller Überlegungen: Nein. 

Warum setzt du dich mit dem Thema auseinander?
Weil es ein Teil von mir ist, mit dem ich lange gehadert habe. Noch viel mehr aber, weil es ein wichtiges, gesellschaftliches Thema ist, das liebend gern verdrängt wird. 

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Alle Bücher von Annie Ernaux und aktuell Serpentinen von Bov Bjerg.


Paula Fürstenberg

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Den Klassenbegriff aufzurufen, bedeutet für mich in erster Linie, das Leistungsprinzip der kapitalistischen Gesellschaft zu hinterfragen, das versucht uns glauben zu machen, wir müssen uns nur genug anstrengen, dann wird das schon. Aber irgendwann werden wir dreißig und merken: Wir können uns anstrengen wie wir wollen, was wir erreichen, hat viel damit zu tun, woher wir kommen. In den gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen bedeutet er auch, die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen und deren Entkoppelung vom Leistungsprinzip in den Blick zu nehmen.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Meine soziale Herkunft weist einige Uneindeutigkeiten auf: Gehöre ich als Enkeltochter von Schriftenmalern und Tochter einer studierten Grafikerin und eines Schmieds nun zu den Arbeiterkindern oder zu den Arztsöhnen? Bin ich als 1987 Geborene noch Ostdeutsche oder als in der wiedervereinten Bundesrepublik Aufgewachsene eher Westdeutsche?
In jedem Fall bin ich ostdeutsch sozialisiert aufgewachsen, und das hat mich geprägt. Zuhause gab es beispielsweise den Glaubenssatz „In unserer Familie bereichert man sich nicht.“ Als Abgrenzung zum „Raubtierkapitalismus“ transportiert er eine im Sozialismus entstandene Überzeugung (Stichwort Klassenfeind) in die neue Gesellschaftsordnung, überträgt etwas ins Heute und auf mich, auf die nächste Generation. Dabei entsteht eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Geld verdienen, während gleichzeitig die wirtschaftlich vergleichsweise schlechte Lage aller Ostdeutschen beklagt wird. Dann gehörst du dazu, wenn du prekär lebst, und du stehst unter Raubtierverdacht, wenn du gut verdienst. Ein Glück verdiene ich ja als Autorin nicht so viel.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Bloß nicht. Ich hänge an meinem Fatalismus.

Warum setzt du dich mit dem Thema auseinander?
Die Auseinandersetzung mit Klassenfragen hat bei mir schleichend und erst Mitte zwanzig begonnen. Obwohl es sie schon gab, hatte ich die gläsernen Decken bis dahin kaum gespürt, ich hatte – Baföghöchstsatz sei Dank – studieren und ins Ausland gehen können. Als dann ein Lebensabschnitt anbrach, in dem es eigenes Geld zu verdienen galt, wurden die Unterschiede innerhalb meiner Generation zunehmend sichtbar. Plötzlich hatten erstaunlich viele migrantische und Arbeiterkinder ihr Studium abgebrochen, während der Abschluss anderen zu Stellen verholfen hat, mit denen sie problemlos Wohnungen mieten konnten. Plötzlich standen viele Männer beruflich besser da als Frauen. Plötzlich wurde klar, wer mit einer (häufig westdeutschen) Erbschaft rechnen kann und wer nicht. Wie sehr die Startbedingungen unseren Weg beeinflussen, zeigt sich eben erst am Etappenziel.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?Universum von Sophie Hunger, insbesondere die 2. Strophe, die in der Frage der Fragen mündet: Hat irgendjemand jemals was verdient?


Aurélie Maurin

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Die Klasse, das sind die anderen.
Ennemi de classe! Klassenfeind war schon im Sandkasten die schlimmste Beschimpfung. Mit dem Begriff hatte ich zwar von klein auf zu tun, aber er war dann wie ein Boomerang, der immer zurückkommt, sich aber nie fangen lässt. Als „transfuge“ (komisch, dass ich auf kein geläufiges deutsches Wort dafür komme: Klassenwechsler, Klassenflüchtling, Klassenspringer, Klassenverräter?) Als „transfuge“ sitze ich jedenfalls immer noch zwischen zwei Klassenstühlen: Nicht in einer neuen Klasse ankommen können/wollen, und zur alten Klasse nicht zurück können/wollen. Gruß an Ringelnatz: „Sie haben mich nicht nur nicht eingeladen, ich habe auch abgesagt.“

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
In diesem Post-Eribon-Zeitalter sind wir alle Herkunftsprofis geworden, seine schwierige Kindheit stellt man wie eine Trophäe in die Vitrine… Bei mir ist die Prägung durch die verlorene Herkunft ganz klar, abgeklärt aber nicht  – ein chronischer Phantomschmerz. Marie N’Diaye beschreibt in „Rosie Carpe“, wie eine Banlieusarde erst in Kontakt mit den Parisern ein merkwürdiges gelbes Licht ausstrahlt… eine virtuelle Gelbweste! Dieses Gelblicht strahlt umso stärker, je mehr man sich von der Herkunft entfernt hat… Es ist, als erreiche man eine obere Etage über lange, lange Treppen und entdeckt erst im Nachhinein, dass es für andere einen Lift gab… Klassenjetlag.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Interessante Frage, die ich mir nie gestellt habe… und nicht stellen kann, zu weit weg. Leichter zu beantworten wäre, in welchem Jahrhundert ich lieber geboren wäre oder als welches Tier.

Warum setzt du dich mit dem Thema auseinander?
Warum setzt sich Deutschland so wenig damit auseinander?

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?

Bücher:
– Alles von Pierre Michon, Marie N’Diaye
– Klasse und Differenz, Edmont Goblot, Univ.-Verl. Konstanz,
– Wohin mit den Mittelklassen, Nathalie Quintane, Matthes und Seitz, toll übersetzt von Claudia Hamm

Filme:
– Alle filme von Ken Loach und den Brüdern Dardenne
– Burning, Lee Chang-Dong
– Snowpiercer, Bong Joon Ho
– La cérémonie, Chabrol
– L’amour existe, Maurice Pialat
– Neighbouring Sounds, Kleber Mendonça Filho
– Der Sommer mit Mamã, Anna Muylaert
– Sabrina, Billy Wilder
– Ma Loute, Bruno Dumont
– Un amour impossible, Catherine Corsini
– Match Point, Woody Allen
– Mon beau soleil intérieur, Claire Denis
– Ce vieux rêve qui bouge, Alain Guiraudie

Playlist:
– Brassens: les philistins, la ballade des gens qui sont nés quelque part
– Brel: fils de…, les bourgeois
– Brigitte Fontaine: c’est normal
– Zebda: le bruit et l’odeur, motivés
– Suprême NTM: qu’est ce qu’on attend
– Voilaaa: faut pas

Kategorie Blog, class
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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