Kurz angerissen // Bockhorst, Riedel, Roupenian

Manchmal lesen wir Bücher, zu denen uns einfach nicht genug einfällt für eine lange, ausführliche Rezension – was per se nichts Schlechtes bedeuten muss. Deshalb befüllen wir ab sofort unsere neue Kategorie »Kurz angerissen« mit knappen Besprechungen. Den Anfang machen Bücher von Helene Bockhorst, Alexandra Riedel und Kristen Roupenian.

Helene Bockhorst: Die beste Depression der Welt

Helene Bockhorst: Die beste Depression der Welt | Cover

Als ich Helene Bockhorsts Debüt Die beste Depression der Welt letzten Monat von der Post abholte, war ich mir zunächst nicht sicher, ob es sich hierbei um Sachbuch oder Roman handelt. Das Cover sieht doch sehr sachbuchig aus, tatsächlich hat Bockhorst hier aber einen Roman über die Protagonistin Vera geschrieben, die wiederum an einem Ratgeber zum Thema Depressionen arbeitet. Die anfängliche Verwirrung ob des Genres ist also gewollt. Vera hat einen Blogbeitrag über ihre Depressionen geschrieben, der plötzlich viral ging, woraufhin sie von einem Verlag gefragt wurde, ob sie nicht Lust hätte, den besagten Ratgeber zu schreiben. Vera hatte grundsätzlich Lust, der Vorschuss kam ihr auch gelegen, nur schreibt sich ein Buch nicht so leicht, wenn man mit Depressionen kämpft. So begleiten wir Vera, wie sie ihre Zeit effektiv nutzen will und doch nicht kann. Wie sie versucht, mit Lachyoga und einer Japan-Reise ihrer Depression etwas entgegenzusetzen.
Das alles wird – Helene Bockhorst ist auch Stand-up-Comedienne – von einem Stil begleitet, der auf Witz und Pointen ausgelegt ist. Mir war das stellenweise zu albern, zu gewollt lustig. Ich war oft kurz davor, diesen Roman abzubrechen, aber der Vergangenheitsstrang in der Story hielt mich davon ab. Das sind Passagen, in denen Vera auf ihr Aufwachsen mit überforderten Eltern und einer Zwillingsschwester, die geistig eingeschränkt ist, zurückblickt. Diese Stellen fand ich stark, sprachlich on point und berührend. Alles in allem eine eingeschränkte Empfehlung: Kann man lesen, muss man aber nicht. [j]

Helene Bockhorst: Die beste Depression der Welt | Ullstein | 320 Seiten | 20 Euro

Alexandra Riedel: Sonne Mond Zinn

Riedel: Sonne Mond Zinn

Familie ist was Wunderbares! Oder nicht? In ihrem Debütroman Sonne Mond Zinn erforscht Alexandra Riedel in fantasievollen Schwüngen die Abgründe einer komplizierten Familie. Ausgerechnet bei der Beerdigung des Großvaters, der der Enkel hier beiwohnt. Besonderheit: Seine Mutter ist ein uneheliches Kind des Verstorbenen, von der zwar alle wussten, die zeitlebens aber totgeschwiegen wurde. Nicht unüblich für die 1950er- oder 1960er-Jahre, in denen die Mutter wohl geboren wurde. Auf der Beerdigung gibt es nun den ersten wirklichen Kontakt zwischen dem Enkel und der Familie der Mutter.
Aus der Ich-Perspektive berichtet er von der Beerdigung. Selbst bleibt er dabei allerdings vollkommen blass, wir erfahren praktisch nichts über ihn, keine Geschichte, keine Gedanken, keine Gefühle. Allein Phantasien binden sich in den Plot ein und lassen diesen immer weiter von der tristen bis kalten Beerdigung abgleiten. Für mich hat sich diese Art des Erzählens einfach nicht erschlossen, ich wusste bis zum Ende nicht, was der Erzähler bzw. das Buch mir sagen will. Denn es gibt kein Geheimnis, keine Leichen im Keller, keine Abgründe. Nur eine eigenartige Familie, die ein uneheliches Kind nicht aufgenommen hat. Das mag für sich tragisch sein, im minimalistisch-phantastischen Gewand von Sonne Mond Zinn hat es mich aber nicht berührt. [s]

Alexandra Riedel: Sonne Mond Zinn | Verbrecher Verlag | 112 Seiten | 19 Euro

Kristen Roupenian: Cat Person

Kristen Roupenian: Cat Person | Cover

Ende 2017 erschien eine Kurzgeschichte namens »Cat Person« von Kristen Roupenian im New Yorker – und ging viral. Das literarische Stück wurde in den USA gefeiert und avancierte zu einem Symboltext der #metoo-Bewegung. Anfang 2019 erschien Roupenians gleichnamiger Erzählband in deutscher Übersetzung. Dieser versammelt zwölf Kurzgeschichten, die von Machtverhältnissen – vor allem zwischen Männern und Frauen –, Sex, Gewalt und menschlichen Abgründen berichten. Dabei rutschen sie immer wieder ins Absurde ab, bedienen sich abgedrehter Sprachbilder und schockieren von Geschichte zu Geschichte auf verschiedenste Art und Weise. Ich habe die Storys am Stück gelesen, kann ich aber nicht unbedingt empfehlen – bei mir setzte nach den ersten fünf Geschichten eine Art Abstumpfung ein ob der krassen Situationen, die Roupenian da schildert. Tatsächlich mochte ich die titelgebende Erzählung »Cat Person« am liebsten, sie war für mich am stimmigsten. Teilweise haben mich die Storys an jene von Miranda July erinnert, obwohl ich Letztere noch einen Ticken lieber mochte. Aber so oder so: Cat Person lohnt sich, für sanfte Gemüter allerdings nur in kleinen Dosen zu empfehlen. [j]

Kristen Roupenian: Cat Person | Aus dem Englischen von Nella Beljan und Friederike Schilbach | Blumenbar | 288 Seiten | 20 Euro

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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