[class] 5 Fragen an Anke Stelling, Marlen Hobrack und Jacinta Nandi

»Let’s talk about class« geht in ein neues Jahr und wir dürfen wieder mit dabei sein, was uns sehr freut. Am 15. April findet die sechste Ausgabe der Diskussionsreihe über Wege aus dem Klassenkrampf im Berliner ACUD statt. Natürlich im Livestream und mit Motto: Es wird speziell um das Rollenbild »Hausfrau und Mutter« gehen. Zu Gast sind Anke Stelling, Marlen Hobrack und Jacinta Nandi. Wir haben ihnen vorab fünf Fragen gestellt.


Anke Stelling

Anke Stelling
© Havanna Skriva

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Anfangs habe ich den Begriff eher scherzhaft verwendet, und dann hab ich gemerkt, dass er ein Tabubegriff ist. Wer viel mit Kindern zusammen ist, lernt Kraft und Reiz von Tabubegriffen gut kennen, und genau wie ein Kind hat mich dann irgendwann aber auch interessiert, warum »Klasse« überhaupt einer ist. Da taten sich Abgründe auf, soziologischer, historischer, politologischer und ideologischer Art. Und Abgründe sind wiederum klasse für Geschichten, und weil ich Schriftstellerin bin, bin ich ja immer auf der Suche nach Geschichten, die ich erzählen kann.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Ich komme ganz gut damit zurecht, weil ich meine Eltern liebe und auch immer besser verstehe, je länger ich über sie nachdenke. Und je älter ich werde und deshalb plötzlich Erfahrungen mit ihnen teile. Vielleicht ist aber auch das schon eine meiner herkunftsbedingten Prägungen: durch Liebe zu den Menschen und Neugier darauf, wie sie ticken, auch Grausamkeit und Unrecht ertragen zu können – statt daran zugrundezugehen oder mal richtig dagegen aufzubegehren.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
In echt nicht. Und zum Spaß hab ich ja diese Arbeit, mit der ich alles sein kann und überall hinkomme.

Inwiefern hängen Care-Arbeit und Klassismus für dich zusammen?
Genau wie Care-Arbeit und Sexismus oder Care-Arbeit und Rassismus. Einfach mal schauen, wer sie macht und welche Merkmale die Person aufweist. Und dann auch schauen, wer sie delegiert. Die Person sollte natürlich auch nach ihren Merkmalen untersucht werden. Ooops!

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Elizabeth Strout, Die Unvollkommenheit der Liebe
The Kinks, (Wish I Could Fly Like) Superman
Nicole Holofcener, Please Give

Anke Stelling erhielt 2019 für ihren Roman Schäfchen im Trockenen den Preis der Leipziger Buchmesse. Zuletzt erschienen gesammelte Erzählungen unter dem Titel Grundlagenforschung.


Marlen Hobrack

Marlen Hobrack
© privat

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
»Klasse« ist auf anayltischer / deskriptiver Ebene ein enorm nützlicher Begriff, der hilft, Dinge sichtbar zu machen. Mir fällt auf, dass ausgeprägte Klassengesellschaften allein den Begriff »Klasse« tabuisieren – was beweist, wie wirkmächtig er ist.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Meine Herkunft hat mir gezeigt, dass viele Vorannahmen, die in bürgerlichen Kreisen gepflegt werden, in Politik, Wirtschaft, Schule usw. unreflektiert zum Maßstab des allgemeinen Handelns und der Erwartungen an Individuen werden. Was in bürgerlichen Kreisen als normal, Standard (oder »gutes Leben«) gilt, ist es in anderen Klassen womöglich nicht. 
Meine Herkunft hat mir auch gezeigt, dass das Aufsteigen in andere Klassen / Schichten, nicht unbedingt nur positiv betrachtet wird.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Eigentlich nicht. Dann wäre ich wohl nicht die, die ich bin.

Inwiefern hängen Care-Arbeit und Klassismus für dich zusammen?
Typischerweise sind es Frauen aus ärmeren Schichten, die Care-Arbeit zwar entgeltlich, aber eben zu einem geringem Lohn übernehmen. Die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wird in bürgerlichen Kreisen häufig verschoben, in Richtung der Frauen aus ärmeren Schichten, die Sorgearbeit leisten. Allerdings könnte man darin auch nicht nur Nachteile sehen. Auch hier werden Abhängigkeitsbeziehungen geknüpft, die nicht nur in eine Richtung wirken. Was wäre Deutschland ohne osteuropäische Pflegekräfte?

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Ich möchte tatsächlich Pierre Bourdieus Klassiker Die feinen Unterschiede empfehlen. Immer noch ein gutes Standardwerk, was habituelle Unterschiede anbelangt. Überhaupt die Franzosen wie Annie Ernaux und Édouard Louis. Aus soziologischer Sicht sehr spannend, zugleich unterhaltsam: Kate Fox’ Watching the English – The Hidden Rules of English Behaviour.

Marlen Hobrack verweigerte drei Jahre lang den Schulbesuch und bekam mit 19 ein Kind. Später arbeitete sie für eine Unternehmensberatung, bis sie ihren Job schmiss, um das zu tun, was sie liebt: schreiben. Unter anderem für die Zeit, die Welt, die Taz, den Freitag.


