Safae el Khannoussi: Oroppa

Heimat und Exil: Oroppa von Safae el Khannoussi ist ein wild wuchernder Roman über die Möglichkeit einer neuen Heimat in der Fremde, hier von nordafrikanischen Menschen in den Niederlanden.

Safae El Khannoussi, Oroppa, Cover

Salomé Abergel ist weg. Ihr Haus steht leer, die Gemälde im Keller sind immer noch da, alles scheint kaum angetastet, doch die erfolgreiche Malerin ist nicht mehr zu finden. Ihre Agentin macht sich nicht ganz uneigennützig auf die Suche nach ihr. Auch ihr Sohn Irad versucht sie zu finden, stößt aber nur auf Hind, die das Haus der Künstlerin in Amsterdam hütet. Die wiederum wurde von Hbib dort einquartiert, der von ihrem Verschwinden zuerst erfuhr. Auch ein ehemaliger Folterer aus Marokko ist involviert. Die Spuren führen schließlich nach Tunesien, wo Azzedine zu einem unfreiwilligen Fremdenführer wird.

Oroppa steht, wie mir etwas spät bewusst wurde, Europa. Das Wort beschreibt perfekt den anderen Blick, der hier auf unser allgegenwärtiges, für uns immer gleiches Europa geworfen wird. Der Roman von Safae el Khannoussi, aus dem Niederländischen übersetzt von Stefanie Ochel, ist als Erzählreigen um die verschwundene Salomé angelegt, der sich beständig dreht, sein abwesendes Zentrum umkreist und sich ihm immer weiter nähert, es jedoch nie ganz erreicht. Damit erschafft der Roman ein lebendiges Panorama der nordafrikanischen Diaspora in Europa, mit ganz unterschiedlichen Geschichten von Flucht und Migration, von Ankommen, Fremdheit und der Suche nach dem eigenen Selbst.

Der Roman ist toll komponiert und sprachlich auf den Punkt, die Figuren werden in ihren Kapiteln lebendig, das Bild der abwesenden Künstlerin dabei immer vielseitiger. Die vielen Stimmen des Romans kommen für mich allerdings zu einem Preis. Denn genau wie mir Erzählungsbände nur selten zusagen, so sind auch hier die immer neue Geschichten einfach sehr unterschiedlich interessant, sodass der Roman für mich doch einige Längen hatte. Hier wäre für mich eine etwas ausgewogenere Balance zwischen den Figuren gut gewesen.

Safae el Khannoussi: Oroppa | Hanser| Übersetzt aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel | 352 Seiten | 26 Euro | Erschienen im Februar 2026

Kategorie Blog, Rezensionen

Ich bin im Niemandsland von NRW zwischen Tagebauten und Kraftwerken aufgewachsen, da gab es nur wenige Argumente gegen ausgiebiges Lesen, um der Tristesse zu entkommen. Dann ging es nach Aachen, später nach Köln, dann nach Göttingen und nun lebe ich in Berlin und arbeite als Buchhersteller. Nebenbei spiele ich noch in Bands, meine zweite Leidenschaft ist ganz klar die Musik! Oder doch Kochen und Essen? Schwer zu sagen.

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