Édouard Louis: Der Absturz

Nach der Mutter folgt der Bruder: Édouard Louis legt mit Der Absturz in seiner großen Familienerzählung nach. Diesmal steht der früh verstorbene Bruder im Mittelpunkt, über den es am Ende aber doch eher wenig zu sagen gibt.

Louis, Der Absturz, Cover

Nachdem erst Anfang 2025 noch Monique bricht aus bei Fischer erschien, folgt im Herbst schon der nächste Roman von Édouard Louis, nur diesmal bei Aufbau: Der Absturz. Ging es im Winter noch um den Weg der Mutter hin zur Eigenständigkeit und weg von gewalttätigen, alkoholsüchtigen Männern, geht es im Herbst um den titelgebenden Absturz des Bruders. Laut Klappentext ist Der Absturz der letzte Titel von Louis’ Familienepos – was mich schon neugierig darauf macht, was danach kommt.

Aber nun erstmal Der Absturz. Der besagte Bruder ist wie die große Schwester aus der ersten Ehe der Mutter, der Vater war – natürlich – ein prügelnder Alkoholiker, den die Mutter verließ, um ihn durch einen anderen prügelnden Alkoholiker zu ersetzen. Dieser behandelte die beiden nicht unbedingt viel anders als seine eigenen Kinder, aber eine harte und herzlose Kindheit war ihnen sicher.

So entwickelt auch der Bruder früh ein ernsthaftes Alkoholproblem, das er sein kurzes Leben lang nicht mehr loswerden soll und das ihm zusammen mit seiner Impulsivität jeden Zugang zu einem halbwegs geregelten Leben verbaut. Ständig träumt er von einem besseren Leben, einem, mit dem er allen zeigen kann, dass er nicht der Versager ist, für den wirklich jeder ihn hält. Aber immer fängt er schon nach kurzer Zeit wieder an zu saufen und verbaut sich auch noch die kleinste sich bietende Chance.

Der Absturz ist recht kurz und repetitiv, so wie alle Romane von Louis. Doch wo er dieses Mittel in anderen Romanen zu einer Stärke macht, sie emotional auflädt und in kurzen Sätzen den Nagel auf den Kopf trifft, läuft dies hier eher ins Leere. Zum ersten Mal kommt mir ein Louis-Roman aufgeblasen vor, es mangelt hier ganz eindeutig an Stoff über den Bruder. Eine Handvoll Anekdoten aus der Kindheit Louis’, die Fahrt zur Mutter nach dem Tod des Bruders, die Vorbereitung seines Begräbnisses und ein paar Telefonate mit Exfreundinnen des Bruders – mehr ist nicht vorhanden, und leider merkt man das dem Roman an. Auch die irgendwie faire Wärme, mit denen Louis seine für sich unsympathischen Protagonist*innen typischerweise behandelt, will hier in der Kürze nicht recht aufkommen. Für mich der schwächste Roman von Édouard Louis bisher, aber umso mehr ein Grund, gespannt auf das zu sein, was nun kommen mag.

Édouard Louis: Der Absturz | Aufbau | Aus dem Französischen von Sonja Finck | 222 Seiten | 24 Euro | Erschienen im September 2025

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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