Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Ein Debüt, das aus dem Rahmen fällt: Yulia Marfutova schreibt mit Der Himmel vor hundert Jahren einen zauberhaften Roman über die abgelegene Peripherie und das Leben vor der globalisierten Echtzeit-Kommunikation.

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Ein Dorf, irgendwo in Russland. Irgendwo im Nirgendwo hat wohl als kalauernde Beschreibung selten so gut gepasst wie hier. Denn dieses Dorf ist abgeschnitten, abgehängt von den historischen Bewegungen der großen weiten Welt. Hier läuft noch alles genau so, wie es vor hundert Jahren war. Auch der titelgebende Himmel ist irgendwie ja noch der gleiche.

Ilja und Pjotr heißen die geistigen Zentren des Dorfs, beide auf ihre Weise verschroben und in sich und ihre Ansichten versunken. Das Dorf dreht sich seit Ewigkeiten in sich selbst, hat kaum Einfluss von außen. Selten sieht man mal einen Menschen auf der anderen Seite des Flusses, noch seltener kommt ein Mensch die kaputte Landstraße ins Dorf. Nur der Gutsbesitzer, dem das Dorf gehört, lässt sich immer mal wieder blicken. Erkennbar leicht an sauberen Fingernägeln und einem Wohlstandsbauch, der gegen die von Hunger geblähten Bäuche der Dorfbewohner*innen wohlig schwabbelt.

Man pflegt sich die Geschichten dieser Gegend auch deshalb zu erzählen, um sich die Gegend vom Leibe zu halten. Nun, nicht gerade vom Leibe: auf lebbarem Abstand. Wie schon die Eltern. Und die Eltern der Eltern. Und deren und überhaupt. Weil Geschichten so vieles so viel erträglicher machen.

Der Himmel vor hundert Jahren kommt einer Entführung gleich. Man wird in diesen Text gesogen, der zunächst durch seine höchst eigenständige Sprache besticht. Sie ist so mündlich, so verzagt und abgehackt, irgendwie abgeklärt und doch unsicher. Sie gibt dem Roman einen eigenen Ton, den Ton der Provinz, der Peripherie.

Dorthin geht die Entführung weiter, langsam entfaltet sich das Dorf, in dem sich alles zuträgt. Die Landschaft der russischen Tundra, in der das Dorf wohl liegen mag, verengt sich hier zu einem beklemmenden Kammerspiel. Immer wieder springt die Erzählstimme zu verschiedenen Personen, um ein Stück ihren Gedanken zu folgen und damit die leise kleine Geschichte immer ein ganz klein wenig weiterzutreiben. Nie stringent natürlich, denn im Dorf herrscht neben dem Aberglauben das Hörensagen, denn sonst gibt es ja auch nicht viel, wenn man mal ehrlich ist.

Die Erzählweise legt sich so überaus elegant und voller den verschrobenen Bewohner*innen zugewandtem Humor um einen rätselhaften Plot. Es hat mich damit sehr an Kanada von Juan Gómez Bárcena erinnert. Wer sich die Werbetexte auf dem Umschlag spart (was ich glücklicherweise immer mache bzw. sie schon wieder vergessen habe, wenn ich das Buch anfange), taucht in eine rätselhafte Welt ein, die sich erst ganz langsam und allmählich durch kleine Hinweise immer weiter zu erkennen gibt. Um zumindest die Chance auf dieses lohnenswerte Leseerlebnis zu erhalten, sei hier auch nichts weiter vom Plot oder dem historischen Setting preisgegeben.

Denn gerade das ist das Tolle an Der Himmel vor hundert Jahren: Der Roman ist auf der einen Seite so eigen, so verschroben, so speziell wie wenige Debütromane. Gleichzeitig kann er auf der anderen Seite aber ein fast universelles Setting bedienen, das das Schicksal der Provinz im tiefen Schatten des Zentrums in den Fokus nimmt. Das ohne Nostalgie vergangene Zeiten ohne digitale Kommunikation, Echtzeitmedien und das globalisierte Zusammenrücken jeglicher Teile unseres Planeten beschreibt und so ein leises Lob der Langsamkeit singt. Auch wenn sich selbst das abgelegenste Dorf dem Lauf der Welt nie ganz verschließen können wird – zum Glück, denn ein wenig Futter braucht das Hörensagen ja dann doch.

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

Yulia Marfutova

Der Himmel vor hundert Jahren

Rowohlt

192 Seiten | 22 Euro

Erschienen am 23.3.2021

Kategorie Blog, Rezensionen
Autor

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin. Beruflich vor allem mit wissenschaftlichen Büchern beschäftigt, kann ich mich auf dem Blog in der Belletristik austoben. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Naja …

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