Globale Bestellung: Tomer Gardi schreibt mit Liefern einen großen Roman über die kleinsten und verletzlichsten Teile unserer Gesellschaft und dem Liefern als Ort der ungeschützten Ausbeutung.

Ein Unfall auf einer Kreuzung in Delhi. Ein Streik auf den Straßen von Istanbul. Verkehrschaos in Tel Aviv. Ein verlorenes Handy in Buenos Aires. Und ein Mädchen in Berlin, das ihren Vater nur vom Handybildschirm kennt. Tomer Gardi verwebt in seinem neuen Roman Liefern viele kleine, über den Globus verteilte Geschichten zu einem Epos der Ausbeutung in einer globalisierten Welt.
Lieferfahrer sind in Großstädten ein allgemeines Phänomen, überall mehr oder weniger gleich. Immer sind sie präsent auf den Straßen, drängeln sich durch die Staus und rasen mit ihren E-Bikes über Fußwege. Ein ärgerliches Phänomen, das aber keine Rolle mehr spielt, sobald man selbst auf die Dienstleistung dahinter zurückgreift und Essen oder sonst etwas geliefert bekommen möchte.
Liefern schafft es mit Witz und Einfühlungsvermögen, dieser irgendwie unsichtbaren Dienstleistung Gesichter zu geben. Die Menschen dahinter sind meist Migranten, die keinen anderen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, aber dringend Geld verdienen müssen. Hinter denen Familien stehen, die sie versorgen müssen, und sich dafür in ein System begeben, das darauf angelegt ist, sie auszuquetschen.
So wird der Roman zu einem Epos über den globalisierten Plattform-Kapitalismus, der Risiken auf die kleinsten und verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft abwälzt, um für den Rest ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Damit ändert Tomer Gardi die Sicht auf Lieferfahrer für alle Leser*innen unwiderruflich.
Tomer Gardi: Liefern | Tropen | 320 Seiten | 25 Euro | Erschienen im Februar 2026
