Joshua Groß: Entkommen

Weben am jungen Mythos: Joshua Groß knüpft mit Kurzprosa und kleinen Essays in Entkommen an seine letzten Titel an und beweist noch einmal sein großes Erzähltalent.

Joshua Groß: Entkommen

Ich kann es nicht anders sagen: Ich war erstmal beleidigt, als ich erkannt habe, dass Entkommen Kurzprosa und Essays von Joshua Groß versammelt. Fast durchweg schon erschienene Texte, nichts Neues. Das schreit für mich immer nach schneller Zweitverwertung, solange das Eisen noch heiß ist. Nach Quantität vor Qualität, schnell raus damit. Nach seinem großartigen Roman Flexen in Miami und der bemerkenswerten Novelle FLAUSCHkontraste zuvor ist das bei Joshua Groß in jedem Fall gegeben.

Natürlich habe ich mich dabei auch über mich selbst geärgert, denn ich habe mir das Buch ja selbst bestellt und es wurde als genau das beworben, was es ist. Dass mir die Geduld fehlt, immer gleiche Vorschautexte wirklich zu lesen, ist natürlich mein Fehler. Aber wie auch immer: Am Ende bin ich unglaublich froh darüber, dass ich den Vorschautext nicht gelesen und Entkommen bestellt habe.

Denn der ziemlich textgewaltige Band zeigt einen Erzähler mit unglaublichem Potenzial. Vor allem die Prosatexte in Entkommen haben es mir angetan, was bemerkenswert ist, denn für gewöhnlich tue ich mich mit kleinen Formen doch eher schwer. Die Texte von Joshua Groß konnten mich aber oft in kürzester Zeit einfangen und in ihre Welt mitnehmen.

Sie nahm alles, was von Jussuf molekular rüberschwappte, in sich auf, in einem Anflug von High, während Jussuf sich einfach nur wach fühlte, supercrispy und allem gewahr, was vor sich ging, wenn er auch nicht in der Lage war, es sinnvoll für sich einzuordnen.

Tatsächlich kann man berechtigterweise von einer solchen, einen Welt sprechen, in die die Texte die Leser*innen entführen. Denn Entkommen schreibt die Themen, Komplexe und teilweise auch Geschichten sowie Figuren der bereits erschienen Werke von Groß weiter. Das ist das Großartige: Hier sind keine Schreibübungen versammelt, die die Entwicklung hin zu den Großformen beschreiben, sondern Puzzleteile zu entdecken, die das Bild von Flexen in Miami über den Rahmen fortführen.

Vor allem der mittlere Part 2, Pfannkuchen, schlägt in diese Kerbe. Es sind zwei größere Erzählungen, die erste schließt gleich an Flexen an, indem es die Freundschaft von Joshua und Jellyfish P aus der Sicht des quallenbegeisterten Rappers in Form eines Prosagedichts weitererzählt. Die zweite wendet sich einem komplett anderen Thema zu, um doch ganz bei der Sache zu bleiben. Denn immer geht es um die Risse in unserer Welt, um die Lücken und Glitches in den Medien unserer Wahrnehmung, die Platons Höhle in den Raum zwischen Smartphone und Auge holen. Es geht um Entfremdung und die Suche nach dem Selbst in einer Welt, die so weit zerfasert ist, dass es immer schwerer wird, auch nur eine allgemeine Definition von ihr zu finden.

Joshua Groß arbeitet in seiner Prosa an einem Stoff, der seine jeweiligen Formen übersteigt. Er arbeitet sich in seinen Texten an unserer Welt ab und erschafft damit eine eigene, einen eigenen kleinen Mythos. Entkommen zeigt diese Arbeit im Kleinen und kann damit durch die Bank weg überzeugen. Mit den Essays kann ich hier zwar nicht so wirklich viel anfangen, da ihnen für mich die mythische Stärke und Tiefe der Prosa fehlt. Aber das tut dem Band keinen Abbruch.

Joshua Groß

Entkommen

Matthes & Seitz Berlin

272 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 18.3.2021

Kategorie Blog, Indiebooks, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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