[class] #7 »Zwischen den Stühlen« mit Arno Frank, Heike Geißler und Bov Bjerg

Kurz vor Ende des Lockdowns geht »Let’s talk about class« in die siebte Runde. Zum Thema »Zwischen den Stühlen« unterhielten sich Arno Frank, Heike Geißler und Bov Bjerg mit den Gastgeber*innen Daniela Dröscher und Michael Ebmeyer im Berliner ACUD.

Am Freitag fielen in Berlin die höchsten Lockdown-Einschränkungen. 24 Stunden trennten die siebte Ausgabe von »Let’s talk about class« also davon, wieder mal vor Publikum stattzufinden. Ein klein wenig sind diese Blogeinträge hier ja auch ein Corona-Tagebuch, daher sei dies wie immer erwähnt. Um Grenzen ging es auch in der Diskussion am Donnerstag. Das Thema »Zwischen den Stühlen« nimmt den Klassenaufstieg in den Fokus und fragt nach positiven wie negativen Auswirkungen der gesellschaftlichen Verbesserung. Auch wenn er während der Veranstaltung wohl eines der häufigst erwähnten Objekte war, saß dabei leider niemand in einem Schaukelstuhl. Dazu später mehr.

Heike Geißler steigt mit einem vermeintlich schweren Begriff in den Abend ein: das Territorium. Sie begreift ebenjenes Territorium als sicheren Raum, in dem ein Mensch einfach sein kann. Denn gerade mit dem Hintergrund eines Klassenaufstiegs – die Autorin kommt aus einem klassischen Arbeiter*innenhaushalt – wird der eigene Raum stetig kleiner. Immer häufiger fühlt sie sich wie auf fremdem Territorium, mit allen Unsicherheiten, die dieses unbekannte Terrain mit sich bringt.

Passend dazu liest sie ihre kurzen Texte aus der mit der »Class«-Reihe verschwisterten Veröffentlichung zum Projekt Check your Habitus. Besonders hebt sie den hohen Stellenwert der kapitalistischen Verwertbarkeit aller Tätigkeiten für Aufsteiger*innen hervor – nicht allein aus der bloßen materiellen Notwendigkeit heraus, sondern auch aus einem Zwang, besser zu sein.

Hier hat er seinen ersten großen Auftritt: der Schaukelstuhl. Es ist ein Zitat aus dem Roman So, und jetzt kommst du von Arno Frank, das das etwas aus der Mode gekommene Möbelstück der mondänen Entspannung ins Rampenlicht holt. Auch wenn der Gedankengang irgendwie schief ist – über die Reise nach Jerusalem geht es zum Zwischen-den-Stühlen-stehen, dann zum Schaukelstuhl –, wird er zum Symbol des Sesshaften, also derjenigen, die in ihrer Klasse zu Hause sind. Sie haben die Möglichkeit, zu entspannen, zu ruhen und eben zu schaukeln, während die Aufsteiger*innen zum beständigen Kampf gezwungen sind. Selbst wenn er sich in erster Linie gegen sie selbst richtet.

Der Journalist Arno Frank liest seinen Text aus der in den »Class«-Veranstaltungen dieses Jahr schon häufiger gesehenen Anthologie Klasse und Kampf. Hier geht es nun nicht mehr um einen Hochstapler, wie die autobiografisch inspirierte Vaterfigur aus seinem erwähnten Roman gerne gelesen wird. Hier steht eher die Not zur ständigen Arbeit im Fokus.

Autor Bov Bjerg steigt mit dem ein, was er als selbsternannter Vorleser am liebsten macht. Er liest aus seinem aktuellen Roman Serpentinen. Auch diese Geschichte stellt einen Vater in den Mittelpunkt, der seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen möchte, als er es hatte. Der Kampf, den dieses Vorhaben notwendig macht, bringt ihn immer wieder an den Rand des Scheiterns. Denn er kämpft auf vertrautem, aber fremd gewordenem Terrain: seiner alten Heimat, wo sich alle männlichen Vorfahren umgebracht haben. Die Herkunft und die Auseinandersetzung mit ihr wird zu einem Strudel, der alte Muster und neue Ängste verzwickt.

Danach wendet sich die Diskussion dem Dialekt zu. Er ist ein großer gesellschaftlicher Marker, der nicht nur die regionale, sondern in vielen Fällen auch die soziale Herkunft kenntlich macht. Zumindest für manche Menschen, die Dialekt als Zeichen der Unterschicht wahrnehmen. So eröffnet die dialektfreie Sprache die Türen zu höheren Klassen, schließt sie aber auch nach unten. Denn wer sich den Dialekt abgewöhnt hat, hält sich womöglich für »etwas Besseres«. Auch dies ist ein ganz typisches Dilemma der Aufsteiger*innen, was noch stärker zwischen die Stühle führt. Dialekt stellt sich neben Habitus, neben Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten, die Aufsteiger*innen meist vermissen.

Auch wenn die strukturelle gesellschaftliche Abwertung von Dialekten abnimmt und ganz im Gegenteil die sprachliche Vielfalt als Reichtum einer Gesellschaft mehr in den Fokus rückt: der Gegensatz von Dialekt und Hochdeutsch wird immer noch zu einer Grenze, die gerade Aufsteiger*innen das Leben schwer macht, zu lebenslanger Arbeit am Selbst verdammt und Brücken in die eigene Vergangenheit niederbrennen mag. Von einem ruhigen Abend im Schaukelstuhl wagt man da kaum zu träumen.


Den ganzen Abend zum Nachschauen gibt es hier:

Die nächste Diskussion zum Thema »Migration« findet Anfang August statt.

Kategorie Blog, class
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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