[class] 5 Fragen an Volkan Ağar, Julia Friedrichs und Mareice Kaiser

Am 25. November findet die neunte Ausgabe der Diskussionsreihe »Let’s talk about class« über Wege aus dem Klassenkrampf im Berliner ACUD statt. Ein weiteres Mal im Livestream als auch vor Livepublikum, dieses Mal zum Thema »Mythos Mittelschicht«. Zu Gast sind Volkan Ağar, Julia Friedrichs und Mareice Kaiser. Wir haben ihnen wie immer vorab fünf Fragen gestellt.

Let’s talk about class #9

Volkan Ağar

Volkan Ağar
© Livia Kappler

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Ohne den Begriff Klasse lässt sich unsere Gegenwart nicht verstehen. Mir hat er geholfen, meine und die Situation meiner Familie zu verstehen und in ein Verhältnis zum gesellschaftlichen großen Ganzen zu setzen. Das hat mich handlungsfähig gemacht.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Meine soziale Herkunft hat mich nicht nur geprägt. Sie prägt mich immer noch. Sie beeinflusst, wie ich die Welt wahrnehme, einordne, mich zu ihr verhalte, wie ich fühle. Meine soziale Herkunft bestimmt immer noch, was ich von meinem Leben erwarten darf und was nicht, beeinflusst deshalb tägliche Entscheidungen, wie ängstlich oder mutig oder hoffnungsvoll oder hoffnungslos ich sie treffe. Bei allen Freiheiten, die ich auch genieße, entscheidet meine Vergangenheit immer über meine Zukunft. Es gibt im Kapitalismus keine Emanzipation von der Vergangenheit.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Ich wäre gerne in eine klassenlose Gesellschaft geboren worden.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Bücher: Das Kapital von Karl Marx in Begleitung von Einführungslektüre (z.B. von Michael Heinrich), Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, die autobiographischen Schriften von Annie Ernaux, Streulicht von Deniz Ohde.
Musik: Haftbefehl, Celo & Abdi, Apache 207, Disarstar.
Film: Gerade was Klasse im Zusammenhang mit Migration angeht, finde ich aus eigenen biographischen Gründen die Filme von Fatih Akın sehr bewegend, darin insbesondere die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern: Gegen die Wand und Auf der anderen Seite.

In welcher Beziehung siehst du dich selbst zur Mittelschicht?
In einer befremdlichen, distanzierten, skeptischen. Als Wort ist sie ein Ablenkungsmanöver, weil sie das Oben und das Unten aus dem Blick nimmt. Auch wenn sie mich materiell und kulturell umgibt, werde ich wohl nie Teil von ihr sein können, selbst wenn ich irgendwann einmal – wider Erwarten – mehr Geld als heute haben sollte.

Volkan Ağar ist Redakteur bei der taz. Er schreibt über Gesellschaft, Popkultur und Medien. In seiner Kolumne ‚Postprolet‘ beschäftigt er sich mit Klassenfragen und sozialer Ungleichheit. 


Julia Friedrichs

Julia Friedrichs
© Andreas Hornoff

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Ich beziehe »Klasse« vor allem auf die sozio-ökonomische Situation von Menschen: die Zugehörigkeit zu einer festen Schicht, gemessen nach Einkommen, Vermögen und Lebenschancen. In meinen Augen ist Deutschland vor allem in punkto Verteilung von Chancen und Vermögen eine Klassengesellschaft.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Wie jeden: sehr. Ich bin in den westdeutschen 1980er Jahren in einer Kleinstadt im Münsterland aufgewachsen. In einer Zeit, in der die Spreizung von Vermögen und Chancen noch nicht so groß war wie jetzt. Mein Vater ist in einer Arbeitersiedlung mit vielen Geschwistern großgeworden, heute würde man die Familie als arm bezeichnen. Er ist dann, dank der Bildungsexpansion aufgestiegen, hat mit 30 ein Haus bauen können. In diesem Gefühl, dass jeder durch eigene Anstrengung ein gutes, sicheres Leben erreichen kann, bin ich aufgewachsen.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Ich wäre gerne an einem anderen Ort geboren worden: mehr Stadt und Sonne, weniger Regen. Oder alternativ in Bremen, Steinwurfweite vom Weserstadion entfernt. Mit meinem sozialen Milieu bin ich zufrieden.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Wer wissen will, wie sich die westlichen Industrieländer vom Prinzip des Klassenaufstiegs durch eigene Arbeit verabschiedet haben, dem sei das großartige Buch Die Abwicklung von George Packer empfohlen. Ich mochte Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling sehr, die romangewordenen Sozialstudien von Annie Ernaux, Arbeit von Thorsten Nagelschmidt hat mir gefallen. Dazu geht immer: Common people von Pulp.

