Imagination der Vergangenheit: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel von Yulia Marfutova schreibt eine Familiengeschichte aus den Bruchstücken der Erinnerung und zeigt, wie kreativ man einen Roman erzählen kann.

Familiengeschichten sind ja immer so eine Sache. Bis zu einem bestimmten Punkt wird gern erzählt, Anekdoten zum besten gegeben, auch mal eine ernsthafte Episode unter Tränen erzählt. Doch was passiert zwischen all diesen herausgerissenen Versatzstücken, woraus kann ein roter Faden werden, das etwa bei der Mutter als Kind und als Jugendlicher schon zeitlich unfassbar weit von einem entfernt scheint?
Eine Chance ist ein höchsten spatzengroßer Vogel von Yulia Marfutova erzählt die Spurensuche dreier Kinder, die mehr über das Leben der Mutter Marina als Jugendlicher und der Großmutter Nina in dieser Zeit erfahren wollen. Es ist das Ende der 1980er Jahre in der zerbröckelnden Sowjetunion, Mutter Marina ungefähr volljährig, Großmutter Nina gegen 60. Marina sehnt sich weg, heraus aus der Sowjetunion, aus der engen Wohnung, der Stadt – auch, weil sie Jüdin ist, doch dieser Teil ihrer Identität wird ihr in dieser Zeit erst ganz langsam bewusst.
Der Roman betreibt eine sanfte Ahnenforschung, die das Hörensagen zu einem roten Faden verdichtet und eine Geschichte daraus spinnt, die sich ihrer Brüchigkeit aber immer bewusst bleibt. So ist der Roman voll von der Stimmung eines sterbenden Staates, einer verhaltenen Aufbruchsstimmung, in die sich aber immer noch Unterdrückung, Mangel und auch Antisemitismus mischen. Ein tastendes Zeugnis einer kaum noch vorstellbaren Zeit.
Wirklich überragend an Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel ist seine Erzählweise. Die drei Enkel Ninas, die Kinder Marinas, erzählen als kollektives Wir, das von den Mäusen unterstützt wird. Die Mäuse kennen und wissen alles besser als die Enkel, belehren sie und werfen Nebensächliches ein, doch vor allem spinnen sie den Faden immer weiter, wenn die drei nicht mehr weiterkommen. In ihnen verdichtet sich das Hörensagen, das Mäuschenspielen zu einer erzählerischen Figur, die humorvoll und verspielt die Erinnerung zusammenfügt und dabei immer ihrer eigenen Konstruktion bewusst bleibt. So geht kreatives Erzählen über die trügerische Macht der Erinnerung.
Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel | Rowohlt | 144 Seiten | 22 Euro | Erschienen im August 2025
