Patriarchat transnational: Wir Töchter von Oliwia Hälterlein verfolgt drei Generationen Frauen zwischen Polen und Deutschland, mit der patriarchalen Unterdrückung als kleinstem gemeinsamen Nenner.

Drei Frauen einer Familie, drei Generationen, drei vollkommen andere Lebenswelten – ein Gefühl: Wir Töchter von Oliwia Hälterlein handelt von deutsch-polnischer Geschichte, von Heimat und dem Patriarchat, das unbeeindruckt in immer neuen Formen weiterbesteht.
Es beginnt mit Marianna in den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, irgendwo auf dem polnischen Land. Es ist rau, sie führt das Leben einer einfachen Bäuerin, deren Leben von Anfang bis Ende vorbestimmt ist, Freiheiten gibt es praktisch keine. Ihre Tochter Róza wächst bei ihr auf, doch sie bricht aus, geht in die Stadt, nach Danzig, flieht von dort mit ihrem Mann schließlich nach Deutschland – kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Ihre Tochter Waleria wächst in Deutschland auf und kennt Polen nur noch aus den Sommerferien vom Babcia Marianna – ein Kreis, der sich doch nie schließen will, offen bleibt wie eine Wunde.
Wir Töchter wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den drei Frauen, deren Geschichten jeweils chronologisch fortgeschrieben werden. Dadurch bewegt sich das Buch in einem konstanten Dreiklang, der immer an drei verschiedenen Zeitpunkten Zeitgeschichte einfängt und die drei Frauen in ihr platziert, sie sie miterleben lässt. Das ist großartig komponiert und führt nie zu Verwirrung, da die Trennung zwischen den dreien sehr klar ist.
So erleben wir Leser*innen, wie sich das Leben innerhalb von drei Generationen komplett auf den Kopf stellt, sich die Familie vom bäuerlichen Landleben zum modernen Stadtleben wandelt, mit ganz anderen Problemen. Und wie es bröckelt zwischen den Frauen, als ihre Leben sich immer weiter voneinander entfernen – nicht nur räumlich. Eine Konstante bleibt ihnen dabei erhalten: Alle leiden unter den patriarchalen Verhältnissen, in denen sie Leben. Auch wenn sich das Bewusstsein dem gegenüber ändert, bleibt der Druck, den sie alle verspüren, durch die Zeiten der gleiche. Doch kommt für Róza und Waerlia noch eine neue Frage hinzu, nämlich die nach der Heimat. Wo ist der Ort, an den sie gehören, wo sie akzeptiert sind und ganz bei sich sein können?
Wir Töchter ist ein berührendes Debüt, das individuelle Leben und Zeitgeschichte geschickt verknüpft und mit den Figuren erlebbar macht. Dabei berührt es ganz heutige Themen mit einer historischen Grundierung, was der Auseinandersetzung mit Feminismus und Migration viel Tiefe gibt.
Oliwia Hälterlein | C.H. Beck | 357 Seiten | 25 Euro | Erschienen im Februar 2026
