Destruktive Gedanken: In Zerstörungslust analysieren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Nachmoderne und mit ihr die Elemente des demokratischen Faschismus. Buch der Stunde!

Selten hat eine Studie wohl so klar die Widersprüchlichkeit ihres Gegenstands im Titel getragen. Zerstörungslust lautet der Haupttitel des neuen Buchs von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, und er führt schon auf die richtige Fährte, aber der Untertitel lässt es dann krachen: Elemente des demokratischen Faschismus. Eigentlich sollte man ja denken, dass Demokratie und Faschismus kaum weiter voneinander entfernt sein könnten, und nun sollen sie im Modus des demokratischen Faschismus ineinander aufgehen? Schwer zu glauben auf den ersten Blick, aber wer den Vorgänger Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus gelesen hat, der ist die nachmoderne Symbiose von vermeintlichen Gegensätzen schon gewohnt.
Ging es im Vorgänger um den Groll der Nachmoderne-Verlierer und -Absteiger, wandelt er sich im Angesicht der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen zur titelgebenden Zerstörungslust. Sie entwickeln Erich Fromms Konzept der destruktiven Mentalität weiter und entwickeln eine Typologie der Widersacher der liberalen Demokratie. Die destruktivsten unter ihnen zeichnen sich durch einen ausgeprägten Hang zur Zerstörungslust aus und bilden die Protagonist*innen des demokratischen Faschismus.
Sie sehen sich selbst als Erneuerer der Demokratie, die sie wieder vom Kopf auf die Füße stellen wollen – inklusive kulturellem Backlash zurück in eine imaginierte Welt etwa der 1950er Jahre, als die Ordnung des Lebens noch binär und einfach war. Also genau das, was Rechtspopulisten schon lange in alle Mikrofone schreien (man lese etwa Marcel Lewandowsky dazu in Was Populisten wollen), nur oft noch radikaler.
Das Besondere an Zerstörungslust ist, dass es sich – ein paar soziologische Grundkenntnisse vorausgesetzt – spannend wie ein Krimi liest und gar nicht so sehr wie Wissenschaft anfühlt. Und das, obwohl die Studie auf eigenen Datenerhebungen der Autor*innen basiert, deren Ergebnisse in einem Apparat enthalten sind. Das macht das Werk zum perfekten stilistischen Balanceakt und gleichzeitig inhaltlich zum Buch der Stunde angesichts einer immer weiter aus dem Ruder laufenden Welt.
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus | Suhrkamp | 464 Seiten | 30 Euro | Erschienen im Oktober 2025