Jacinta Nandi

Jacinta Nandi
© Flux FM

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
»Klasse« heißt nicht nur soziale Klasse, oder? Das heißt auch »Sorte« und so. Tiere sind in Klassen eingeteilt, oder? Ich nerve die Deutschen immer, weil ich noch mehr als sie in Stereotypen denke und sie noch dazu als »anders« anblicke. Durch mich fühlen sie ein bisschen, wie das ist, geothered zu werden, und das halten sie schlecht aus.
Ich finde es lustig, dass in beiden Sprachen, die ich spreche, das Wort »Klasse« als Adjektiv für »sehr gut« benutzt werden kann. Auf Englisch ist es noch slangiger als auf Deutsch: »That’s class, that is.« 

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Ich denke immer, dass ich lüge und dass ich gar nicht zur Arbeiterklasse gehöre – und dann merke ich manchmal, dass ich es doch tue. Neulich, im britischen Twitter, haben sie gesagt, dass Gammon, so ein feiner Schinken, den wir nur ein- oder zweimal im Jahr am Sonntag hatten, doch Arbeiterklasse sei. Obwohl ich kein Snob sein möchte, ist es mir immer peinlich, wenn das, was ich als fein oder posh betrachte, sich als Arbeiterklasse entpuppt. 
Ich bin groß geworden mit zwei Menschen, die sich eigentlich aus der Arbeiterklasse befreit hatten, aber wegen ihrer Loyalität zur Arbeiterklasse und zum Sozialismus, merkten sie es offenbar nicht. Meine Mama sagte immer: »She’s so middle-class, she’s ever so middle-class«, und das war eine Beleidigung, die eigentlich keine Beleidigung war, und ein Kompliment, das definitiv kein Kompliment war. 
Ich bin ihnen sehr dankbar dafür, dass sie mir beigebracht haben, Empathie zu haben. Meine Eltern sind, wie ich, nicht nie Snobs – alle Menschen sind manchmal snobistisch, auch meine Mama –, aber ich habe von ihr so viel Empathie gelernt, dass es mir schwerfällt, sehr snobistisch zu sein. 

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
In einer Villa und so, oder? Mit Steinlöwen vorne? 
Ein Typ aus unserer Gegend hatte im Lotto gewonnen. Er zog dann in ein poshes Dorf und machte aus dem Garten eine Auto-Rennstrecke. Seine Kumpels kamen und rasten mit ihren Autos in dem Garten herum. Die Nachbarn riefen dauernd die Polizei, und nach zwei Jahren war sein Geld aufgebraucht. Ich mag solche Leute und solche Geschichten, und ich finde die Frage irgendwie ein bisschen doof und unmöglich zu beantworten. Ich denke, man will, dass ich nein sage, aber ich will ja sagen, aber ich vermute, dass die Antwort nein ist. 

Inwiefern hängen Care-Arbeit und Klassismus für dich zusammen?
Ich denke an Jade Goody, sie war ein Reality-TV-Star und ist mit 29 Jahren gestorben. Sie machte eine Karriere daraus, ihre Ignoranz als Unterhaltung zu verkaufen. Aber ihre Mutter war behindert, und sie hatte deshalb so viel von der Schule verpasst, weil sie ihre Mutter pflegen musste. Dann war sie gezwungen, diesen Bildungsmangel als lustig und süß zu verkaufen, und das hat sie sehr gut gemacht. 
Man sagt über Corona: wir sitzen alle im selben Boot – aber das stimmt einfach nicht, manche sitzen in Yachten, die sie nicht selbst steuern müssen, und manche auf Surfbrettern!
Wer Geld hat, kann seine Care-Arbeit outsourcen und niemandem davon erzählen. Manchmal ist den Menschen selbst nicht klar, dass sie das tun. Ich habe einen Kumpel, der mir mal gesagt hat, dass er immer alles frisch kocht – dass er das leichter findet, als Dosen zu benutzen. Habe mich gewundert über die Aussage, dann war ich mal bei ihm zu Besuch, die Putzfrau ging, dann kam das Kindermädchen mit den Kindern nach Hause, und er fing an zu kochen. 

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Guck alles von Ken Loach und höre Common People von Pulp – und lies mein Buch natürlich, lol.

Jacinta Nandi kommt aus Ostlondon und bloggt, schreibt und podcastet in Berlin. Sie versucht, ihre zwei Söhne feministisch zu erziehen, will Deutschland retten und die Welt ändern. Ende 2020 erschien ihr Buch Die schlechteste Hausfrau der Welt.


Let’s talk about class #6

Am 15. April sind Anke Stelling, Marlen Hobrack und Jacinta Nandi zu Gast im ACUD. Sie sprechen mit Daniela Dröscher und Michael Ebmeyer über Selbstwahrnehmung und Fremdbestimmung, über Geschlechterklischees und Armutsfallen, über goldene Käfige und gläserne Decken.

Teil von Let’s talk about class #6 wird auch dieses Video sein – mit Musik von Aurélie Maurin zu Fotos von David Wagner:

Kategorie Blog, class
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

Kommentar verfassen