In welcher Beziehung siehst du dich selbst zur Mittelschicht?
Was Herkunft, Einkommen und Vermögen angeht, bin ich eineindeutig gesicherte Mittelschicht, sprich: mir geht und ging es immer gut.

Die Autorin, Journalistin und Filmemacherin Julia Friedrichs beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit sozialer Ungleichheit, ihr aktuelles Buch Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können (Berlin Verlag 2021) beleuchtet die Undurchlässigkeit unserer Klassengesellschaft, soziale Ungerechtigkeit und die Illusion einer blühenden Mittelschicht.


Mareice Kaiser

Mareice Kaiser
© Livia Kappler

Wie stehst du zum Begriff »Klasse« und was bedeutet er für dich?
Bis vor einigen Jahren dachte ich dabei an Schulklassen. Mittlerweile weiß ich, dass der Begriff wichtig ist, um meine Biografie zu erzählen – und für Visionen und Utopien, in denen Menschen gleiche Chancen haben.

Wie hat deine soziale Herkunft dich geprägt?
Meine soziale Herkunft hat mir für ein paar Türen die Schlüssel in die Hand gedrückt – und für viele nicht.

Wärst du lieber in ein anderes soziales Milieu geboren worden? Wenn ja, in welches?
Mittlerweile nicht mehr, das war aber lange Zeit anders. Immer dann, wenn ich die Schlüssel nicht finden konnte, so sehr ich auch nach ihnen suchte.

Welche Bücher, Musik, Filme kannst du zu dem Thema empfehlen?
Zwischen den Zeilen geht es doch in fast allen Büchern, Musik und Filmen darum. Gehört, gelesen und gesehen werden vor allem Menschen mit sozio-ökonomischem Kapital. Seit einigen Jahren versuche ich, explizit andere Menschen zu lesen, zu hören, zu sehen. Die, denen die Schlüssel nicht von ihren Eltern in die Hand gedrückt wurden. Jacinta Nandi, Sahar Rahimi, Haiyti, Haftbefehl.

In welcher Beziehung siehst du dich selbst zur Mittelschicht?
Mein Beziehungsstatus in einer Dating-App wäre: Es ist kompliziert.

Mareice Kaiser ist Journalistin, Autorin und Chefredakteurin des Online-Magazins EDITION F. Sie schreibt über Inklusion, Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftliche Machtstrukturen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.


Let’s talk about class #9

»Das Wort Mittelschicht behauptet dort vernünftige Normalität, wo die unvernünftige Gleichzeitigkeit von Oben und Unten verleugnet wird.«

Volkan Ağar

Die Gesprächsreihe Let’s talk about class beschäftigt sich am 25. November im ACUD mit dem Mythos Mittelschicht. Zu Gast sind Mareice Kaiser, Julia Friedrichs und Volkan Ağar. Sie sprechen mit Daniela Dröscher und Michael Ebmeyer darüber, ob es überhaupt eine Mitte gibt, was sie auszeichnet und welche Macht von ihr ausgeht.

Donnerstag, 25. November, 20 Uhr – Liveveranstaltung im ACUD Studio mit zusätzlichem Livestream.

Kategorie Blog, class
Autor

Aufgewachsen im schönen Brandenburg lernte ich schon früh die ländliche Einöde lieben und hassen zugleich. Heute kehre ich immer wieder gern heim, wohne allerdings lieber in urbanen Räumen. Beruflich bin ich im Sachbuch unterwegs, nach Feierabend widme ich mich dann der Belletristik und schreibe hier über meine Lektüren.

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