Dominik Barta: Vom Land

In einem idyllischen Dorf in Oberösterreich trifft sich die große Welt im Kleinen. Dominik Barta nimmt die heile Welt in seinem Debütroman Vom Land (Zsolnay) maßgerecht auseinander, und zwar mit einer guten Portion Wut und Liebe.

Barta: Vom Land

Es gibt eine Tendenz zum Mikrokosmos. Das Geschehen der großen weiten Welt im Brennglas eines klitzekleinen Fleckens zu zeigen, ist effektvoll und natürlich deutlich plausibler als zu versuchen, die ganze Welt darzustellen. Nichts Außergewöhnliches also, immer gern genommen in der literarischen Welt. Und wenn es gut gemacht ist, ist ein solcher literarischer Mikrokosmos einfach Gold wert.

Dominik Barta stürzt sich mit seinem Debütroman Vom Land ins Fahrwasser dieser Strömung und landet in qualitätsgesicherten Gewässern. Um es weniger wässrig zu sagen: Sein Mikrokosmos zieht, das kleine oberösterreichische Dorf Pielitz und die Familie Weichselbaum zeigen, was Mitteleuropa (in Präcoronazeiten) bewegt. Chronisch unter- wie überforderte Geflüchtete, geschundene Bauern, unglückliche Ehefrauen, gelangweilte Ehemänner, dörfliche Kleinkriege, eine unfähige Polizeitruppe, die (nicht so genannte identitäre) Bewegung sowie massenhaft unausgesprochener Groll aus hunderten Jahren treiben hier ihr Unwesen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Situation so unerträglich, dass ich am liebsten sofort aufgebrochen wäre. Meine verfluchte Familie hatte in all den Jahren keine Umgangsformen ausgebildet, ein zivilisiertes Gespräch zu führen. Selbst die Krankheit unserer Mutter hatte keinen vereinigenden Effekt, sondern trieb die Bruchlinien nur stärker auseinander.
Es kam noch schlimmer.

Im Zitat erzählt ein Sohn der Weichselbaum-Familie, der einzige, der weggegangen ist aus Pielitz. Als Homosexueller hatte er es nie leicht im Dorf, hat es gerade so ausgehalten, bis er volljährig war und weg konnte, nach Wien, in die Sicherheit der Großstadt. Wo sich jeder weitestgehend um die eigenen Probleme schert. Für ihn also kein Wunder, dass es in der Familie kracht. Denn auch er hat noch nie wirklich mit seinen Eltern über seine Homosexualität und die Erlebnisse damit gesprochen.

Doch seine Perspektive ist nur eine von vielen, die Vom Land verwandelt. Allerdings die einzige, die aus der Ich-Perspektive erzählt wird. Sonst herrscht die dritte Person vor, die sich nur sehr zaghaft an die Figuren annähert. Meist bleibt die Erzählstimme auf Distanz, nur gelegentlich schleicht sie sich an, um die Lesenden an den Gedanken, Hoffnungen und Ängsten der Personen teilhaben zu lassen. Diese Technik verlangsamt den Lesefluss. Dadurch wird der Roman intensiver, die verschiedenen Perspektiven sind nie sehr weit voneinander entfernt, und doch verleihen sie dem Geschehen sehr verschiedene Facetten.

Dabei ist die Sympathie des Erzählers klar verteilt, trotzdem kommt niemand komplett schlecht weg in diesem Buch. Nicht der alte Bauer und Familienvater Erwin Weichselbaum, der seine Frau Theresa einfach nicht verstehen kann. Und auch nicht der älteste Sohn Max, der beruflich überaus erfolgreich ist, ansonsten aber wenig in seinem Leben hat und sich in blindem Fremdenhass aufreibt. Hier wird nichts entschuldigt, doch ein Blick in die Hintergründe seines ungestümen Hasses ist möglich.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Daniel, der Enkel Erwins und Sohn von Rosalie, der einzigen Tochter. Er freundet sich mit Toti an, der vor Jahren aus Syrien geflüchtet ist und seitdem in Pielitz herumdümpelt. Die rührige kleine Geschichte der beiden bildet gewissermaßen das heimelig warme Zentrum von Vom Land. Die schüchterne Annäherung der beiden, die zugegeben stellenweise etwas zotigen Culture-Clash-Momente, ihr kleines Abenteuer: Hier ist das Dorf noch in Ordnung.

Natürlich sind die reinen Herzen der Jugend eine Plattitüde, und doch trägt dieses Moment der Hoffnung hier sehr gut. Vor allem, da sie sich mit der aufrichtigen Zuneigung Erwins zu Toti trifft, der ihn wie einen Sohn aufnimmt und ihm gar seinen Hof vermachen will. Das mag alles ein wenig kitschig klingen, für mich funktioniert es aber in Kombination mit den Abgründen der (identitären) Bewegung und der Vorurteile der anderen Dorfbewohner absolut.

Vom Land ist ein bemerkenswert ruhiges und ausgeglichenes Debüt, das den Mikrokosmos Dorf aus vielen Perspektiven beleuchtet und rechte Abgründe mit junger Hoffnung kontrastiert. Ein Blick in die Seele der österreichischen Peripherie, auf das Land fernab vom Zentrum, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, während die Identitären im Wirtshaus tagen. Die politische Bühne mag hier sehr weit weg sein, doch alle Aspekte des Geschehens sind da.

Dominik Barta

Vom Land

Zsolnay

176 Seiten | 18 Euro

Erschienen am 27.1.2020

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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